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"GESÄÄNGE", EINE CHOR(A)EOGRAFIE VON ANDREA BOLD IM WIENER BRUT
Von Benjamin Schoppmann
Der Einzug technischer Medien und Archive in unser Alltagsleben verschiebt auch im zeitgenössischen Tanz die sogenannte Hierarchie der Sinne, in der das Schauen lange Zeit ganz oben stand. Die weitreichende Vorherrschaft des Sichtbaren im Tanzgeschehen geriet ins Wanken, sobald dort das Unsichtbare bühnentauglich wurde. Nun beginnt die Choreografie (im Namen einiger in Wien arbeitenden Künstlerinnen und Künstler) in ihren akustischen Bewegungen das Gehör auf unbekannte Räume abzutasten. Um dabei das Unerhörte zu erreichen, braucht es nicht immer aufwendige Soundsysteme. In letzter Zeit erfreut sich vor allem das Singen großer Beliebtheit.
Bewegtes Stimmen
Säuglinge befinden sich in Beziehungen mit anderen Stimmen, die sie lediglich als körperlich/emotionalen Gehalt wahrnehmen. Weinend oder lachend leiten sie starke Gefühle über ihre eigene Stimme ab, und auch auf andere hin, worin sie, früher oder später, ihr erstes Gefühl von Macht erleben. In der Verbindung mit dem symbolischen Register der Sprache, den Zeichen, wird diese Macht bald eine magische, die beginnt, über das Leibliche hinaus Veränderungen in der Welt ganz anders zu bestimmen. In einer Wirklichkeit aus „Objekten“, „Prädikaten“ und „Subjekten“ lernen wir, unsere Gefühle (und die von anderen) dem unterzuordnen, was nach symbolischen Gesetzen funktioniert (was stimmt und was nicht). In der Kultur der „Sprachgemeinschaft“ weicht die Macht der Stimme (des Emotionalen) ihrer „Erhebung“ in der - demokratischen - Ab-stimmung. Nur im Singen bleibt noch ein Raum der Stimme für „das Gefühl“ (und seinen Körper), zum lustvollen Medium einer glückenden Befreiung (und Befriedigung) zu werden. Im Gesang liegt so allerdings auch die Gefahr, dass die eine Stimme quasi „ungeduscht“ auf das Gefühlsleben eines anderen trifft und diesen wiederum verstimmt.
Wer den Gesä(ä)ngen, wie sie die in Wien lebende Choreografin, Mutter und Leiterin des HerrenGesangsVereins Andrea Bold in ihrem jüngsten Stück „Gesäänge“ inszeniert, beiwohnen möchte, muß sich nicht die Ohren zustopfen, geschweige denn an einen Mast binden lassen; das Unerhörte (ä) dieses Stücks lässt sich durchwegs ohne weitere Vorkehrungen gefahrlos genießen. Das soll nicht heißen, dass den Sängern des HerrenGesangsVereins (David Ender, Radek Hewelt, Martin Tomann, Cezary Tomaszewski) das Sirenenhafte (a) völlig abzusprechen sei, aber die „Rauheit“ ihrer Stimmen verzaubert uns nicht so wie etwa die Laute von Soap&Skin, der jungen Sängerin, die vor einigen Wochen, auf ihren magischen Gesang hin, einen ganzen Saal von seligen Untoten zurückgelassen hat. In Andrea Bolds Stück kommt, wie man dem Programmheft bereits entnehmen konnte, nichts auch noch so verlockendes „reines“ vor, kein unmittelbares „Sein“ - also: Schein („wie erleichternd“).
Männer in Röcken versprechen ja immer ein besonderes, zumindest ein anderes Vergnügen. Vor allem dann, wenn sie die nötige Ernsthaftigkeit bewahren. Nach einer (von Andrea Korosec beleuchteten) Mutprobe des Horchens in Stille am Beginn des Stückes „prozessieren“ die vier Herren, ein Gospelchor im Entenmarsch, von hinten um das Publikum herum auf die Bühne. Sie beginnen sogleich zum Klang aus dem CD-Player zu singen und zu tanzen. Und sie tun es, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, d.h.: es wird komisch!
I've got love, peace, and happyness - in my soul.
I've got love, peace, and happyness - in my soul.
I've got love, peace, and happyness
I've got love, peace, and happyness
I've got love, peace, and happyness - in my soul.
