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"VERSCHWINDEN": ELECTRONIC MUSIC THEATER & JOHN BIRKE HEGEN FLUCHTFANTASIEN IM BRUT, WIEN
Von Judith
Helmer
Konstruierte
Identitäten zwischen Fiktion und Realität sind wegen der Dynamiken, die diese
Zwitterwesen auf der Bühne und im öffentlichen Raum auszulösen vermögen schon
länger das Lieblings-Steckenpferd der Performanceszene. Da ist die reale
Vorlage eines Interviews mit einem Rumänen, der 1999 in Toronto im Krankenhaus
erwacht und jahrelang vorgibt, sich an nichts erinnern zu können um seine
eigene Identität ganz neu kreieren zu können, natürlich ein gefundenes Fressen.
Doch der junge Dramatiker John Birke, in Wien bekannt durch die Uraufführung
seines Stücks „pas de deux" im Burgtheater Kasino, ist gemeinsam mit der
experimentellen Gruppe Electronic Music Theater (aus Frankfurt am Main) von dieser
Vorlage aus in eine ungewöhnliche Richtung abgebogen: zu Fluchtfantasien.
„Verschwinden" ist ein dicht gewebtes Stück intelligenten Musiktheaters, das
bei seinem Gastspiel im brut Konzerthaus als Österreichische Erstaufführung zu
erleben war.
Die als
Kriminalstory dargebrachte, waghalsige Geschichte der vorgetäuschten Amnesie
ist nur der Angelpunkt für vielschichtige, genreübergreifende Variationen über
Fluchtfantasien und deren Grenzen in der Realität. Das Setting: Fünf Musiker/Performer
sitzen an fünf Schreibtischen im engen Raum ganz nah vor dem Publikum. Sie
tippen Sätze und Sprachfetzen in ihre Laptops, und das Sprachgewirr wird live
auf die Wand hinter ihnen projiziert. Ein eigener, flüchtiger
Sprach-Tipp-Lese-Rhythmus entsteht, bis die Buchstaben schnell wieder vom
Bildschirm verschwinden wie bei einem Kinoabspann. Man springt innerhalb der
Geschichte vor und zurück, wiederholt Passagen oder greift vor, wie es einem
bei der Recherche einer Story im Archiv mit verschiedenen Quellen passieren
könnte.
Der Text wird zur Partitur
Auch der
Umgang mit der gesprochenen Sprache (Michaela Ehinger, Oliver Augst und John
Birke an den Mikrophonen) ist sowohl musikalisch wie auch theatral. Die Stimmen
werden wie Instrumente eingesetzt, und der Text wird zur Partitur. Insofern ist
der Name der Gruppe Programm: Music Theater. Electronic kommt auch und zwar
vielfältig und kreativ zum Einsatz, jedoch mittels Laptop, sondern mit
vergleichsweise altbackenen Elektroklangerzeugern wie Korg, Keybord und 16-Spur
Mischpult, bedient von Thomas Desi und Marcel Daemgen. Kinderspielzeug und
Erwachsenenspielzeug (Handy) dürfen auch ihren Soundanteil beitragen. Diese
musikalische Collage von aggressiv bis harmonisch, von trashig bis fein
ziseliert funktioniert wie ein lebendiges Archiv und ist - ähnlich wie die
Sprache musikalisch eingesetzt wird - höchst performativ. Dabei bleibt die
Darstellung visuell reduziert. Kaum, dass mal jemand sich hinter seinem
Schreibtisch erhebt. Eher handelt es sich um ein Live-Hörspiel, bei dessen
Entstehung man als Zuschauer zuschauen darf, oder ein Konzert, bei dem die
Musiker neben Klängen auch Geschichten produzieren.
Fussnote: Baudrillard
Dieses
Musiktheater knüpft also sukzessive ein immer engmaschigeres Netz zur Idee des
Verschwindens. „Warum ist nicht alles schon verschwunden?" wird mit Jean Baudrillard
gefragt. Dessen letzter Text trägt diesen Titel und entwirft eine neue
Bildtheorie wie auch die Möglichkeit einer kritischen Sicht auf die
Digitalisierung des Denkens bis hin zu These von der Unmöglichkeit der
Repräsentation von Realität im Digitalen - eine gute Folie, um durch sie den
Abend zu betrachten.
Bevor
das Stück von EMT und John Birke in einer romantischen Verklärung der Idee des
plötzlichen Verschwindens und des Aufgebens des (Lebens-)Plans (im Vertrauen
darauf, dass immer irgendetwas als nächstes passieren wird) selig endet, wird
Philipp Staufen (so der Verschwinde- oder Kunstname des Scheinvergessers)
zitiert, wie er von der Vergeblichkeit der Flucht vor dem Selbst berichtet.
Auch wenn er Öffentlichkeit, Gerichte und Behörden jahrelang täuschen konnte,
vor sich selber konnte er nicht fliehen, auch wenn der Wunsch nach Vergessen
und Neuerfinden groß war. „ich war ich" war nur Fiktion, „Ach, und weg" blieb
unerfüllter Traum. Weg wünschte man sich
aus dem EMT nie, vielmehr wünscht man sich schon die nächste Einladung der
Gruppe herbei.
(5.3.2008)
„Verschwinden"
ist noch am 5. und 6. März, jeweils um 20 Uhr im brut Konzerthaus zu sehen.
Webtipp:
http:www.brut-wien.at
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