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BEOBACHTUNGEN UND ANMERKUNGEN ZUR "EXPO ZÉRO" DES MUSÉE DE LA DANSE IN RENNES
Von Sébastien Ronceray
Räume sind
einzurichten. Ideen sind auszutauschen. Vorlieben sind zu teilen. Konzepte sind
zu entwickeln. Verkehrsströme sind zu entwerfen. Ein Ziel: Planung eines
Tanzmuseums in Rennes (Frankreich). Das ist das Projekt, das der neue Leiter
des Centre Chorégraphique de Rennes et de Bretagne, Boris Charmatz, ein
Choreograph, Tänzer und Pädagoge, seit Beginn des Jahres 2009 verfolgt.
Ein Manifest[1] zur Erläuterung dieses Vorhabens ist bereits
in Umlauf. Boris Charmatz schlägt darin vor, „ein nationales Zentrum für
Choreographie in ein Tanzmuseum zu verwandeln. Ernsthaft. Ernsthaft und
lustvoll.“ Er fügt hinzu: „Ich möchte einen Gestaltwandel bewirken, der den
Aufgaben, die sich im Laufe der Geschichte dieser Institution herausgebildet
haben, Bedeutung verleiht. Die gesamte Tätigkeit des Ortes würde durch ein
unterschiedliches Prisma neu durchdacht, ein Prisma, das in der Lage ist, das
Ererbte und das Spektakuläre, die Forschung und die Kreation, die Lehre und das
Fest, die Öffnung hin zu einzigartigen Künstlern und das Bestreben, ein
gemeinsames Werk zu erschaffen, in einer einzigen Bewegung zu versammeln.“
Im Lauf des
Wochenendes vom 19. und 20. September 2009 präsentierten Charmatz und seine
Gäste ihrem Publikum die in der Woche davor erarbeiteten Früchte ihres
Nachdenkens. Jeder stellte sich mit seinem Blick, seinem Körper, seiner
Erfahrung vor, was ein Tanzmuseum sein könnte.
Elf Personen,
Künstler, Denker, waren von Charmatz zu einer Woche der Reflexion eingeladen
worden: Tänzer, Darsteller, Choreographen und Bühnenbildner (die Franzosen
Raphaëlle Delaunay, Anne Juren, Vincent Dunoyer, der Franko-Kongolese Faustin
Linyekula, der Slowene Janez Jansa, der Engländer Tim Etchells), ein Architekt
(der Deutsche Nikolaus Hirsch), Kritiker, Historiker oder
Ausstellungskommissare (der Österreicher Georg Schöllhammer, die Franzosen
Gilles Amalvi, Sylvie Mokhtari und Nathalie Boulouch). In den beiden Tagen der
Öffnung für ein Publikum hinterließen sie jeder in seiner Art Ideen, entwarfen
Richtlinien, brachten bereits Wünsche vor. Ein guter Weg für ein entstehendes,
zu erfindendes Museum.
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| Janez Jansa und Vincent Dunoyer bei Expo Zéro Rennes (Photo: Martina Hochmuth). |
Die Segnungen der Strenge
Sonntag 20. September,
11 Uhr. Die ersten Besucher des Tages treffen im Tanzmuseum ein. Was erwarten
sie? In einem Präsentationsdokument wurde ihnen gesagt, dass es dort keine
Werke gäbe, keine Führungen, keine Gesprächsrunden oder Projektionen (in
Wirklichkeit aber doch, es gibt nur Projektionen: Ideen, Vorschläge, Wünsche …).
