:Rache ist möglich

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BOYZIE CEKWANAS "INFLUX CONTROL: I WANNA BE WANNA BE"

Von Andrea Salzmann


„With all things equal, I wouldn't have to follow rules I did not make.“
Boyzie Cekwana in Influx Control: I wanna be wanna be

Ein Selbstmordattentäter steht auf der Bühne. Er hat sich eine Bombe um den Leib geschnallt, die Zündstäbe sind rot. Zwischen den Sprengkörpern tickt eine Uhr. Die Bombe tickt unaufhaltsam, sie tickt während der gesamten Performance und versinnbildlicht dadurch so unaufdringlich wie doch penetrant eine Geschichte, die Boyzie Cekwana nicht vergessen oder verdrängen will. Nein, wir sind nicht in Oslo, Afghanistan, Israel oder Palästina. Der Performer, mit dem wir es hier zu tun haben, kommt aus Soweto, einem Township von Johannesburg, das Berühmtheit durch Studenten- und Schüleraufstände im Jahr 1976 erlangte. Die zunächst friedliche Demonstration wendete sich gegen ein Dekret der Apartheidsregierung, die Afrikaans als Unterrichtssprache verpflichtend einführen wollte. Die südafrikanische Regierung erschoss während dieses Aufstands 200 DemonstrantInnen.

„I apologize […] but I have to go back. Far too many lies have been told. […] Go back to the past which is so hard to be forgotten.“ Den Bezug zu dieser Vergangenheit manifestiert Cekwana schon in der Titelgebung seiner Trilogie Influx Control, deren erster Teil I wanna be wanna be im Rahmen von Impulstanz 2011 zu sehen war. „Influx Control“ bezeichnet ein rassistisches Gesetz aus den 1920er Jahren, das genau regelte, wer die Grenzen der Vororte in das städtische Gebiet überschreiten durfte. Denn nur diejenigen, die für weiße Stadtbewohner arbeiteten, durften urbane Zentren überhaupt betreten. Alle anderen mussten in den Townships bleiben. Die dafür durchgeführten Passkontrollen unter der Apartheidsregierung wurden erst 1986 abgeschafft.

Boyzie Cekwana und sein Mitperformer Lungile Cekwana setzen ein Statement, indem sie koloniale Geschichtsschreibung auf raffinierte Weise in postkoloniale verwandeln. Sie eignen sich rassistische Bildercodes an, um sie im nächsten Moment bitter und böse auf die Spitze zu treiben. So schminkt sich Cekwana etwa das Gesicht und den halben Schädel schwarz, die Lippen bemalt er sich in grellem Rot. Das schwarz geschminkte Gesicht verweist für Boyzie Cekwana auf Karikaturen Schwarzer, die seinerzeit in der US-Presse veröffentlicht wurden. „Da wurde der Neger als gefährliches, bösartiges Monster dargestellt. Wenn ich mein eigenes Aussehen verfremde, gebe ich dem Publikum das Gefühl der Interaktion mit etwas Unbekanntem, Furchterregendem. Aber ich denke auch daran, dass in Hollywood lange keine schwarzen Schauspieler engagiert wurden. Für afrikanische Rollen wurden einfach Weiße schwarz geschminkt.“ [*] Dass diese Form der Interaktion auch heute noch gelingt, ist schmerzhafte Erkenntnis. Verdrängt wird dadurch hoffentlich endgültig das Argument, dass das doch alles schon so lange her sei –  die Zeit wird zu einer changierenden Variablen.

Prime Time Lies

„There will be no trusting black man, no coming to Europe without visa, no Europe, no North- America, no Asia, no country, no people!“ Als Antwort auf diese Menschen verachtende Politik werden in Influx Control: I wanna be wanna be alltägliche Beschönigungsstrategien von PolitikerInnen als „Prime Time Lies“ aufgedeckt: Wie etwa die, dass Werner Faymann nach Slowenien auswandert, nur um zu beweisen, dass das ein wunderschönes Land ist. Eine andere Lüge wird über das tatsächliche Inkrafttreten der Menschenrechte erzählt. Jede Menge dieser Lügen schwirren einem während der Performance durch den Kopf: Wie etwa die, dass das Alter von Menschen durch Röntgen ermittelt werden kann, wie es etwa die ehemalige Innenministerin Fekter in der Fremdenrechtsnovelle von 2011 fordert. Oder, dass Asylsuchende in Österreich Hilfe und Unterstützung bekommen – um das zu erreichen, müssen sie leider bis zu vier Monate in Schubhaft. Oder, dass es eine große Erleichterung für Familien gibt: Kinder dürfen seit Inkrafttreten des neuen Fremdenrechtsgesetzes auf eine „familien- und kindergerechte Unterbringung“ im Schubhaftgefängnis hoffen.

Die Liste solcher Lügen könnte bis ins Unendliche verlängert werden. Da kommt der Song von James Brown „The Payback“ von 1973 gerade recht. Denn der kolonialen Überheblichkeit von europäischen Staaten und ihren menschenverachtenden Gesetzen lässt sich nur mit erheblichem Kraftaufwand etwas entgegenhalten. Darum ist es um so wichtiger, hin und wieder auch eine mögliche Rache mitzuthematisieren. Boyzie Cekwana jedenfalls steigt am Ende seiner Performance mit Sprengkörpern, Dornenkrone und Tutu bewaffnet in die Zuschauerreihen, um ganz die „exotische“ Schöne zu geben, während sein Kollege mit den Schildern: „Exotic Fruit“, „Civilized Savager“ und „Herensvolk“ über die Bühne zieht. Die Selbstermächtigungsstrategie der beiden ist aufgegangen. Es bleibt mehr als ein Unbehagen zurück – eher eine gewisse Sprachlosigkeit ob der Direktheit, mit der hier performt wurde. Keine Katharsis am Ende: Wir stecken mittendrin.


Fußnote:

[*] Thomas Hahn: Boyzie Cekwana, in: „Tanz“, Mai 2010, S. 8.


(26.8.2011)