Rakete:Out 2

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Durch das Jahr 2012 mit Bühne, Buch & Bild
Von Captain Carey

BÜHNE: PARIS
DANSER SA VIE (DANCE YOUR LIFE: DANCE AND THE VISUAL ARTS IN THE 20TH AND 21ST CENTURIES / CURATED BY CHRISTINE MACEL AND EMMA LAVIGNE) IM CENTRE GEORGES POMPIDOU

IN DER 65 RUE CLAUDE BERNARD WIRD AM 23. FEBRUAR 1889 MUSIDORA ALS JEANNE ROGUES GEBOREN.
LOUIS FEUILLADE ZEIGT SIE 1915 / 16 IM FILMSERIAL LES VAMPIRES ALS IRMA VEP.
2004 IM REISEPROJEKT EINE ALS ARBEIT GETARNTE SUCHE VON JACK HAUSER ÜBERNIMMT ANNE JUREN ALS JAKITA WAGNER IM HOTEL ISTRIA (29 RUE CHAMPAGNE PREMIERE) DIE ROLLE DER IRMA VEP, WIE SIE 1996 VON MAGGIE CHEUNG IN OLIVIER ASSAYAS GLEICHNAMIGEM FILM WEITERGETRAGEN WURDE.
IHR KOSTÜM (DAS MAILLOT NOIR) FINDET SEINE ZEITGENÖSSISCHE AUSFÜHRUNG (DAS CATSUIT).
DER FIKTIONAUTISCHE KÖRPER IST EIN WEISSER WÜRFEL (WHITE CUBE) IN DER KLEIDUNG EINES SCHWARZEN SCHATTENS.
HIER TANZT EINE VERKLEIDUNG ZEITLOS MIT IHREN PARTNERINNEN. IN DEN TANZHALLEN, AUF DEN STRASSEN. IN DEN ARCHIVEN UND AUFZEICHNUNGEN. IN DER GESCHICHTE UND DEN GESCHICHTEN. IN DEN KORRIDOREN UND ZIMMERN VON HOTELS.
IST NICHT JEDES MUSEUM EIN HOTELKORRIDOR?
2012 VERSTRICKT IRMA VEP ALS SABINA HOLZER DIE KLEIDUNG MIT DEM HOTEL GARE DE L'EST FRANÇAIS IN DER RUE DU 8 MAI 1945 MIT DEM PLACE GEORGES POMPIDOU. IN DER 6. ETAGE DES CENTRE GEORGES POMPIDOU WIRFT SICH EIN SCHATTEN INS LICHT.
EIN VERSEHEN WIRD IMMER WICHTIGER. ETWAS NICHT INTENTIONALES WIRD AUFGELEGT UND VERHANDELT.
ETWAS AUFLEGEN UND VERHANDELN HEISST HIER, EINE KLEIDUNG ANZIEHEN UND DAMIT UND DARIN ZU REISEN.
FÜR DIESE ZEITREISE IST DIE KLEIDUNG ALSO DER SCHWARZE SCHATTEN.
GEWORFEN ÜBER DIE SKULPTUR L'IMPOSSIBILITÉ OU DANGER / DANCER (1917 – 1920) VON MAN RAY AUF UNTITLED (GO-GO DANCING PLATFORM), 1991 VON FELIX GONZALEZ-TORRES ZURÜCK ZU OLAFUR ELIASSONS VIDEO MOVEMENT MICROSCOPE (2011).
DER WÜRFEL (DU WEISST, LIEBE LESERIN, ER IST EBENSO EINE KLEIDUNG, EIN SCHWARZER SCHATTEN) BLEIBT UNGEBANNT IN BEWEGUNG.
ZWISCHEN DEN PRÄSENTATIONSRÄUMEN O. ELIASSON UND FUTURISTISCHES UND MECHANISCHES BALLETT IST DIE EINZIGE FENSTERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG MIT BLICK ÜBER DIE DÄCHER VON PARIS ZUM SACRE COEUR. HIER IST DER ÄRMEL ZU DANSER SA VIE.
NICHT ZU VERHEIMLICHEN AUCH EINE WEITERE GEWORFENE SKULPTUR IN DER ZEIT: IN DER WOHNUNG MIRYAM VAN DOREN (1998 – 2011) LIEGT NEBEN DEM KOSTÜM DER IRMA VEP DAS BUCH VERSEHEN (HRSG: HELMUT PLOEBST & NICOLE HAITZINGER / 2011).
WIR WISSEN VOM WÜRFELWURF UND SEINER WELTERZEUGUNG.
WIR WISSEN VON DER KLEIDUNG ALS VEHIKEL.
WIR WISSEN VOM RAUM ALS KLEIDUNG.
WIR WISSEN VON DER GESCHICHTE ALS RAUM.
WIR INSZENIEREN DEN RAUM ALS RAUMFAHRZEUG.
WIE ZU DUNCAN? (SCHAL & FRAU)

