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DER WIENER KÜNSTLER JAN MACHACEK ÖFFNET TÜREN IN DIE ZUKUNFT IM WIENER BRUT
Von Judith Helmer
Das Remake des Remakes des
Remakes. „you delay“ - „La Jetée“ - „Vertigo“. Jan Machacek, Chris Marker,
Alfred Hitchcock. Es
sind große Vorgänger, die sich der Wiener Performancekünstler Jan Machacek für
seine neueste Produktion für das brut gesucht hat. Die Linie seiner
Fortschreibung fordert mit starken Auslassungen und parallelen Motiven die
Erinnerungsarbeit der Zuschauer sowohl innerhalb der Arbeit, als auch gegenüber
ihrer Bezugspunkte außerhalb. Gemeinsam mit Performerin Anat Stainberg und den
Musikern Billy Roisz und Oliver Stolz verunsichert Machacek in dieser kompakten
Arbeit gekonnt die lineare Zeiterfahrung und lässt die visuelle Fragmentierung
souverän - wenn auch nur für kurze Dauer - den Sieg über das Raum-Zeit-Kontinuum
davontragen.
Schon
in Machaceks früherer Arbeit „erase remake“ ließ der Künstler ein performatives Spannungsfeld durch die Gleichzeitigkeit der
Live-Performance und ihrer zeitverzögerten Wiederholung und Variation auf der
Leinwand entstehen. Diese Technik verwendet Machacek auch in „you delay“: Auf
zwei Leinwände werden die live aufgenommenen Videos von den beiden Performern
Machacek und Sternberg projiziert, geschnitten und zu immer neuen Bildern in
Bildern zusammengesetzt. Die Performer selbst treten in den Hintergrund und
synchronisieren ihre eigenen Abbilder, während diese sich in Unendliche gehend
vervielfältigen. Das Verhältnis von Realzeit und Filmzeit wird verdreht, und
die formalen Stilmittel von Wiederholung und Erinnerung prägen die Performance.
Experimentelle Zeitreisen
Die Motive, die Machacek und Stainberg
aus Markers Film „La Jetée“ (1962) rekonstruieren, sind zunächst
mehr auf formaler denn auf narrativer Ebene zu suchen. Der experimentelle
Science-Fiction-Kurzfilm, der wiederum auf Hitchcocks „Vertigo“ referiert (und
auch auf youtube
zu finden ist),
dekonstruiert den üblichen Fluss der bewegten Filmbilder, indem er - bis auf
eine entscheidende Ausnahme - nur mit aneinandergeschnittenen Standbildern
arbeitet. Auch auf einen Dialog zwischen den handelnden Figuren wird zugunsten
einer Erzählerstimme aus dem Off verzichtet. Die Geschichte des Protagonisten,
eines Gefangenen, der im Zuge wissenschaftlicher Experimente auf Zeitreisen in
die Vergangenheit und die Zukunft geschickt wird, endet ebenfalls in einer
Verdrehung des Zeitkontinuums, wenn die dem Anfang idente Schlussszene den
Moment des Todes des Protagonisten mit seiner eigenen Kindheitserinnerung
gleichsetzt.
Wie das filmische Vorbild ist auch
Machacek mit der Dauer der Aufführung sparsam, dafür in seinen Mitteln umso
dichter. Die Texte von Stainberg kreisen um den Wunsch nach der Präsenz im Hier
und Jetzt, während die Performance Türen in die Zukunft und Vergangenheit
öffnet, die beiden Figuren und ihre Bilder aber immer wieder
auseinanderfallen lässt. Zwei Fließbänder manifestieren den Zeitfluss. Auf
ihnen werden Markierungen gemacht und verwischt. Machacek wehrt sich heftig
windend gegen ihr unweigerliches Fortlaufen, und schließlich werden die Bänder
zum Laufsteg der versetzten Zeitebenen.
„Welcome to the post-traumatic theatre“
Den beiden Darstellern fällt in dem
Setting eine eher rahmengebende Funktion zu. Sie singen Songs („Sorry, no
story“), hocken sich zwischen die Zuschauerreihen, um von dort ihre Texte ins
Geschehen einfließen zu lassen, stellen sich als Bildmaterial zur Verfügung und
synchronisieren diese dann wieder aus der Zuschauerposition. Da ist der
anfänglich eingesetzte Tintenstrahlprinter, auf dessen Druckkopf eine Kamera mitsaust und
wacklige Bilder einfängt, schon viel eher Protagonist. „Welcome to the
post-traumatic theatre“ besingt Stainberg dieses Fehlen von psychologisch
agierender Personage und fordert den Zuschauer auf, sein eigenes Trauma zu
finden.
Dabei ist „you delay“ gar keine kühle
Kopfgeschichte, sondern ein ziemlich romantischer Mensch-Maschine-Entwurf, vor
allem, wenn sich Machacek leidend auf den Fließbändern krümmt oder die beiden
ihre traurigen Songs emphatisch vorbringen. Die Soundkulisse von Roisz und
Stotz unterstützt die Emotionalität noch eindringlich. Auch hier trifft
Machacek seine Vorlage: Schließlich ist „La Jetée“ jenseits aller formalen Kunstgriffe
eine tieftraurige Liebesgeschichte, deren Höhepunkt ein in der Mitte platzierter
utopischer Moment ist: die in der Sonne eingeschlafenen Frau öffnet ihre Augen
in bewegten Bildern und blickt den Zuschauer direkt an, bevor der Fotoroman mit
seinen Standbildern wieder einsetzt und auf das tragische Ende zusteuert.
Blickkontakt hat auch Machacek aufgenommen: zu dem anderen Medium und der
fremden Geschichte. Beide blicken durch die geöffneten Türen hinein, und als
Zuschauer steht man mitten im Rahmen zwischen hier und dort, jetzt und damals,
Erinnerung und Erlebnis. Ein unbekannter, unbezeichneter und unheimlicher
Zwischenraum.
(16.1.2009)
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