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Romantische Bilderfindung

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blason_27x30_violet URAUFFÜHRUNG VON PHILIPPE QUESNE UND DEM VIVARIUM STUDIO: "LA MÈLANCOLIE DES DRAGONS" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN 2008 IM SCHAUSPIELHAUS

Von Judith Helmer


Sechs Hardrocker mit langen Haaren und Lederkluft, ein Hund, ein Auto mit Anhänger und Dürers Kupferstich "Melencholia I" sowie Caspar David Friedrichs Gemälde "Wanderer über Nebelmeer" - wie geht das zusammen? Wunderbar bei Philippe Quesnes neuer Arbeit mit dem Vivarium Studio, "La mélancolie des dragons", uraufgeführt im Rahmen der Wiener Festwochen 2008 im Schauspielhaus Wien.

„Hier bald entsteht Freizeitpark" projizieren die Dragons, wie sich die Gruppe von Hardrockern nennt, auf die Rückwand der Bühne des Schauspielhauses, und die erste Attraktion für ihren Park haben sie schon mitgebracht: unsichtbare Menschen. In dem glasverbauten Autoanhänger baumeln sieben Langhaarperücken an Angelschnüren, die sich, angestrahlt von rotem Licht, gespensterhaft im Luftstrom eines Ventilators wiegen. „Ja, toll, wirklich, toll", findet Isabelle Angotti, die die Dragons besucht und der sie ihre Pläne und Konstruktionen zeigen.

Das ist das Stück: Sechs Hardrocker, die einer Besucherin erklären, wie sie sich ihren Freizeitpark vorstellen. Die Erzählhaltung ist dabei scheinbar die einer totalen Verweigerung. Das Publikum kann beobachten, was passiert, findet aber selber keine Beachtung. Quesne produziert einen irritierenden Einbruch der Realität, indem er alles in langsam dahintropfender Echtzeit sich entfalten lässt und Elemente auf die Bühne holt, die andere Theatermacher tunlichst vermeiden, um die Geschlossenheit der Fiktion und der ästhetischen Konstruktion nicht zu gefährden: ein Hund, ein Auto und ein paar traurig dastehende Sträucher und Bäumchen zum Beispiel. Quesnes Darsteller sprechen wenig und wenn dann untereinander, meist zu leise, als dass man viel verstehen könnte. Understatement as understatement can be.

Renaissance meets Romantik

In jeder seiner Arbeiten geht Quesne von einem berühmten Kunstwerk aus. "Die Melancholie der Drachen" speist sich aus gleich zwei Bildern: Dem berühmten Melencolia-Blatt Albrecht Dürers von 1514, einem der wichtigsten Werke der deutschen Renaissance, und Caspar David Friedrichs "Wanderer über Nebelmeer", um1818 entstanden, das wiederum für die deutsche Romantik zentral ist. Bei Dürer sind es die bis heute teils nicht entschlüsselten Symbole und das allegorische Beiwerk wie Sanduhr und Zahlenquadrat mit seinen Verweisen auf das Unendliche und Vollkommene, aber ebenso auf das Ausweglose, die Quesne inspirierten. Und Friedrichs einsamer Wanderer, der über dem Nebelmeer stehend eine Aussicht findet, die nichts offenbart, ist ihm im Punkt der romantischen Bilderfindung nah verwandt. Beide arbeiten mit einer Fiktivität von Naturansichten, die Detailrealismus und abstrakte Konstruktion in sich vereinen.

So wie Friedrichs Wanderer seinem Betrachter den Rücken zukehrt und zur Sehnsuchtsfigur wird, sind auch die sieben Darsteller in der Melancholie der Drachen stets seltsam abgewandt und ziehen ihr Publikum gerade auf diese Art tief hinein, da sie die Bühnensituation zugleich voll auskosten und verweigern. Sie agieren in einem in sich geschlossenen, fiktiven Raum in schönster Tradition eines Theaters mit einer gedachten vierten Wand, scheinbar ohne Signale nach außen zu senden. Der Clou ist aber, dass Quesne permanent Verbindungen zu einem Außen knüpft, sei es über die Parallelen der Bühnenarbeit mit den von Bedeutung aufgeladenen Gemälden oder durch die Elemente wie Hermés, den Hund, der einen permanenten Brückenschlag von der Fiktion ins Hier und Jetzt des von Publikum und Darstellern geteilten Theaterraums schlägt.

Künstliche Natürlichkeit

Der melancholische Park mit seinen unattraktiven Attraktionen, den die Drachen errichten, ist auf eine herzerwärmende Art und Weise schlecht. Ein Mini-Springbrunnen, Seifenblasen-, Nebel- und Windmaschinen sollen die vier Elemente darstellen. Auch künstlicher Schnee, durch den die zukünftigen Besucher mit Skiern ihre Runden ziehen sollen, gehört zu den Attraktionen. Die Natur, die zu Beginn der Neuzeit, der Epoche der Entstehung von Dürers "Melencolia", durch Zählen, Messen und Einteilen erfasst werden sollte (was sich in Dürers Kupferstich in den abgebildeten Messinstrumenten Sanduhr, Sonnenuhr, Stunden-Glocke, Waage und Richtscheit widerspiegelt), fungierte in der Romantik als Sehnsuchtsidee, die in einer entzauberten Wirklichkeit die Frage nach Einheit, Ganzheit und Sinn des Lebens symbolisierte und als eine Gegenwelt zur Uniformität und Normalität des heraufziehenden bürgerlichen Alltags diente. In der Welt des Stückes ist die Natur ebenfalls, aber mit einer völlig neuen Konnotation unerreichbares Ziel der Sehnsucht. Künstlich soll Natürlichkeit hergestellt werden, als Attraktion für Wesen, denen jeder Bezug zum Echten abhanden gekommen ist. Durch dieses Paaradox wird die durch und durch komische Arbeit zutiefst melancholisch. Und höchst menschenfreundlich, denn Quesne versteht die Sehnsucht zugleich nach Echtheit und nach dem Wunderbaren, zum Beispiel nach Drachen. Er befriedigt beide auf eine beglückende Art und Weise, in einer irritierenden Verquickung von durchstrukturierter Beiläufigkeit und abgehobener Bodenständigkeit. So steht die Besucherin einmal auf einer Leiter, unter ihr das Nebelmeer aus der Maschine, und blickt ringsherum auf die halbfertigen, traurigen Attraktionen. „Ja, toll, wunderbar," findet sie, und sie hat Recht.

Webtipp: http://www.festwochen.at

(01.06.08)