BUCH: BLOG TOM MCCARTHY, 9. NOVEMBER 2011
KITTLER UND DIE SIRENEN
English Version: http://www.lrb.co.uk/blog/2011/11/09/tom-mccarthy/kittler-and-the-sirens/
Deutsche Übersetzung von David Ender:

2004, nach einem Künstlergespräch in einer Berliner Galerie, kam eine Gruppe Leute auf mich zu, um mit mir zu sprechen. Sie sagten, sie seien Anhänger des Medientheoretikers Friedrich Kittler, Mitglieder seines Gefolges – oder, um es beim halboffiziellen Namen zu nennen, der Kittlerjugend. Sie verwendeten diesen Begriff nicht ohne Ironie; aber es war jene Art von Ironie, die Ernsthaftigkeit maskiert, so wie Hamlets Vortäuschen von Verrücktheit als Tarnung dafür dient, dass er wirklich verrückt ist. Die Schultern der Delegationsführerin, einer charismatischen russischen Emigrantin namens Joulia Strauss, waren in einen handgewebten Seidenschal gehüllt, auf dem sich eine große Reproduktion des Testbildes von al-Jazeera befand. Mein Kunstprojekt (welches einen Erzählstrang aus Radioübertragungen und Netzwerk-Infiltration beinhaltete), so informierten sie mich, fand ihre Zustimmung – das heißt, die Zustimmung des Chefs selbst, oder wenigstens (und vielleicht ebenso wichtig) die seiner Aura.
Großartig, sagte ich. Ich hatte alles über Kittler gehört: ‚Derrida des Digitalzeitalters‘, dessen Vision die Schaltkreise von Lacans psychischen Modellen und Foucaults archäologischer Konzeption allen Wissens und seiner Systeme mit der materiellen Hardware technologischer Transkription und Aufnahme kombinierte: Schreibmaschinen, Bandgeräte, Filmprojektoren und ihre nicht-analogen Nachkommen. Wir gingen zusammen in eine Bar. Am nächsten Tag verschleppte mich die Jugenddelegation in eine andere Galerie zu einem Screening von Debords In Girum Imus Nocte. Die Galerie wurde von einer Gruppe Medienaktivisten namens Pirate Cinema betrieben; ihr ganzes Programm bestand aus illegal heruntergeladenen Filmen. Vor einigen Monaten waren sie mit einer Strafzahlung belegt worden, welche die deutsche Bundeskulturstiftung bezahlt hatte. Ich fragte, ob Pirate Cinema Teil der Kittlerjugend sei. Nein, sagte Strauss; aber sie stehen auf gutem Fuß miteinander – auch sie gehören zu seinen ehemaligen Studenten. Wie auch, fügte sie hinzu, die Hälfte der Mitglieder des Vergabekomitees der Bundeskulturstiftung.
Kittlers Aura schien über der ganzen Stadt zu schweben; gegen Ende meines Aufenthalts fragte ich mich, ob Taxifahrer oder Imbissstandbetreiber ebenfalls Protégés oder Partner sein mochten. Er schien unsichtbar unter den Schnittpunkten zwischen den Welten der Kunst, der Philosophie und der Politik zu lauern, seine körperliche Anwesenheit in Riffs transmutiert, die sich über Ausstellungskatalog-Essays, Club-Flyer und allgemeines öffentliches Geplänkel vermehrten wie Echos. Wann immer ich hörte, dass jemand im selben Satz Ovid und Feedbackschleifen oder Hölderlin und binären Code erwähnte, wusste ich, dass ich der Stimme des Meisters lauschte – über einen heißen Draht herabgeleitet vom inneren Heiligtum am Humboldt-Institut, wo er, wie Hegel zwei Jahrhunderte vor ihm, sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.
