"Über Tiere": Pornografie unterminieren

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CHRISTINE GAIGG INSZENIERT ELFRIEDE JELINEKS MÄDCHENHÄNDLERSTÜCK

Die österreichische Choreografin Christine Gaigg arbeitet derzeit an der Umsetzung einer Textfläche von Elfriede Jelinek für die Bühne. „Über Tiere" heißt der Jelineksche Text, der zu großen Teilen aus den originalen, in der Wiener Wochenzeitung „Falter" veröffentlichten Protokollen eines polizeilichen Lauschangriffs auf eine kriminell agierende Wiener Begleitagentur gesampelt ist. Der folgende Text basiert auf einem von Judith Helmer und Martina Ruhsam im Frühjahr 2007 mit Christine Gaigg geführten Gespräch.


„Über Tiere" ist ein beeindruckender Text. Elfriede Jelinek generiert durch verschiedene Wiederholungengeradezu einen Sprachsog. Darin sehe ich eine Affinität zu meiner choreografischen Technik, in der ich Bewegungsmodule mit geringen Veränderungen so aneinanderreihe, dass ein gleichzeitig hypnotischer und analytischer Effekt eintritt. Insofern sehe ich in diesem Projekt - auch wenn es auf den ersten Blick bloß wirkt wie der Ausflug einer Choreografin ins Theater - eine Kontinuität meiner Arbeit der letzten Jahre und auch meiner Zusammenarbeit mit dem Komponisten Bernhard Lang, in der es ja auch diese Affinität der Arbeitsweisen gibt. Das ist der formale Aspekt. Außerdem besteht ein inhaltlicher Bezug zu einem Stück, das ich 1998 beim imagetanz-Festival in dietheater Künstlerhaus, Wien, herausgebracht habe: „Rough Trades", für das der Ausgangspunkt die wahre Geschichte eines Linzer Prostituiertenmordes war. Damals interessierte mich vor allem die strukturelle Verflechtung von Polizei, Prostitution, Geldwäsche und Justiz. Der Text von Elfriede Jelinek ist aber viel weniger abstrakt, sondern eine unmittelbare und sehr körperliche Abarbeitung.

Sex als Teil des Konsumsystems

„Über Tiere" besteht aus zwei Teilen, die einander bedingen. Der erste Teil kann als eine innerliche Ansprache der Hingabe an einen abwesenden Geliebten gelesen werden. Im zweiten Teil wird anhand montierter Telefonfloskeln von Mädchenhändlern, Kunden und Vermittlern explizit vorgeführt, welche Auswirkungen das Geschäft mit Sexualität in einer kapitalistischen, von menschenfeindlichen Immigrationsgesetzen eingefriedeten Gesellschaft haben kann. Sexualität wäre ja eigentlich gratis und außerhalb der Warengesellschaft angesiedelt. Wenn Sexualität aber Teil des Konsumsystems wird, sind im Zusammenhang mit ihr Freiheitsberaubung und Ausbeutung ebenso üblich wie bei der Herstellung von Sportschuhen in weit entfernten Ländern. Nur dass es eben nicht Sportschuhe sind, sondern Menschen, ihre Würde und ihre Körper. Der Körper ist also das Symbol dessen, was den Mädchen am nächsten ist und am wenigsten selbst gehört. Wie es im Justizurteil heißt: diese Mädchen sind ihrer sexuellen Disposition beraubt. Sie haben nicht mehr die Wahlmöglichkeiten, die im ersten Teil des Textes durchscheinen.

Wir gestalten in unserer Inszenierung die Zäsur zwischen den beiden Teilen so, dass das Publikum im ersten Teil noch die Übersicht und gleichzeitig eine aufregende Nähe zu den Akteuren hat. Im zweiten Teil aber kehrt sich die Situation um. Die Machtverhältnisse von Darstellen/Angeschautwerden/Anschauen kommen ins Wanken, das Publikum wird zum theatralen Objekt. Die ZuschauerInnen sitzen im zweiten Teil in einer Art Transitraum, und die DarstellerInnen bewegen sich zwischen ihnen. Die Schauspielerinnen Juliane Werner und Silke Geertz und die Schauspieler Christian Wittmann und Christoph Rath verkörpern keine Figuren, sondern setzen punktuell Aktionen, damit der Text sich in Raum und Publikum verzweigen kann, wuchern kann wie jene gesellschaftliche Unterwanderung, die in den Protokollen zum Ausdruck kommt. In diesem Setting der Nähe sind sowohl ZuschauerInnen als auch SchauspielerInnen ausgesetzt.

Das Thema der Mädchenhändler, die Mädchen aus Osteuropa in den Westen bringen, ist aktuell. Der Journalist Florian Klenk, der den Skandal im Sommer 2005 im „Falter" aufgedeckt hat, arbeitet mittlerweile für die Hamburger Zeitschrift „Die Zeit" und veröffentlicht dort immer wieder Berichte dazu. Das Thema an sich mutet dem Publikum schon einiges zu, und zusätzlich mutet der Text ihm zu, dass es sich nicht automatisch auf die Position der moralischen Entrüstung zurückziehen kann. Ein Jelinek-Text polarisiert deshalb so, weil er nicht bloß etwas bestätigt, sondern eine Diskussion auslöst. So ist das auch bei diesem Text. Er ist nicht angenehm zu lesen, man muss sich richtig dazu zwingen, und eigentlich kann man es nur aufgrund der Jelinekschen Ironie überhaupt aushalten.