Vorläufig geht es darum, so zu tun als ob - mit all dem Spielerischen, das
darin liegen kann. In einem Saal mit Tischen spricht Faustin Linyekula von den
Segnungen der Rahmen und der Strenge, die bisweilen notwendig sind, um seinen
Geist zu befreien und ihn für die Arbeit verfügbar zu haben (wie es geschieht,
wenn er mit Raimund Hoghe zusammenarbeitet, wie er es auch in seinem
Kulturzentrum in Kisangani tut, wenn er den Geist der angefragten Künstler von
den Problemen wirtschaftlichen Unterhalts befreit). Wiederholungen an den
gleichen Orten, zu den gleichen Zeiten, mit den gleichen Vorbereitungen: eine
Art Ritual, das den Austausch befördert, den das Museum anzubieten verstehen
wird müssen. Doch nach kurzer Zeit kommt Linyekula auf seine Erfahrung an der
Comédie Française mit dem Text von Racine zu sprechen: Bérénice. Er
versuchte, auf dem Boden zu spielen; das funktionierte nicht wirklich; und man
sagte ihm, dass die Tragödie im Stehen gespielt werden muss. Vor uns, im
Tanzmuseum, vertauschte er die Pole, er stellte sich auf den Kopf mit den Füßen
an der Wand und spielte zwei Stellen des Racine-Stücks, dabei tanzte er, drehte
sich im Kreis. „Stehen wir umgekehrt aufrecht.“ Ändern wir die Regeln.
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| Le LiFE, Expo Zéro Saint Nazaire (Photo: Martina Hochmuth). |
Zwei Räume. Mehrere
Stunden lang blieb Boris Charmatz in einem Gang des Museums unter Zenitallicht
stehen. Mehrere Stunden lang ereiferte sich Raphaëlle Delaunay in einem großen
dunklen Saal, im Sitzen, im Stehen, im Liegen. Er sprach. Sie tanzte. Er regte
an, dass die Besucher des Museums beim Betreten einem Fries folgen, einem
Fries, der aus den Zeilen eines Buches besteht, warum nicht „Espèces d'espaces“
[dt: „Träume von Räumen“ übers. v. Eugen Helmlé, Fischer 1994] von Georges
Perec. (Er sagte, dass im Museum Lektüren stattfinden müssen.) Dieser an den
Wänden verlaufende Text würde von außen nach innen gehen, in die Räume, unter
die Stühle.
Bondage: Bewegungen in Strängen
Der Besucher wird sich
bewegen müssen, um ihm zu folgen: nahe hingehen, wenn die Schrift klein ist,
weit weg, wenn die Worte groß sind, stehend, liegend, gehend, rutschend,
kriechend, springend. Delaunay tanzte und lud die Besucher ein, näher zu
rücken, einander zu berühren, sich in Szene zu setzen, mitzumachen, zu
beobachten, umherzugehen, Aufgaben gemeinsam auszuführen, in Umlauf zu bringen,
zu lachen, zu geben, zu nehmen, zu fordern, aufzustehen, zu tanzen. Zu
existieren. Er sprach von der Idee eines im Augenblick durch die Bewegungen der
Besucher entstehenden Tanzes. Er sprach auch von dem Tanz am Vortag mit einer
Gruppe von Leuten - in der auch ein Kind war -, mit denen er sich
zusammengebunden hatte. Bondage-Experiment: den Körper festschnüren,
SM-Praxis und japanische Kunst der Verknotung mit besonderen Seilen (das
Kinbaku). Spontanskulptur: man wartet mehrere Stunden, reglos.
Yvonne Rainer: Hand Movie
Charmatz fragte das
miteingebundene Kind, welche Bewegung ihm am liebsten sei: keine Antwort. Dann
welche die schlimmste sei: die gegenwärtige, bewegungslos zu bleiben; die
zweitschlimmste: schreiben. Sie tanzte mit ihrer Hand, wie Yvonne Rainer in
ihrem Film Hand Movie (1966), tat dabei so als ob, in der Abstraktion
des Fehlens, mimte Einladungen, es ihr gleichzutun, mit ihr mitzutun. Geste der
Hand, Bewegung des Denkens. Das Museum muss auch mit der Schrift arbeiten (die
Geste und das Denken, gemeinsam). Sie zeigt einen Tanz, verschmilzt Schritte
von Pina Bausch mit dem Moonwalk Michael Jacksons; die Besucher
wiederholen den Tanz mit ihr. Den Tanz muss man lernen, ihn erfassen. Er sprach
noch lange, dann schwieg er. Sie ging umher, wurde zu einer Silhouette vor den
Fenstern. Ermattet bat sie, abgelöst zu werden. Sie hielt inne. Der Saal leerte
sich und wurde zu dem Gebiet, in dem die Kinder laufen und spielen.