Etwa ein Jahr später, wieder in London, erhielt ich eine weitere Vorladung von der Kittlerjugend: Sie brachen im Pulk zum Starr-Auditorium der Tate Modern auf, wo das London Consortium ein Symposium über Kittlers Arbeit einberufen hatte. Als ich ankam, zeigte Strauss, in ein Trikot gekleidet, einem verwirrten englischen Publikum delphische Intervalle, während ein Kollege an einem Mischpult ab und zu Anmerkungen einwarf. Sie räumten die Bühne, und der große Mann selbst trat auf. Er sah aus wie ein pensionierter Pornodarsteller: Graues, schulterlanges Haar; großer Schnauzbart; eine Brille, die Augen mit einem ständigen sinnlichen Glitzern darin umrahmte. Er brachte einen hypnotisierenden Vortrag über Sappho und Pink Floyd, Heidegger und Wagner, der klassische Auffassungen von Geometrie mit Beckenbauers meisterhaftem Fußballspiel verknüpfte, sich vor Gottheiten niederwerfende Nymphen mit Hendrix’ multiplen Visitationen seiner Groupies. Danach stellten mich Strauss und ihr Begleiter ihm vor – mit allem Pomp und Zeremoniell (wiederum mit Ironie durchsetzt, um ihre Ernsthaftigkeit zu verschleiern) von Wesiren, die Marco Polo eine Audienz mit dem Khan gewähren. Kittler war der Charme selbst: freundlich, nachsichtig, bescheiden. Er fragte mich, ob Shakespeares Werk Motive von Musik und Übertragung enthielt; ich schlug Ariels Sendung an Ferdinand in Der Sturm vor; er dankte mir überschwänglich, obwohl er die Passage natürlich bereits auswendig kennen musste.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich sein Werk immer noch nicht gelesen. Während ich C schrieb, ließen Freunde von mir nicht ab, mir zu sagen, dass ich mir Gramophone, Film, Typewriter ansehen musste. Aber ich schob es auf, da ich meine primäre Forschungsarbeit über Technologie und Melancholie nicht mit akademischen ‚Schnappschüssen‘ trüben wollte. Aber ich las es, sobald ich meine Arbeit abgeschlossen hatte, und – Junge, war das gut:
Was von den Menschen übrig bleibt, ist, was Medien speichern und vermitteln können. Was zählt, sind nicht die Mitteilungen oder der Inhalt, mit denen sogenannte Seelen für die Dauer einer technologischen Ära ausgestattet werden, sondern … ihre Schaltkreise, der Schematismus der Wahrnehmung selbst.
Das war nicht nur der neue Hegel: besser noch, es war der Anti-Hegel, der trunken seinem Bekenntnis folgte, den Geistlichen Wissenschaften den Geist auszutreiben, die Poesie der Materialität und die Materialität der Poesie zu feiern. Hier war jemand, der – endlich! – die Genealogie oder die Übertragungslinien der Schnittstelle des Schreibens mit den Körpern kartographiert hatte, von Sade bis Kafka, Marinetti bis Pynchon. Und das Aufregendste: er artikulierte einleuchtend und unwiderlegbar etwas, wovon ich seit Jahren unbeholfen versucht hatte, die Leute zu überzeugen: dass Dracula ein Buch über das Diktaphon ist.