Pornografievorwurf gegenüber Jelinek-Texten

Ein traditioneller Vorwurf gegenüber den Texten von Elfriede Jelinek ist, dass sie pornografisch seien. Zur Beschäftigung mit Jelineks Universum gehört für mich gegenwärtig auch der wissenschaftliche Umgang mit ihrem Werk. Gegen den Pornografievorwurf lassen sich kunsttheoretische Kriterien heranziehen. Jelinek verwendet pornografische Methoden mit umgekehrten Zielsetzungen und Strukturen und damit anderen Wirkungen.

Wenn ein pornografischer Text sich unter anderem durch explizit detaillierte Darstellung sexueller Handlungen, sprachliche Tabuverletzungen, fragmentierte Darstellung von Körpern, Reduktion der Akteure auf Geschlechtlichkeit, Austauschbarkeit, Rezeptionssteuerung durch Fehlen des Erzählerkommentars (wodurch eine Identifikation mit den handelnden Personen ermöglicht wird, mit dem Ziel, den Leser zu erregen) dann wird ein Jelinek-Text einige dieser Merkmale aufweisen, und mindestens ebenso viele sprachlich und ästhetisch gegenläufige Strategien. Elfriede Jelinek schreibt in einem „Der Sinn des Obszönen" übertitelten Aufsatz: „Die Lust soll nicht konsumiert werden wie kommerzielle Pornografie. Sie soll durch ästhetische Vermittlung sozusagen dem Leser ins Gesicht zurückschlagen... Es geht darum, Sexualität als etwas Politisches und nicht als etwas Unschuldiges zu begreifen, das einfach da ist."

Das Prekäre in der Inszenierung wirken lassen

Es wäre etwas ganz anderes, würde ich einen pornografischen Text aussuchen und etwas entwickeln, das gegen ihn arbeitet. Hier aber ist die Ambivalenz schon der Textvorlage implizit. Brechungen sind so grundsätzlich leicht möglich, weil Sex etwas so Ursächliches, etwas so Direktes ist. Es gibt universelle Mythen und erkennbare Aspekte, die sehr klar sind. Trotzdem geht mit dieser Arbeit ein ganzes Paket an Problematiken einher. Das Prekäre in der Inszenierung wirken zu lassen - darum geht es letztendlich.

Jelinek nimmt das dokumentarische Floskelmaterial der Telefonprotokolle ja nur zum Anlass, um über die verhandelten Themen Liebe, Nähe, Sexualität die Frage zu stellen: Wer sind wir? Wo ziehen wir die Grenze zwischen Tier und Mensch? In „Ulrike Maria Stuart", dem vor „Über Tiere" letzten  Dramentext von Elfriede Jelinek wird die RAF-Parole „Schwein oder Mensch“ ausgegeben. Die in „Über Tiere" vorgeführten Protokollabschriften hätten das Potential, eine solch naiv implizierte Hierarchie des guten über den schlechten Menschen festzustellen, mit einer Tiermetapher zu versehen und sich moralisch überlegen zu fühlen. Genau das macht einem der Text madig.

Mit zunehmender Geschwindigkeit steigert sich die konkrete Benennung von Körperlichkeit, Körperteilen und körperlichen Vorgängen, sodass man sich - Zitat - fast „anspeibt". Bis zur Kehrtwende, wo sich traumatisch die Ablösung von jeglichem körperlichen Empfinden vollziehen muss. Dieser Wucht des beschriebenen Exzesses muss man etwas von annähernder Intensität entgegensetzen.

 

Christine Gaigg, geboren in Linz, lebt als freischaffende Choreografin in Wien. Nach ihrem Studium der Philosophie und Sprachwissenschaft an der Universität Wien absolvierte sie eine Tanz- und Choreografieausbildung an der School for New Dance Development in Amsterdam. Unter dem Label „2nd Nature“ produziert sie Arbeiten im zeitgenössischen Tanz, meist in Kollaboration mit Komponisten Neuer Musik. Mit Max Nagl u.a. „Sacre Material“ (für das Gaigg mit dem Österreichischen Tanzproduktionspreis ausgezeichnet wurde) und „ADEBAR/KUBELKA“ (2003) unter Einbindung des Filmemachers Peter Kubelka. Zusammen mit Bernhard Lang entwickelt sie seit 2004 eine Loop-Grammatik in Bewegung, Musik und Sprache. Daraus entstand „TRIKE“ in drei Teilen: „spring“, „summer“, „winter“ (2004) als Vorstufen zu „TRIKE“ (2005), koproduziert von Tanzquartier Wien und Theater am Neumarkt Zürich. "V-TRIKE" (2004-06) hatte am Kaaitheater Brüssel Premiere. "Über Tiere" inszeniert die Choreografin mit Ensemblemitgliedern des Theaters am Neumarkt, Zürich, und Berliner Gästen. Die Arbeit ist als Schweizer Erstaufführung im Juni 2007 bei den Zürcher Festspielen und im Oktober 2007 im Tanzquartier Wien zu sehen. Neben ihrer Tätigkeit als Choreografin war sie European Editor der Zeitschrift „Performance Research“, unterrichtete an der SNDD Amsterdam und hat seit 1996 einen Lehrauftrag für Performance Studies am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. In der Saison 2007/08 ist sie Artist in Residence am Tanzquartier Wien.

Weblink Christine Gaigg: www.2ndnature.at
Weblink Elfriede Jelinek: ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede

  Rakete

(23.4.2007)