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EINIGE KRITISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU JANEZ JANŠAS "FAKE IT!" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Katherina Zakravsky


Die Autonomie eines freien Autorensubjekts, das die reine nominale Macht besitzt, alles, was es produziert, als Kunstwerk zu definieren, schien einst die Sphäre der Kunst vor dem Zugriff autoritärer ökonomischer, politischer und juridischer Systeme zu schützen.

Ironischerweise wurde aber im Zeitalter der Information als neuer Leitwährung der Warenproduktion just die Autorschaft zum Schlachtfeld massiver ökonomischer und legalistischer Diskurse und Praktiken. Unfreiwillig wurde somit das gute alte freie und geniale Autorensubjekt der bürgerlichen Kunst im Sinne des 19. Jahrhunderts zur Blaupause des Namens als Markenware. Nur ist dessen Marktwert alles andere als frei und genial, was sich schon daran beweist, dass jeder, der sich einen „geistigen Inhalt“ sichert - und dazu muss er nicht sein Autor sein -, dafür Tantiemen kassieren kann. Man braucht nur an die ungeheuren ökologischen und ökonomischen Probleme der Patentierung von Saatgut durch bestimmte Firmen und die erstickende Wirkung der Privatisierung großer Bildarchive zu denken, um im Copyright ein letztes und geradezu dämonisches Aufbäumen der kapitalistischen Auffassung vom Privateigentum als höchstem Wert zu erblicken.

Das doppelte Handicap der Choreographie

Somit bleibt zu hoffen, dass Janez Janšas Erzählung von jenem genialen Coup, dass ein findiger Mann sich ausgerechnet die Formulierung „freedom of expression“ hat sichern lassen, damit er jedes Mal, wenn jemand von selbiger Gebrauch macht, mitschneiden kann, nur eine jener hyperbolischen Mythen ist, zu denen Janša, ehemals Emil Hrvatin, als Meister der konzeptionellen Zuspitzung schon stets eine Affinität bewies. Bei der Choreographie verhält es sich aber anders als bei Text, Bild und Partitur: es ist sehr schwierig und war zu gewissen Zeiten geradezu unmöglich, das Copyright einer Choreographie unter dem Autorennamen schützen zu lassen. Das liegt daran, dass sich nur das schützen lässt, von dem es eine haltbare und allgemein verbindlich lesbare Aufzeichnung gibt. Da wir kulturbedingt in der Musik über ein konventionelles Notationssystem verfügen, sind schon Rechtsstreitigkeiten über ein Paar Takte Musik gewonnen worden - zumindest in der Popmusik ein zweischneidiges Schwert, da ein Musikgenre, das auf so wenigen elementaren Strukturen aufruht, oft ganz unfreiwillig Plagiate produziert, die ohne jede böse Diebstahlsabsicht emergieren.

Im Tanz aber hat sich die merkwürdig abstrakte und komplexe Labanotation - bis dato der ehrgeizigste Versuch einer Tanznotation - nie umfassend durchgesetzt. Daher wird wohl auch keiner je versuchen, eine Sequenz, einen einfachen Bewegungsablauf zu schützen. Komplexer ist dies im Falle einer ganzen Choreographie. Noch im 19. Jahrhundert war ein Tanz, der kein Narrativ, keine „dramatische Komposition“ aufweist, nicht als Eigentum seines Autors rechtlich geschützt. Zudem wurde in Streitigkeiten zwischen Auftraggeber und bezahltem Choreographen oft zugunsten des Auftraggebers entschieden, weil ein Stück ja nicht nur aus Bewegungen besteht, sondern auch aus Licht, Kostüm und Bühnenbild, die alle der Auftraggeber bezahlte. Wie schon oft bemerkt, erweist sich Choreographie in ihrem doppelten Handicap, sowohl an den Körper wie an die Flüchtigkeit gebunden zu sein, als das schwächste Glied in der Kette der Autorenschaft. Dennoch gibt es Choreographen mit unverwechselbarer „Handschrift“ - wie etwa Merce Cunningham, der klug genug war, sein Erbe durch eine Stiftung zu sichern. [*]

Eine Reihe solcher großen Namen werden nun in Janšas Stück mit allem didaktischen Pomp angerufen und vorgestellt. Die etwas kokette Hintergrunderzählung beschreibt Ljubljana als armen und marginalen Ort, an dem jene großen Choreographen sich nie blicken ließen. Daher haben einige junge lokale Tanzschaffende beschlossen, Sequenzen aus berühmten Arbeiten von Steve Paxton, Trisha Brown, William Forsythe, Tatsumi Hijikata und Pina Bausch selbst zur Aufführung zu bringen. Jede/r zeigte den Choreographen seiner/ihrer Wahl.

Ein Fest der Autorschaft

Nun rahmt aber Janša die durchaus professionelle und eigenständige Performance dieser teils berühmten Sequenzen mit so massivem Informations-Overkill, lässt auch, ganz anders als in seinem Meisterwerk „Pupilija“, so wenig Luft in und zwischen den Kapiteln, dass sich sein kokettes Selbsturteil, er sei in dem Stück der einzige Amateur, ganz gegen seine profunde Erfahrung als Grenzgänger zwischen „Konzepttanz“ und durchaus klassischer Inszenierung von Intensitäten diesmal bewahrheitet. Es scheint fast, als würde er seinen Performern nicht trauen; als würde er diese ursprünglich nur für eine Aufführung bei freiem Eintritt geplante Installation bloß als Demonstrationsobjekt, als „Awareness Raiser“ für das politische Problem des Copyrights als neuem ökonomischen Vampirismus betrachten. Janša mag ja „Open Source“ im Hinterkopf gehabt haben, das Stück aber zeigt nichts davon. Vielmehr ist die Zelebrierung des großen Namens samt der ganzen Wikipedia des Wissenswerten in Verbindung mit Bewegungssprachen von großem Wiedererkennungwert nichts anderes als das große, traditionelle Fest der Autorschaft, ganz im Sinne des 19. Jahrhunderts und seines privatrechtlichen Nachlebens im Copyright.

Auch gefaked ist hier nichts, nur ganz einfach, wie bei flüchtigen Bühnenkünsten immer schon, interpretiert. Oft gar nicht schlecht. Die Subversion liegt nur darin, aber das sieht man nicht auf der Bühne, dass es keine rechtliche Erlaubnis zur Aufführung dieser Stücke gibt. Das ist im Falle von Bausch schon heikel, die ihre Stücke nur von jahrelang auf ihren Stil gedrillten Mitgliedern ihrer Truppe aufführen ließ. Dass ausgerechnet die rekonstruierte Sequenz - Umarmen, Küssen, Fallen - aus Café Müller dann zum Gegenstand bloß der ersten von einer langen Reihe von Mitmachsequenzen wird, stimmt trübsinnig und versöhnt schon fast wieder mit dem Recht auf exklusiven Besitz. Wie paradox es aber ist, eine bestimmte, auf Video aufgezeichnete Version von Paxtons berühmter Improvisation der Goldbergvariationen als fixierte Choreographie zu behandeln und dem hampelnden Publikum beizubringen, versteht sich von selbst; zum Glück hat aber ein Mann wie Paxton wohl nie den Ehrgeiz besessen, seinen so oft kopierten Stil rechtlich zu schützen. Wäre dies möglich, schnitte er wohl bei jeder dritten Performance mit und schwämme heute im Geld.


Fußnote:

[*] Vgl. hierzu Kim Maynards Fallbeispiele http://www.publicknowledge.org/node/1121 und http://www.publicknowledge.org/node/1129 .


(5.12.2009)