Ich traf ihn ein weiteres Mal, wieder in Berlin etwa ein Jahr danach, als die deutsche Ausgabe von Remainder auf den Markt kam. Fünf Minuten vor meiner Lesung im Roten Salon der Volksbühne rauschte die Jugend herein und bildete eine Nische, in die er hineinschlüpfte, begleitet von einem hörbaren Einatmen des Publikums. Am Kartenschalter wurde ihm nicht erlaubt, zu bezahlen: Ich glaube, der Kassier war ein ehemaliger Student; ich weiß, dass mein Verleger einer war. Kittler nickte zustimmend, als ich, eine Frage über die Paarung von Trauma und Wiederholung in meinem Roman beantwortend, etwas darüber murmelte, dass Freud ein mechanisches Konzept unseres psychischen Apparates vertrat – ein Argument, das er schon vor zwanzig Jahren gebracht hatte.
Danach erzählte er mir, dass er die Sirenen-Episode in der Odyssee überprüft hatte. Er nahm die drei prominentesten Soprane der Deutschen Staatsoper und postierte sie auf eben jenen Felsen, wo Homer sie ortet (er versicherte mir, dass sie mit absoluter Genauigkeit zu identifizieren seien), und trug ihnen auf zu singen, während er sich in einer Jacht an ihnen vorbei befördern ließ, um zu sehen, ob sie wirklich gehört werden konnten. Die Felsen, erklärte er, fallen nicht direkt zur See ab, sondern gleiten mit einer sanften Steigung hinein, die es Booten unmöglich macht, nahe daran vorbeizufahren. Die Sänger waren nicht zu hören. Vielleicht gibt es jetzt mehr anderen Lärm, schlug ich vor: Flugzeuge, Motorboote, allgemeine moderne Statik. Ganz und gar nicht, behauptete er: Der Ort ist extrem isoliert; es gibt dort überhaupt keine Lärmverschmutzung. ‚Was bedeutet,‘ schloss er, ‚dass Homer absichtlich eine falsche Spur legte: was er uns zwischen den Zeilen sagt, ist, dass Odysseus von Bord ging, zu den Felsen schwamm und die Sirenen fickte.‘ Vielleicht war er doch ein Pornodarsteller gewesen. Ich fragte, wer das Projekt finanziert hatte. Die Bundeskulturstiftung, sagte er. Können Sie sich vorstellen, dass die Kulturstiftung mit ihrem feigen Festhalten an den staatlichen Kriterien von ‚Produktivität‘ und ‚Ergebnis‘ für ein solches Unterfangen die Rechnung übernimmt?
Wenig später schickte Strauss meiner neugeborenen Tochter einen handgewebten Schal. Darauf eingestickt waren Zeilen aus Hölderlins Brot und Wein:
Wozu Dichter in dürftiger Zeit? 

Aber sie sind, sagst du, wie des Weingotts heilige Priester,
Welche von Lande zu Land zogen in heiliger Nacht.

Als ich ihr per E-Mail dankte, antwortete sie mit drei Worten: ‚Deutschland wird Griechisch!‘ Wir korrespondierten noch einmal letztes Monat, nach Kittlers Tod. ‚Die Ankunft der Götter,‘ sagte sie, ‚fand Statt, als die vier Maschinen, die ihn am Leben erhielten, abgedreht wurden.‘ Er hatte die Anweisung selbst gegeben; seine letzten Worte waren ‚Alle Apparate ausschalten‘.

16. Dezember 2011 um 11:29 Uhr
Benthie sagt:
Hallo Tom,
Ich würde wirklich gerne wissen, wie du an die Information gekommen bist, was Kittlers letzte Worte waren. Wer war die Quelle dieser Information?

27. Dezember 2011 um 20:36 Uhr
Tom McCarthy sagt:
Hallo Benthie,
Joulia Strauss gab sie an mich weiter.

BILD: FANTOMAS ALS STUNTMAN DARGESTELLT VON RYAN GOSLING ALS NAMENLOSER DRIVER
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Foto: Filmstill aus Drive (2011) von Nicolas Winding Refn