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BORIS CHARMATZ MIT "QUINTET CIRCLE" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Sabina Holzer
„Ein soziales Feld definiert sich nicht durch seine Widersprüche, es existiert vielmehr in dem, was ihm unaufhörlich entgleitet, also in der Gesamtheit seiner Fluchtlinien; und die Gesellschaft ist etwas, das leckt, finanziell, ideologisch, es gibt überall Leckstellen.“ [1]
Als ich Boris Charmatz' „héâtre-élévision“ während des ImPulsTanz-Festivals 2003 in einem Raum der Kunsthalle Wien sah, musste ich unmittelbar an Jerzy Grotowskys paratheatrale, posttheatrale Forschungen der achtziger Jahre denken, in denen er mit seinen SchauspielerInnen den psychophysischen Einfluss von (alten) Liedern untersuchte und sich auf die Fluchtlinien von Ritual und Kunst begab.
So in etwa habe ich mir das vorgestellt, dachte ich, als ich - auf dem Rücken liegend - diesen anarchistischen, expressionistischen Tanz betrachtete. Körper, die in der Resonanz von Tönen ihre eigenen Figuren entstehen lassen, die aus der Erfahrung der Klangräume, aus Tönen und Rufen, aus der kollektiven Erinnerung von Liedern eine andere, weitere Körperwahrnehmung entwickeln.
„héâtre-élévision“ war ein Video in einer Rauminstallation, die pro Aufführung nur von einer BesucherIn erlebt werden konnte. Liegend auf einem Piano, das als schwarzes Podest fungierte, konnte man mit einem Kissen unterm Kopf fernsehen. Lautsprecher waren im Raum verteilt, zwei davon direkt hinter dem Kopf des Betrachters. Durch die Trennung des Sound vom Bild und dessen Aufteilung in den größeren realen Raum entstand eine erstaunliche Durchdringung von Raum- und Körperwahrnehmung.
Das Stimmen eines Klaviers von einem blinden Klavierstimmer sowie der eigentümlich groteske, entäusserte Tanz der Figuren in ihren blitzblauen Cunninghamkostümen ließen mich während der fünfzig Minuten etwas high werden. Mit einem leichten Schwindelgefühl ob dieses organlosen Körpers, der mich plötzlich so konkret umfangen hatte, verließ ich die Kunsthalle. Meine Sinne gedehnt und ausgebreitet in den Sommer hinaus.
Körperraum und Raumkörper
Diesen Tanz, diese Choreografie „Quintet Circle" aus „héâtre-élévision" hat Boris Charmatz aus dem Fernsehgerät ins Theater entlassen. „If ,Quintet Circle‘ managed to squash itself into a television set, it would be to emerge from it all that greater. We dreamed of a live version whose power would actually fill real theatre volume...", sagt er im Programmheft.
An den beiden Seiten der Bühne stehen Instrumente. Ein Grand Piano und eine Querflöte auf der einen, zwei Tubas auf der anderen Seite mit Notenständern und Mikrofonen. Auch am vorderen Rand der Bühne stehen zwei Mikros, dazwischen ein längliches Kissen. An der Hinterseite steht in der Mitte eine schwarzer Würfel ohne Frontplatte (ca. 2,5 x 2,5 x 2,5 Meter) in dessen metallschimmerndes Inneres das Publikum hineinsehen kann: ein überdimensionaler Fernsehraum. Über der Bühne hängt ein zum Publikum hin geöffnetes Stangengerüst, eine quadratische Konstruktion mit Scheinwerfern und Neonröhren.
Die Choreografie beginnt im Raum unter diesem Gittergerüst und verlagert sich nach kurzer Zeit in die schwarzsilberne Box. Die Körper der TänzerInnen streifen und stossen sich an der Begrenzung dieses Raumes, der zu klein scheint für ihre Bewegungen und Figuren. Sie biegen sich und ecken an.
In weiterer Folge wird das hängende Stangengerüst zu Boden gelassen und bildet eine nächste, grössere Raumkonstruktion innerhalb des Bühnenraums. Die Raumkonstruktion ist mit Licht bestückt (ein grossartiges Design von Yves Godin). Die TänzerInnen formieren innerhalb dieses rechteckigen Raumes einen Kreis. Sie halten sich an den Händen und singen mit der Musik von Galina Ustvolskaya. Immer wieder tanzen sie sich gebärdend aus diesen Kreis und kehren in ihn zurück. Während der ganzen Zeit bleibt mindestes eine Person Kreishalter, singend die Arme diagonal geöffnet.