Die die Besucher
betreffenden Fragen (Wer sind sie? Was werden sie tun? Was wollen sie im Museum
sehen? Was soll man mit ihnen, für sie tun?) beschäftigen alle Vorschläge. Man
könnte, wie zum Beispiel von Janez Jansa vorgeschlagen, die Besucher zwingen
(„das Museum ist eine Art Falle“ sagt Charmatz), Bleischuhe zu tragen, um ihre
Bewegungen zu verändern, sie anzuregen, langsam zu gehen, neue Schritte zu
erfinden. Sie anregen, umherzugehen, stehen zu bleiben, den Raum zu verändern.
Sie im Museum einschließen, damit sie an seiner Erschaffung teilnehmen, damit
sie sich ihren Traum vom Museum erfüllen, ihren Traum vom Tanz. Sie auffordern
zu lesen, zu singen, zu spielen. Die Besucher machen auch das Museum, sie
verleihen ihm seinen Rhythmus, erschaffen seine Räume. Man muss sie pflegen,
wie man Werke, wie man Tänzer pflegt; Werke umhegen, den Tänzern Ruhepausen
gönnen, sie reisen, ausgehen lassen, ihnen Luft geben. Pflegeraum wie in einem
Spital. Neu zu findende Arten der Pflege.
Choreographien ausstopfen
Ein weiterer Saal:
schwarze Wände, Holzfußboden, zwei große Fenster, die lange Schatten entstehen
lassen. Vincent Dunoyer ist da mit einigen kleinen Kindern. Die von ihm
vorgeschlagene Bewegung (das heißt in der Zeit und im Raum): ich mache (er
erlangt die Aufmerksamkeit der Kinder), man macht (gemeinsam, wie im Spiegel,
die gleichen Gesten), du machst (ein Kind tanzt; es hat Vertrauen, schaut nicht
darauf, was Dunoyer tut, sondern weiß, dass sein Tanz identisch ist). Der vom
Kind erfundene Tanz: „Die Pokémon-Rolle“. Nach und nach ist unter ihnen ein
Spiel entstanden, ein Austausch findet statt. Ein zweites Spiel, das des
Flugzeugs: Vincent Dunoyer trägt ein Kind auf dem Rücken; eine Bewegung im Raum
zeichnet sich ab, unter einem für das Kind unterschiedlichen Gesichtspunkt. Ein
anderes Kind lenkt die Bewegungen Dunoyers: „Halt! Los!“. Es sagt „Los!“, wie
man „Tragt!“ sagen würde, am Ende wird es ein „Auf den Boden!“. Das Museum:
auch ein Ort, an dem man spielt, wo man erfindet, wo man sucht.
Womit dieses Museum
bestücken? Der Tanz, die Kunst des Lebendigen, in einem abgetöteten Raum?
Charmatz spricht von der Tänzerin und Choreographin Jennifer Lacey, die ihre
Werke ausstopfen wollte. Tim Etchells spricht von einem Gefühl, das für die
Künstler hervorbricht: „Fear of Death“. Das Museum könnte diese Angst
mildern… ? Bei den Tagen der Reflexion wie sie Gilles Amalvi bei
improvisierten Lektüren seiner Aufzeichnungen in Erinnerung ruft, tanzte Janez
Jansa eine Stunde lang im Dunkeln und sprach über Tanz, Kunst, Realität.
Faustin Linyekula erzählte unmittelbar danach, was soeben geschehen war. Der
Zeit keine Zeit zu handeln lassen, schneller als sie sein, sie ergreifen, sich
ihrer bedienen und aufs Neue erfinden. Das Erbe des Tanzes würde dieser
Bedingung widerstehen: immer noch weitergeben, weiter erfinden. Nicht verstehen
versuchen, was geschehen ist („Verstehen ist das, was das Kind nicht ohne
Erklärungen eines Lehrmeisters tun kann“, behauptet Jacques Rancière in seinem Maître
ignorant [der unwissende Lehrmeister]; daher kein Lehrmeister), sondern die
Sache in die eigene Hand nehmen und mit ihr arbeiten, wie Richard Serra 1968 in
seiner Verb List vorschlug, als er eine Reihe möglicher Aktionen angab:
rollen, niederreißen, falten, anhäufen, krümmen, verdrehen, zerknittern,
einsammeln, versorgen… Diese Liste endet mit „fortsetzen“.
