Rennes: Ein Ort der Ermittlung

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DAS NEUE "MUSÉE DE LA DANSE" VON BORIS CHARMATZ IN RENNES: EINE EINLEITUNG

Von Helmut Ploebst


Museen sind großartige Orte. Wer ein Museum betritt, taucht in eine andere Welt ein, die einen Raum zwischen dem utilitaristischen Diesseits und dem mystischen Jenseits anbietet. Das Museum kann ein Atopos sein, ein verschobener Platz, an dem wilde Gedanken entstehen, weil es Gerüchte enthält über Ereignisse, die ihre Spuren hinterlassen haben. Spuren, die im Museum ausgestellt sind, als Ergebnisse einer Tätigkeit, die Sammeln heißt, aber auch Sichern bedeutet - ein Sichern, das eine Verunsicherung spiegelt, in der sich Gesellschaften befinden, die ihre Gegenwarten nicht bewältigen.

Jedes Museum enthält Vorschläge dafür, wie mit der Verunsicherung gegenüber der Gewärtigkeit gegenüber dem ephemeren Jetzt umzugehen ist, ob dieses erschreckende mentale Hic et Nunc am besten umgangen wird oder ob es nach einer Atempause neu angegangen wird. Es repräsentiert immer eine konzeptuelle Installation, die dazu geeignet ist, das eigene Konzept in Bezug auf den Sammlungsschwerpunkt des Museums zu befragen. Was ist die Welt im Globenmuseum? Was heißt Zeit im Uhrenmuseum? Wie begegnet das geworfene und gegenwärtig verschiedentlich verworfene Subjekt sich selbst im Bestattungsmuseum? Das Museum enthält Pläne für das Ende der großen Erzählungen wie das Pathologische Museum oder für die größte Erzählung wie das Naturhistorische Museum. Es ist der Ort dreier Auslassungen: ein Ort der Lücken, ein Ort des Erzählens - und, vielfach unterschätzt, ein Ort des Übermuts (im Denken und Kombinieren).

Im Museum tanzen die Besucher

Museen können sinistre Orte sein, Heimplätze der Verfälschung, der Manipulation, der Verheimlichung oder der falschen Romantik, der rückwärtsgewandten Gegenwartsvergessenheit, der Spekulation und der Sensationsgier. Im Uhrenmuseum könnte der Gedanke entstehen, die Zeit sei bloß ein Kunsthandwerk, im Bestattungsmuseum könnte eine narzißtische Rührseligkeit aufkommen. Und im Globenmuseum könnte der Eindruck entstehen, der Mensch besäße die Welt, nur weil er sie auf Kugeln malen kann.

Im Museum also beginnen die Besucher um alles zu tanzen, was die Sammlung in ihnen auslöst. In den Besuchern tanzt die Assoziation, die Neugierde, die Langeweile. Das Mitgebrachte wiegt sich mit dem Dargebrachten, das Verborgene mit dem Offenkundigen, der Wahn mit der Wirklichkeit.

Wenn der französische Choreograf Boris Charmatz in diesem Jahr damit begonnen hat, in Rennes ein „Musée de la danse“ umzusetzen, greift er auf eine Eigenschaft des Museums zu, die mit den Instrumentarien der jüngsten Diskurse im Tanz problemlos herausgefiltert und sichtbar gemacht werden können. Wenn das Museum ein Ort ist, in dem Dynamiken nicht nur angelegt sind, sondern sich auch live ereignen, und weil Tanz ein Begriff ist, mit dem - wie in der Mikrophysik und der Astrophysik - komplexe Prozesse bezeichnet werden und weil er sich auch als Operator in der Philosophie und in der Beschreibung von kynetischen Systemen eignet, handelt Charmatz aus einem treffsicheren Zeitverständnis heraus. Er verwandelt in einem semantischen und konzeptiven Coup ein „Choreografisches Zentrum“ in ein „tanzendes Museum“, übersetzt also das Planen von Aktivitäten in eine Aktivierung von Plänen. Dieser Coup provoziert den Museumsbegriff ebenso wie den Tanzbegriff, wie er im Interview mit corpus erklärt.

Brennpunkt der Gegenwartsdiskurse im Tanz

Mit verblüffendem Orientierungsvermögen navigiert Charmatz durch konservative Widerspüchlichkeiten und entlarvt sie als künstliche Paradoxa - nicht nur im Tanz, dessen Sentimentalität gegenüber dem Ephemeren er beeinsprucht, sondern auch in der Museologie, gegen deren implizite Statik er opponiert. Praxis und Theorie, Kunst und Wissenschaft, Geschichte und Gegenwart verbinden sich in dem Denkraum, den er mit seinem „Musée de la danse“ aufmacht und das ein Gegenmodell zu dem neoliberalen Museum als Spektakel darstellt, das aus aufgemotzter (Kunst-)Vermittlung Profit zu schlagen sucht. Charmatz' Projekt in Rennes ist - um ein Begriffspaar des deutschen Künstlerzwillings deufert+plischke zu verwenden - ein Ort der ästhetischen Ermittlung und nicht einer der utilitaristischen Vermittlung. Es kontextualisiert sich mit der Idee des „Anarchivs“ (wieder deufert+plischke), des „Movement Museum“ von Michael Stolhofer bei der Salzburger Sommerszene 2008 und auch mit dem Entwurf von „Wieder und Wider“ des Tanzquartier Wien aus dem Jahr 2006.

Sozusagen im Alleingang verschiebt Boris Charmatz den Brennpunkt der Gegenwartsdiskurse im Tanz erst einmal zurück nach Frankreich und gibt eine deutliche Antwort auf die allgemeine Verunsicherung etwa in Belgien oder Deutschland. Dabei zählt er offenbar auf die alles andere als träge kulturelle Konstitution Frankreichs, in der das Umdenken, das Weiterdenken, das Denken als Praxis überhaupt als identitätsbildender Faktor gilt: von Descartes bis Sartre, von de Beauvoir bis Foucault, Barthes, Deleuze zu Kristeva, Nancy und Rancière, und im Tanz von Maguy Marin über Mathilde Monnier bis zu Jérôme Bel, Xavier Le Roy - und eben Boris Charmatz.

Mit diesen Überlegungen, dem Manifest für das „Musée de la danse“, das wir mit Einverständnis des Musée aus dessen Website entführen, einem Interview mit Charmatz und einem Bericht über die erste große Initiative des Tanzmuseums, der „Expo Zéro“, stellt corpus dieses Projekt dem deutschsprachigen Raum anläßlich des Gastspiels von Chamatz' „50 ans de danse“ im Tanzquartier Wien als kleinen Schwerpunkt vor.


(3.12.2009)