Rauchen als neuer Punk

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DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN DEM GRAZER THEATER IM BAHNHOF UND DEM VERTRAG VON LISSABON IM LICHT DES KOMMENDEN GLÜHLAMPENVERBOTS

Von Helmut Ploebst


Das Theater im Bahnhof ist ein steirisches Theater, das muß immer wieder gesagt werden, gerade im Konzert der internationalen oder gar globalen Kunstreflexion. Warum das extra gesagt werden muß? Weil viel zu oft angenommen wird, daß gerade das Besondere aus den Metropolen kommen müsse, erstens, weil es dort die höheren Kunstetats gebe, und zweitens, weil sich dort die meisten Künstler ansiedeln. Graz, die steirische Landeshauptstadt, ist keine Metropole, und auch die Großstadt Wien ist strenggenommen noch keine Metropole. Österreich glänzt als AKW- und metropolenfreies Land.

Immerhin ist in Deutschland Berlin schon annähernd eine Metropole, nicht aber Frankfurt oder Leipzig oder gar München. Brüssel ist auch bloß beinahe eine Metropole. Paris und London sind sicherlich Metropolen, auch Rom ist eine Metropole, das muß man der Geschichte lassen. Lissabon? Nein. Moskau? Naja. Aber Moskau gehört nicht mehr zu Europa. New York eigentlich auch nicht. Noch dazu hat New York in den vergangenen Jahren stark abgebaut. Solch eine Metropole, und dann doch so wenige Möglichkeiten für Kunst, die nicht durch ein Galerien- oder Sponsorensystem abgesichert ist! Kein Wunder, waren doch die „Erfolgsmenschen“ dort damit beschäftigt, die aktuelle Finanzkrise zu erarbeiten, die ihrerseits eine rein metropolische Hervorbringung ist. Anstatt also etwa ins zeitgenössische Theater zu gehen oder gar in dieses zu investieren, wurde lieber in Geld investiert (also auch in spekulationsaffine Kunst). Genauer gasagt, in ein Geldtheater, dessen Spieler nach einer wechselvollen Glamourshow letztlich eine denkbar schlechte Performance lieferten und sich nun darüber beschweren, daß sie mit allem möglichen beworfen werden.

Ist es wirklich sinnvoll, derart zu schimpfen?

Das Theater im Bahnhof kommt weder aus New York noch aus Paris oder Lissabon. Sondern aus dem nichtmetropolischen Graz. In ihrer jüngsten Arbeit „Europa! Europa! - Die wahren Abenteuer sind im Kopf“ hat sich die KünstlerInnengruppe mit dem Vertrag von Lissabon auseinandergesetzt. Dieser Vertrag soll eine Reform der Europäischen Gemeinschaft regeln: „Mit dem von den Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten am 13. Dezember 2007 in Lissabon unterzeichneten Vertrag werden die Institutionen der EU modernisiert und ihre Arbeitsmethoden optimiert. Nur so kann die EU effizient und wirkungsvoll die Herausforderungen von heute angehen.“ (zit. aus http://europa.eu/lisbon_treaty/index_de.htm , 19.04.2009) Eine solche Modernisierung und Optimierung wirft viele Fragen auf, die sich im Text des Vertrags widerspiegeln, den sich das Theater im Bahnhof zu seinem Spielplatz erkoren hat.

Über diesem 2007 vor der Krise gebauten Spielplatz hängen heute nasse, anzuggraue Wolken. Wie weit repräsentiert der Vertrag überkommene neoliberale Logiken, die auf den Eingebungen jener bauen, die das Weltwirtschaftssystem aufs Spiel gesetzt haben? Den Spielern an der Wall Street stand die Rolle des prassenden, coolen neoliberalen Unmenschen gut, und das Publikum hat begeistert mitgespielt. Doch der Broadway des Geldtheaters ist in Wahrheit ein mickriges Sträßchen, und seine Bühnen sind von überforderten, neurotischen Knickern bevölkert, von sich alert gebenden Dumpfbacken, die nicht imstande sind, ein Casino von einer Bank zu unterscheiden. Von metropolischen Provinzlern, die nichts von der Welt verstehen wollen, weil sie sich in der Enge ihrer letztlich dilettantischen Finanzgebarungen so gut eingenistet hatten, daß ihr Blick auf das Leben außerhalb ihres Zocker-Cyberspace erloschen ist.

Oder sollte eine besonnene Sprache bemüht werden?

Der Hokuspokus dieser von allen guten Geistern Verlassenen hat uns viele schöne Spielzeuge herbeigehext. Doch über dem Staunen vor diesen Gaben dämmert jetzt langsam wieder die Erinnerung daran hoch, womit das glitzernde Wunder bezahlt wird. Es erinnert nicht nur an Wirtschaftkrisen wie 1929, sondern möglicherweise sogar an die investorischen Gebarungen, mit denen Hitler ab 1933 den sogenannten Aufschwung Deutschlands zusammenschustern ließ: alles auf Pump und Rüstung gebaut. Den Versagern von der Wall Street und ihren KollegInnen überall auf dem Planeten steht eine solche Möglichkeit deswegen nicht offen, weil ihr Raubzug auch ohne große Kriegsführung funktioniert. Kleinere Konflikte tun es ja auch. Eine Gestapo wird ebenfalls nicht gebraucht, weil die neuen Überwachungsmethoden ja den state of technology repräsentieren, also als Errungenschaften gefeiert werden. Ein Propagandaministerium ist dabei unnötig, weil es ohnehin eine Werbeindustrie gibt, die ihre Arbeit hervorragend macht.