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| Richard Serra: Word List (1967/68) |
Aber das Erbe? Es
umschreiben? Es neu interpretieren? Es neu interpretierbar machen? Charmatz
nennt den Pierre Ménard von Borges, eine Figur, die ihr ganzes Leben
daran gearbeitet hat, einen Teil des Don Quijote nochmals zu schreiben. An
verschiedenen Stellen im Laufe des Tages bringen Nathalie Boulouch & Sylvie
Mokhtari, die Initiatorinnen des Archives de la Critique d'Art, ihre
Austauschvorgänge ein: jene führt Zitate von Künstlern und Kritikern (Pierre
Restany, Gina Pane, Allan Kaprow…) an, die Briefen, Artikeln, Werken und
ähnlichem entnommen sind, diese zählt ein Verzeichnis auf, eine imaginäre
Sortierung ihrer Werke, auch von Photographien und anderen Teilen aus dem
Archiv, aus Entwürfen, aus der Erinnerung. Bereits daran denken, wie die Werke des
Museums zugänglich gemacht werden. Aber welche Werke? Welche der Gegenwart?
Welche der Vergangenheit? Die Frage der Zukunft… Zusammentragen,
klassifizieren, ordnen, vermischen, montieren.
Trisha Browns „Accumulation“,
rückwärts
Le Corbusier: Musee à Croissance illimitée (1939)
Filme (die als einzige
eine Spur ziehen können, ja sogar eine verfälschende Wirkung haben können?),
Texte (Ideen, Konzepte, Beschreibungen, Protokolle, Analysen …),
Photographien (und das Fehlen der Bewegung)…? Alles in Bewegung setzen, in
der Art dessen, was Le Corbusier mit seinem unbeschränkt wachsenden Museum
vorhatte? Und wenn der Körper der Tänzer alleine dieses Tanzmuseum wäre?
Vincent Dunoyer spielt ein Stück aus dem „Repertoire“ nach: das 1971 von Trisha
Brown geschaffene Accumulation, entfaltet es jedoch anders, indem er
verkehrt tanzt und so eine in gewisser Weise rückwärts schreitende Partitur
erschafft, so als wäre das Stück aufgezeichnet, und man könnte es verkehrt
abspielen.
Und was ist auf Seiten
des Kinos los, einer weiteren unreinen Kunst für das Museum? Während das Kino
(Kunst und Industrie vermischt) Ende der 1920er Jahre mit dem Aufkommen des
Tonfilms eine Wandlung erfuhr, meinten einige Beobachter jener Zeit, dass das
Kino durch diese technische und spektakuläre Neuerung in Gefahr geriete (und
heute tut es dies noch viel mehr, aber wer sieht das? [2]). Einer von ihnen, Henri Langlois,
beschloss Mitte der 1930er Jahre, in Paris ein Filmmuseum zu gründen, einen
Ort, der Filmemacher hervorbringen sollte, ein Museum, das Werke aufhängt,
Photos, Dekorationselemente, Erfindungen und Maschinen, das aber auch Filme
aufhängt, sie ausstellt, indem sie auf die Leinwand der Kinosäle des Museums
projiziert werden. Freilich ist das Kino, eine moderne Kunst, eine
unterstützende Kunst (daher auch eine Kunst der Anverwandlung und der
Reproduzierbarkeit) dazu berufen, bestehen zu bleiben, trotz des Staubs, zu der
die Filme werden können, trotz der Abnutzung und Beschädigung, der das
Trägermaterial durch die Einwirkung der Zeit ausgesetzt ist. Konservieren,
zeigen, um die von Dominique Païni 1992 in seinem Programm für die Cinémathèque
française vorgeschlagene Synthese aufzugreifen: das ist das hehre Anliegen.