Die Box wird zum dunklen Fluchtpunkt, aus dem sich zentralperpektivisch das Konstrukt des viereckigen Raumes entfaltet. Die beiden Raumkonstruktionen, die Formation des Kreises und die Bewegung lassen ein Dispositiv entstehen, ein Oszillieren der Wahrnehmung. Ich sitze im Zuschauerraum, und mein Blick ertastet das Geschehen: „Der wirkliche Raum ist nichts anderes als der Körperraum. Der Leib ist in diesem Sinne auch nicht zunächst im Raum, sowie er zunächst auch nicht in der Zeit ist - der Leib heftet sich ihnen an und umfängt sie. Er ist zum Raum und zur Zeit.“ [2]
Boris Charmatz macht auf wunderbare Weise die Relativität des Raumes und die Konditioniertheit unserer Sehgewohnheiten erfahrbar. Er bricht nicht mit der Konvention des perspektivischen Bühnenraumes, er nützt sie und treibt sie in eine spielerische Konsequenz.
Qintenzirkel oder Quintet Circle?
Der Quintenzirkel ist die musiktheoretische grafische Veranschaulichung der Verwandtschaftsbeziehungen der Tonarten zueinander. Er entspringt dem abendländischen Harmonieverständnis und beruht auf der Erkenntnis, dass eine Tonart die größte Nähe zu denjenigen Tonarten hat, die im Abstand einer Quinte (Fünftonschritt = das Intervall von sieben Halbtonschritten) zu ihr stehen. Die Verwendung der Tonarten in der Anordnung des Quintenzirkels und die dazu notwendige temperierte Stimmung sind schöpferische musikalische Leistungen der Abendländischen Kultur.
Die Musik von Galina Ustvolskaya (1919-2006) ist geprägt von arhythmischen Spannungsverhältnissen und polyphonen Konstruktionen. Sie ist nicht das, was man im Allgemeinen als harmonisch bezeichnen würde. Vielmehr wirkt sie in ihrer Dichte und Intensität. Ustvolskayas Werk umspannt das 20.Jahrhundert auf eigenwillige und radikale Weise.
Haben sich Boris Charmatz und seine TänzerInnen in Quintet Circle einem Kalauer zugewandt? Nicht in einem leichtfertigen Scherz, eher aus einer Berührung heraus interpretieren Nuno Bizarro, Boris Charmatz, Anna McRae, Latifa Laâbissi und Fabrice Ramalingom mit ausgezeichneter Eigenwilligkeit Ustvolskayas „Komposition 1 Dona Nobis Pacem“. Gemeinsam mit den MusikerInnen des Kammerensemble on_line Vienna lassen sie sich auf die Intensität des Werkes ein. Gerät da etwas in Schwingung, dass nicht zu erfassen ist? Und: passiert genau das nicht tagtäglich?
Als hätten sich Kobolde hellblau glitzernde, enganliegende Ganzkörpertrikots angezogen, um sich, mit grosser Sorgsamkeit, ihrem Treiben hinzugeben. Es wird gegluckst und getönt. Die Zunge wird herausgestreckt und die Glieder werden verdreht. Es ist ein Spiel, das ganz ernst vorgetragen wird, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Bewegungen werden als Regungen sichtbar. Figuren und Ausdrücke, flüchtig und formal ausgeführt, entziehen sich Bedeutungszuschreibungen, ohne leer oder nur technisch zu sein. In den körperlichen Erscheinungsbildern verknüpft sich „Quintet Circle" mit Traditionen, um zugleich anderen Bewegungen, die nicht einer tradierten Form entsprechen, Raum zu geben und sie in den Vordergrund treten zu lassen.
Diese menschlichsten Regungen, werden nicht in erzählerischen Bildern zusammengefasst; sie entrücken und umtanzen die Linien, mit deren Hilfe wir die Welt konstruieren und versuchen, uns zurecht zu finden.
Wie gut. Wie lebendig. Wie riskant. Wie das Leben.
Wie sich dieser „Quintet Circle“ mitteilt. Im Theater.
Fußnoten:
[1] Gilles Deleuze & Félix Guattari: Tausend Plateaus
[2] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung
(21.1.2008)
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