Auch vor der Krise erschien dem skeptischen Auge nichts lächerlicher als der gelackte Dödel und die hochhackige Göre mit ihren Aktentäschchen, wie sie hektisch oder cool in ihre Handys brabbeln. Betont azephale Erscheinungen, in denen nichts vorgehen durfte als der Kreislauf der Gier. Der eliteunigeschädigte Businesssoldat stank schon damals nach Langeweile und furzte sich als personifizierte Blähung durch seine beschränkte Existenz, unfähig, das Ausmaß seines herbeigelogenen Vermögens zu verdauen. Aus Rache dafür hat er mit seinen Flatulenzen am drohenden Kippen des Weltklimas mitgewirkt. Nichts, aber auch gar nichts wird die Jammergestalten des globalisierten Managements vor dem Vorwurf retten können, daß sie die alleinige Verantwortung für die großen Miseren trägt, in die die Weltbevölkerung nun kollektiv hineingetrieben zu werden scheint.

Bitte keine Pauschalurteile!

Die Unmengen an kleineren Miseren im Vorfeld wurde dieser Kaste und ihren zahlreichen Mitspielern aus der Politik stets nachgesehen, solange sie der Nimbus des Erfolgs umgab. Nach dessen Verblassen steht das Geldtheater gerade in Europa heute noch mickriger da als anderswo: Seine einzige Leistung ist die Zerstörung des Sozialstaats und die begonnene Demontage der öffentlichen Infrastrukturen. In Europa stehen nun die Etats für Kultur und Forschung zur Disposition, weil es gilt, das Geldtheater der Kopflosen zu subventionieren, damit nicht alles zusammenbricht, damit nicht alles ausrastet und beginnt, alle Strukturen zu zerschlagen - das ist der zweite Hasard, auch in Europa, dieser Wirtschaftsgemeinschaft, deren politisches Mosaik von der Krise ohne viel Federlesens zerschlagen werden könnte. Der „alten Dame Europa“, wie es in der „Europa! Europa!“ des Theater im Bahnhof aus der Steiermark heißt, mit ihren „unklaren Konturen“, von der man nicht wisse, wo sie beginne und ob sie irgendwo aufhöre.

Mitten in dieser Krise zerpflückte diese Theatergruppe im Wiener brut-Theater den „Vertrag von Lissabon“, als ob es keine anderen Sorgen gäbe. Und sie hat recht, diese Gruppe. Es gibt so viele andere Sorgen, daß dieser Vertrag, den kaum ein Europäer kennt und von dem nur die wenigsten sicher sagen kann, wozu er eigentlich dient, zur Hauptsorge erkoren werden kann, weil jedes Regelwerk, das nach den Logiken des Neoliberalismus verfaßt wurde, an sich eine Hauptsorge sein muß. Und mit grausamer Konsequenz arbeitet dieses bitterlustige Kabarett die azephalen Logiken dieses Regelwerks heraus. Grausam allerdings auch deshalb, weil alles in diesem Stück so leichthin angelegt ist, weil es keine direkte Anklage gibt und weil der ganze Vertragspapierschrott als solcher entlarvt und - zumindest im bescheidenen Theaterraum - totgelacht wird.

Die Hoffnung kommt aus dem Off

So hilft das auch, dem Dämon der Metropolenprovinzialität in die teigige Fratze zu schauen. Jener Provinzialität, die zwischen Weltläufigkeit und Globalisierung nicht unterscheiden kann, die allen ihren Popanz für eine Performance hält und die nicht müde wird, jene, die sie zu lenken und zu beschäftigen vorgibt, bloß paternalistisch in ihre zwergischen Effizienzkategorien einzupferchen sucht. „Europa, Europa“ ist ein ausuferndes Stück, das von einer Stimme aus dem Off moderiert wird, deren Timbre jenen der Würgeengel entspricht, die uns in diversen Radiokanälen als moderierend aufgetischt wird. Die Satire des Theater im Bahnhof ist von einer patzigen Professionalität, elegant als - gefakte - Szenentombola strukturiert und mit Zizek, Habermas und Enzensberger als Clowns ausgestattet, die ganz bestimmte Sektoren einer hilflosen, weil ungefragten europäischen Intelligenz bezeichnen.

Übertroffen wird dieses Kabarett eigentlich nur von der Wirklichkeit bei diversen „G“-Treffen (sehr schön letzthin der telefonierende Berlusconi, und immer ein Gag natürlich Sarkozy mit seinen Sondersätzen), die zeigen, wie wichtig es im Moment ist, an Glühlampen- und Rauchverboten zu arbeiten. Trotzdem: Europa ist unsere ausufernde, zickige Madame, die sich trotz ihrer schauerlichen Vergangenheit ganz passabel entwickelt. Wenn die Krise dazu dient, ihren neuerlichen Sündenfall abzuwenden, dann dürfen unsere Kinder das Wort Zukunft wieder in den Mund nehmen. Vielleicht werden indes ja Sparlampenscheinwerfer für die Theater erfunden. Zumindest bis es soweit ist, gilt allerdings, was vor einigen Tagen in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ konstatiert wurde: „Rauchen ist der neue Punk.“


(21.4.2009)