Der Tanz wirft das
Problem des Fortdauerns der Werke auf. Für das ihm gewidmete Museum würde es
darum gehen, so zu tun, als könnte das Werk wieder entstehen, so als könnte es
uns immer noch etwas bringen, so als wäre eine Form der Aktualisierung
(Inbesitznahme durch einen neuen Körper) möglich. Sein Widerstand ist es, der
dem Werk Bestand verleiht, ihm seine Wirkung verleiht, aus ihm ein zusätzliches
Dokument einer Schöpfung macht. Nun gilt es noch, entsprechende Möglichkeiten
zu finden, es zu zeigen, es zu präsentieren und in Programmen
zusammenzustellen. So wie Langlois (ebenso wie seine Nachfolger) es sich zur
Aufgabe machte, die Filmprogramme im Filmmuseum zusammenzustellen, widmeten
auch die Bildhauer und Musiker seit dem 20. Jahrhundert der Präsentationsform
der Werke besondere Aufmerksamkeit. Dominique Païni nennt Cage, Duchamp,
Barthes, Boulez, „die eine ähnliche Haltung als Programmgestalter eint.
Alle werden das Jahrhundert nämlich dadurch geprägt haben, dass sie den ihnen
vorangehenden Werken, ihrer kritischen Neuaneignung und vor allem ihrer
‚musealen Inszenierung' als Mittel zur Sprengung der Zwänge der Gegenständlichkeit
und der Illusionismen eine gleiche vorrangige Aufmerksamkeit schenken.“ [3]
Dieser Staub auf dem „Großen Glas“
Die Spuren müssen auch
gesehen werden; dieser Staub der Kunst, der nach einer anderen Dauer sucht,
einer anderen Abnutzung und das Werk verwandelt, andere Materialien, andere
Farben, andere Bewegungen sichtbar werden lässt. In der Art von Duchamp, der
auf einigen Teilen seines „Großen Glases“ den Staub sich absetzen ließ, um eine
bestimmte bildliche Qualität zu erreichen, die sein Werk verwandelte. Die von
Man Ray davon gemachte Photographie wurde zu einer wieder neuen Sache, sie
sollte den Titel tragen „Ansicht aufgenommen aus dem Aeroplan von Man Ray“.
Wechsel des Trägermaterials, geänderter Blick, das Werk existiert in
verwandelter Gestalt, und der Künstler eignet es sich an.
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| Man Ray / Marcel Duchamp: Elevage de poussière |
Für den Tanz, eine
Arena: das bereits erwähnte „Tun als ob“. Tun als ob man immer da sein könnte,
immer wieder neu beginnen, immer erschaffen, immer existieren. Damit die Furcht
vor der Angst verabschieden. „Tun als ob“: eine vom ethnographischen
Filmemacher Jean Rouch zu seinen Dokumentarfilmen oft genannte Methode. Tun als
wäre man Gouverneur der Goldküste, als wäre man Edward G. Robinson, als würde
das dritte Auge des Filmemachers (seine Kamera) ihm erlauben, magische
Ereignisse zu sehen, Riten, die nur er ans Licht bringen kann, etwas, das da
ist und das nur er sehen kann. Das Tanzmuseum: ein neues Musée de l'Homme
[Völkerkundemuseum in Paris]? Man müsste die Tänzer der ganzen Welt fragen, ob
sie gegenwärtig ein Teil des Museums sein wollen, denn was von den Tänzen
bleibt, das sind die Körper der Tänzer selbst.
Am Ende dieses Tages,
nach einem getanzten Austausch mit Faustin Linyekula, setzt sich Boris Charmatz
erschöpft auf den Boden. Linyekula tritt zu ihm und massiert ihn, Charmatz
bewegt sich nicht. Kinder treten hinzu und berühren seinen langen,
ausgestreckten Körper wie um zu überprüfen, wie es dem großen Löwen bei
Einbruch der Dämmerung geht. „Er ist tot?“ sagt einer von ihnen. „Nein, er
macht heia“. Er tut als ob…
Die Lust der Liste
Beginnen wir von
neuem. In der Art von Richard Serra und seiner Verb List, legen wir eine
Liste mit Vorschlägen auszuführender Aktionen vor, nehmen wir die hier und dort
erwähnten wieder auf, um das kommende Tanzmuseum (oder ist es ein Museum des
kommenden Tanzes?) einzurichten:
„Mein Unterfangen ist im Wesentlichen nicht
schwierig. Es würde genügen, unsterblich zu sein, um es zu Ende zu führen.“ J.L. Borges, „Pierre Ménard, Autor des
Quijote“ in Fiktionen, 1956 [dt. in ders., Universalgeschichte der
Niedertracht und andere Prosastücke, München 1970].
