RE[A]DANCE - EINLEITUNG

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Von Helmut Ploebst

TEIL 1: Gäbe es ein 4D-Modell, in dem alle wichtigen Erscheinungen der zeitgenössischen Choreografie in eine prozessuale Holografie projiziert und damit sichtbar würden, dann könnte man wahrscheinlich ein phantastische, sich permanent verändernde Wolke beobachten. Es wäre ein schönes komplexes Modell, ähnlich einer meteorologischen Berechnung, und irgendjemand würde wahrscheinlich mit dem Satz herausplatzen: „Diese Wolke tanzt!“

Für den Tanz dieser Wolke in den Systemen der gesellschaftlichen Kommunikation interessiert sich corpus brennend. Für den Tanz des Tanzes eben, für die Performance und Perfumance der Choreografie, für die Organisation an den Peripherien zum Chaos, die sich durch Sozietäten und Individuen ziehen. Das macht uns heiß: Wie ist innerhalb dieser - imaginären - Wolke der Tanz zu lesen, wenn er sich heute in die Konzepte der vergangenen zehn Jahre einschreibt: How to read redancing dance? Aus dieser Frage kommt der Titel für dieses Kooperationsprojekt, zu dem corpus von der sommerszene 08 eingeladen wurde: Re[a]dance. Da sich das diesjährige Tanzfestival in Salzburg mit neuen Ideen zum Spannungsbogen Tanz und Bewegung auseinandersetzte, war es ein ideales Untersuchungsfeld für uns, in dem wir uns gerne bewegen wollten.

Um das kuratorische Konzept zu befragen, hat corpus die Kurator/innen des Festivals, Michael Stolhofer und Bettina Kogler, zu einem Gespräch gebeten. Mit uns arbeiteten die Autorinnen Irmela Kästner (Hamburg) und Constanze Klementz (Berlin) sowie die Festival-Dramaturgin Kate Mattingly, von corpus waren Jack Hauser, Judith Helmer und Luce Yfaire involviert. Schon im April hatte corpus den Festival-Intendanten und passionierten Rockmusik-Spezialisten Michael Stolhofer gebeten, für uns seinen Plattenschrank zu öffnen und uns Songlyrics zum Thema Tanz zu schicken, die wir in Etappen zu einer großen „Dance Song Show" ausarbeiteten: das ist corpus-TV (TextVision) mit Hilfe von Youtube. Textjockey F_A(r)ctor mixte im Vorfeld ein Sample zu William Forsythes Stück „Three Atmospheric Studies", ein Zitatenkonzert für Hardcore-Dancereaders und solche, die es noch werden wollen.

TEIL 2: Den Navigationen unseres Dayagent Jack Hauser folgend, manövrierten wir uns durch das Festival. Mit Begeisterung, aber auch skeptisch und kritisch untersuchten wir corpus-Agenten und -Agentinnen die angebotenenen Kunst-Materialien und kamen zu einigen für uns überraschenden Ergebnissen. Die sommerszene 08 hatte sowohl die Stärken als auch die Schwächen des aktuellen Bewegungsdiskurses in ihr Programm eingebaut, wie die KritikerInnen, die sich die Beobachtung des Ablaufs ansahen, feststellten. Also verzichteten wir auf feinsinnige Selbstreferentialität, die uns natürlich sehr gelockt hat, und blickten hinter jene Diskurse, die bereits in dem mit schönen Essays ausgestatteten Festivalkatalog vorgezeichnet waren.

Das Mittel der Kritik eignet sich hervorragend dafür, Präsentationsflächen aufzubrechen, um jene Strukturen freizulegen, die sich darunter ansammeln. Die „Dance Song Show“ enthält in ihren sieben Volumes 49 Songs mit ebensovielen Links nach außen, die zusammen einen choreografischen Akt repräsentieren, als Referenz auf die Popkultur und als Organisationsformel für Songs, die ihr Publikum choreografieren und, vom Tanzen erzählend, zum Tanzen bringen. Michael Stolhofer hat sich dabei an einer Initiative beteiligt, die als medial-künstlerisches Format Organisationsflüsse aus der Publikationsdynamik von Musik und Tanz zusammenführt. Die Links nach außen holen assoziative Materialien in diesen Rahmen und unterbrechen den Akt des Lesens der Lyrics, was als Ein- und Ausbruch gleichermaßen erlebt werden kann.

Wie die Zitate in den 17 Image-Word-Units des Dayagent eine kalendarische Struktur zur Auseinandersetzung mit Gedanken der FestivalteilnehmerInnen zum Thema Tanz und Bewegung anbieten, bildet die „Dance Song Show“ ein Gravitationszentrum für alle Projektionen, die zum Tanz(en) führen. Um die Idee des Tanzens ziehen künstlerische Arbeiten ihre Umlaufbahnen. Was aber ist die „Dunkle Materie", die dieses Gebilde davon abhält auseinanderzudriften? Die Gedanken und Ideen der AutorInnen in diesem Schwerpunkt deuten die Balancen zwischen den Anziehungs- und Fliehkräften an, die hier am Werk sind. Und Luce Yfaire versucht, dem Theater (in dem nicht nur Tanz seine Stätte findet) ein sorgfältig gehütetes Geheimnis zu entreißen, indem sie es über die Metapher seiner Unterwelthaftigkeit untersucht. Bei corpus im Rahmen von Re[a]dance publiziert sie exklusiv eine erste Skizze ihrer Überlegungen.

Julius Deutschbauer schließlich nimmt eine Position ein, die ihn als Antipoden zu der in das Festival eindringenden AutorInnengruppe ausweist. In qualvoller Distanz zum Geschehen mußte er auf Patmos urlauben, und er entzündete dort Kerzen für die Künstler, die sich in Salzburg einbrachten. Auf corpus gibt er Zeugnis ab über das Ungesehene, als die zweitgrößtmögliche Lücke in Bezug auf ein Ereignis (die größtmögliche ist das Verborgenbleiben des Ereignisses).

In Bezug auf die sommerszene 08 hat corpus also eine sehr spezielle Flugbahn gewählt, die sich aus dem Festival dieses unerschrockenen Kooperationspartners in seltsame Tiefen der von diesem vorgeschlagenen künstlerischen und kuratorischen Materie hinein- und über ihre Oberflächen hinausbewegt.


(30.6. bis 12.8.2008)