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RETROSPEKTIVE DES CHINESISCHEN KÜNSTLERS CHEN ZHEN IN DER KUNSTHALLE WIEN: "DER KÖRPER ALS LANDSCHAFT"
Von Helmut Ploebst
An demselben Abend, an dem die Retrospektive „Der Körper als Landschaft“ des chinesischen Künstlers Chen Zhen in der Kunsthalle Wien eröffnet wurde, zeigte der junge rumänische Choreograf Manuel Pelmus im benachbarten Tanzquartier Wien seine Soloarbeit „Preview“ . Pelmus verzichtete in dem Stück auf jegliches Licht und verwies auf die Akustik seiner Stimme und der Geräusche, die sein Körper durch seine Bewegungen im Performanceraum erzeugte.
In Chen Zhens Installation „Jue Chang, Dancing Body - Drumming Mind (The Last Song)“ aus dem Jahr 2000 fehlt der tanzende Körper. Dafür gibt es ein sorgfältiges Arrangement von an die hundert Sesseln und Betten zu sehen, deren Sitz- und Liegeflächen mit ledernen Trommelfellen bespannt sind.
Schwarzer Balken
Beide, der Choreograf und der bildende Künstler, zitieren auf unterschiedliche Arten den abwesenden Körper herbei, jenen Körper, dessen Spuren wir in der gestischen Malerei rekonstruieren, den Yves Klein ins Leere springen ließ oder den Jérôme Bel hinter den Vorhang verbannte. Pelmus und Bel thematisieren den hinter einem schwarzen Balken präsenten Körper, wie ihn die junge österreichische Choreografin Gabri Einsiedl explizit als solchen betitelt hat. Chen Zhen hingegen verbindet den Körper des Künstlers, der von seinem Werk entlassen wurde, mit jenem des die Installation bespielenden Betrachters, der ein immer wieder kommender ist.
Zwischen Pelmus' Antizipation (preview) und Gegenwart (present) des Ab-(mit Heidegger:)Wesenden einerseits und Chen Zhens Zwischenraum, wie er in „Cocon du vide“ (2000), noch besser aber in „No Way to Sky, No Door to Earth“ (1995) dargestellt ist, entstehen spannende Spielräume. Innerhalb dieser kann Präsenz als Abwesenheit des Abwesenden ausgelotet werden - mit dem Anspruch, daß das Abwesende selbst eine andere Art der Präsenz erzeugt, durch die das Aufscheinen des Anwesenden erst möglich wird. Film und Video etwa erzeugen die Präsenz des Absenten permanent, und es fällt auf, daß diese Medien bei Chen Zhen fehlen.
Transexpérience
Der performative Aspekt in dem Werk „Jue Chang“ des 2000 verstorbenen Künstlers ist im Kommenden verankert. Also im Anspruch der Tilgung der Abwesenheit. Bei „Purification Room"“ist dieses Muster umgekehrt: die einzelnen Objekte der Installation sind unter einer Schlammhaut „begraben“, ihre Benutzbarkeit ist damit gelöscht. „No Way to Sky, No Door to Earth“ verstärkt diese Überlegung noch: die Betrachter werden zwischen zwei Unbegehbarkeiten festgehalten, sie befinden sich zugleich vor und hinter der „Bühne“, ihr Kommen konfrontiert sie mit dem Verweis auf eine einzige Möglichkeit: die des Weitergehens.
„Chens Prinzip der ,transexpérience‘, das die Summe aller symbolischen Zuschreibungen nicht als Setzung, sondern als fließende und veränderbare Kraft zeigt, wird hier wirksam und lebendig“, schreibt Gerald Matt in der Katalog-Einleitung. Damit ist ein Prozeß angesprochen, der sich auf einer „interkontextuellen“ Matrix fortschreibt und auf Foucaults Heterotopien bezogen werden kann. Auf solche allerdings, die sich miteinander verbinden, wie das sehr schön in „Voice of Migrators“ (1995) zu erfahren ist: einem großen Knäuel aus miteinander verknüpften Kleidungsstücken, aus dem vielsprachig Stimmen vom Anrufbeantworter tönen.
Reale Prozesse
Diese Stimmen dringen durch Löcher, in die in das dunkle Innere der Kugel geblickt werden kann, in eine leere, unbetretbare „Bühne“ mit den Spuren abwesender Sprecher. Was an der Oberfläche als „multikulturell" Verbundenes formuliert wird, erweist sich im dunkeln Kern als „transkulturell" getrennt.
Wenn sich auch „Verbindungen“ (etwa zwischen verschiedenen Kulturen, aber auch zwischen allen Individuen) als illusionär erweisen, so sind die verschiedenen Prozesse des Verbindens - und des Trennens - ausgesprochen real. Das macht Chen Zhen deutlich. Alle Lektüren stellen Verbindungsversuche dar ohne Chance für den Leser, einen Zustand der Verbundenheit mit dem unter dem „Lesestoff“ Verborgenen je zu erreichen. Chens Arbeiten sind objektgewordene Lektüren und Zeugnisse eines gelungenen Lesens. Im Lesen dieser Lektüren kehrt sich dieser Prozeß um. Die Betrachter werden ins Leere geführt, nicht aber ins Nichts - eben weil im Verfolgen der Codes in den Arbeiten sich etwas ereignet, das zwar definitiv keine Aneignung ist, aber doch als solche empfunden werden kann.
Tatsächlich eignet sich die Lektüre immer ihre Leser an, so auch hier, wenn die Ausstellungsbesucher sich an „Jue Chang, Dancing Body - Drumming Mind (The Last Song)“ versuchen. Diese Empfindung und diese Tatsache widersprechen einander nicht, weil sie von einem Dritten aufgefangen werden, für das der Künstler die taoistische Bezeichnung Qi benutzt. Wir können zur Übersetzung Luhmann in die Astrophysik entführen und behaupten, es sei die dunkle Energie kommunikativer Systeme.
(27.5.2007)
www.kunsthallewien.at
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