„Ich
weiß nicht, wo ich bin, ich werde es nie wissen, im Schweigen kann man nicht
wissen, man muss nur voranschreiten.“ Samuel Beckett, in L'innommable, 1953 [Der Namenlose, dt.
v. Elmar Tophoven, Erika Tophoven, E. Franzen (1959), Frankfurt a.M. 1979].
„Sofortige Steigerung meines Films,
wenn ich improvisiere, Absinken, wenn ich ausführe.“ Robert Bresson in Notes sur le cinématographe,
1975 [dt. Notizen zum Kinematographen, Berlin 2007].
„Im Spiel befreit sich der Mensch
aus der heiligen Zeit, um sie in der menschlichen Zeit zu ‚vergessen‘.“ Giorgio Agamben in Enfance et histoire, 1978 [Kindheit und Geschichte, Frankfurt am Main: Suhrkamp
2004].
„Sagen wir also, dass es in der als
schöpferische Entwicklung gesehenen Dauer eine ständige Erschaffung des
Möglichen und nicht nur der Wirklichkeit gibt.“ Henri Bergson, in La pensée et le mouvant,
1908 [Denken und Werden. Aufsätze und Vorträge, 1948].
„Die Übertragung von einem Körper zum
anderen entstehen lassen.“ Vincent Dunoyer.
„Esse est percipi.“ / „Sein heißt
Wahrgenommenwerden.“ George Berkeley.
„Eure Tänze sind der schreckliche
Abgrund meiner Träume.“ Paul Eluard, in Capitale de la douleur, 1926 [Hauptstadt
der Schmerzen 1929].
„Es ist wirklich der Körper, der das Museum
bildet. Mit der Politik, der Geschichte, dem Krieg, der Lehre, der Kunst…“ Boris Charmatz.
„Mallarmé
sagt, dass die Frau, die tanzt, keine Frau, die tanzt, ist, da sie keine Frau
ist und sie nicht tanzt.“ Paul
Valéry, in Degas,
danse, dessin, 1938. [dt.: Tanz, Zeichnung und Degas, übers.
v. Werner Zemp, revidierte Ausgabe, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1996].
„Der Staub, dem nichts etwas anhaben
kann.“ Bertolt
Brecht.
„Das Neue ist nicht in dem, was
gesagt wird, sondern im Ereignis seiner Wiederkehr.“ Michel
Foucault in L'ordre du discours, 1972
[Die Ordnung des Diskurses, München 1974].
„Das Kunstwerk hat nichts mit der Kommunikation
zu tun.“ Gilles Deleuze.
„Gehen wir in die Zäsuren hinein.“ Faustin Linyekula.
„Muß es sein? Es muß sein!“ Beethoven, Anmerkung zum Streichquartett Nr. 16.
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| Ludwig van Beethoven: Es muß sein |
Fußnoten:
[1]
Dieses Manifest ist auch im Rahmen dieses Schwerpunkts zu lesen und unter: http://www.museedeladanse.org/sites/default/files/manifeste-A0-FR.pdf
[2] „Die Filmmuseen werden untergehen, wenn sie
aufhören daran zu glauben, dass sie eine Kunst retten, und sie werden untergehen,
wenn sie beginnen, die Filme anders als im Kino zu zeigen.“ Sagte João Bénard
da Costa, der frühere Leiter des portugiesischen Filmmuseums voraus.
[3]
Dominique Païni in Conserver, montrer, où
l'on ne craint pas d'édifier un Musée pour le cinéma, ed. Yellow Now, 1992.
Übersetzung aus dem Französischen von Werner Rappl.
(3.12.2009)
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