(a), (ä), (a), (ä)
Wie zur Diagnose (nur ohne Zunge-Rausstrecken) bekommen wir vom jedem der Sänger kurz das a zu hören, den am schwierigsten zu singenden, die Stimme am weitesten öffnenden Vokal. Kurz genug, um im Einzelnen nicht eruieren zu können ob da wirklich love, peace and happyness drin ist (a), oder ob es eine andere Stimme ist. Lang genug, gerade um die angestimmte Differenz (ä) in der Gruppe, den Ort in der parodierten Stimm-„Familie“ (Bass, Tenor, Alt, Sopran) zu erkennen.
Der Tanz unterschiedlicher Klangkörper in den um sie entstehenden Klangräumen ist somit eröffnet. „Gesäänge“ wird eine inszenierte Lieder-Liste, die auszugsweise verschiedenste musikalische Genres auf das immer gleiche Thema des „Liebesgefühls“ abklopft, es listenreich in verschiedensten (getanzten) Lagen an- und abklingen lässt. Eine choreografierte Switch-List, in der die singende Stimme die Funktion eines akustischen Indikators in verschiedenen medialen Situationen (Mikrofon, Telefon, Diktafon, und Babyfon?) für das Abhören der Grenzbereiche von Körperlichkeit annimmt.
Und wie das mit den Grenzen von Körpern so ist, lebt die Gefahr, dass einer der Herren seine Beherrschung (wie angekündigt) verliert, sich „dem Gefühl der Liebe“ schmelzend hing(ä)be, immer wieder auf. Diese (gesuchte) Gefahrensituation lebt in uns - von Bold raffiniert in der Schwebe gehalten - weiter und leitet unser ängstliches Horchen auf den Ort und die momentane Befindlichkeit der Stimme an. In uns hoffen wir doch, dass einer der auf der Bühne Stehenden in seiner Stimme zum spiegelnden Objekt (a) unseres Begehrens, oder eben der Abscheu (ä) werden wird. Oder wir warten gespannt, ob er unter dem akustischen Zugriff der Gruppe „singen“ wird, endlich, wie vor der Polizei, dem Gesetz, die Geschichte seiner Schuldigkeit vor den lauschenden Stimmen des Gewissens beichtend. Wir sehnen uns danach, dass er sich an unser Statt opfern wird, im Gelächter den sozialen Tod (und die Auferstehung?) durchmacht, dass mit ihm unsere einsame Innerlichkeit öffentlich, unsere anachronistische Seele endlich zur Staatsangelegenheit gemacht wird.
Die Schmiere
Aber nicht ganz so mit Andrea Bold. Die Stimmen der „Gesäänge" bleiben gedeckt, das Prekäre des Subjekts verbleibt im Bereich der Bilder, der Anspielung, wie auch jedes Lied nur angespielt wird. In amüsant-parodistischer Verschiebung ins Visuelle, leicht grotesken aber kontrollierten Übertreibungen und in einer guten Zahl abrupter Brüche choreographiert sie die Verfolgungsbewegungen unserer Einfühlungskraft immer wieder, im Takt, zurück auf die Ebene der Reflexion. Birgt künstlerischer Umgang mit Gefühlen doch immer, wo es an Stil mangelt, die Gefahr des Lächerlichen, und andererseits die Möglichkeit der Manipulation über die Emotion; die „Schmiere" des romantischen Subjekts zählt sicher nicht zu den Effekten dieser Inszenierung, wenngleich sie das thematische Gleitmittel dieser Choreografie voll Humor bildet.
John Lennons „Imagine“ singend, dreht sich einer - gleitend - ins schwüle Rotlicht des Imaginären. Die anderen drei verlassen demonstrativ den von ihm eingenommenen Raum. Das Publikum aber bleibt, und er singt weiter: You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one. Aus dem warmen Rot der Bühnenbeleuchtung klingt uns aber eine enttäuschend ausdrucksarme Stimme entgegen, eine Leere, die uns auf den Grund unserer Einfühlung zurückführt, ihn überdenken lässt. Der Mann singt, abgenabelt vom Imago des dahinschwelgenden, Liebe suchenden und darin aufgehenden Subjekts - ohne Ausdruck des Ich. Die Traumwelt des Imaginären, in der sich der Tanz um sich selbst dreht, ist längst aus den Fugen, da seine Stimme nun wirklich gehört wird. Die Einsamkeit weicht der lachenden Resonanz des wachen Raumes, und die Präsenz des Tänzers öffnet sich dem Ausdruck des Wir.
Es war, wie versprochen, nichts „Reines" im Spiel, es waren bloß Konstruktionen des Gefühls, erzählter Gesang, gezeigt aber für einen körperlichen und alles andere als untoten Zugang.
(2.4.2009)
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