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DIE INSTALLATION "DEAD RECKONING" VON
PHILIPP GEHMACHER UND VLADIMIR MILLER IN DER WIENER AKADEMIE DER
BILDENDEN KÜNSTE ALS TEIL DER KURATIERUNG "LEER" DES TANZQUARTIER WIEN
Von Elke Krasny
Zwischen Körper sein und einen Körper haben liegt der Riss des Übersetzbaren. Zwischen dem Abkommen vom Kurs und dem Beibehalten des Kurses liegt die Gefahr des für immer verfehlten Ziels, des Verlorengehens im Zustand der Verwirrung. Zwischen der Messung und dem Vermessenen liegen Welten. Diese sprachlichen Risse sind auch solche der Bewegung und des Raums, sie treiben nicht nur die Kunst der Spekulation, sondern auch die verunsicherte Verortung von Bewegungen an, und das lässt sie zu ästhetischen Konstellationen werden.
Verschwindet der Körper als Material, als physisch einmaliger Aggregatzustand aus dem Raum, dann wird die Körperrealität zur Projektion, die Performance gefriert zur Installation. „dead reckoning“, zu deutsch Koppelnavigation, ist der Titel der Videoinstallation des Choreographen und Tänzers Philipp Gehmacher und des Videokünstlers Vladimir Miller. Ortet man die Bedeutung des aus einer anderen Sprechformation entlehnten Begriffs, dann befindet man sich in der Welt der Navigation und des Messens. Dead reckoning ist die laufende Ortsbestimmung eines bewegten Objekts durch Messung der Bewegungsrichtung, Geschwindigkeit und Zeit. Ortung, Kurs und Fahrt werden zueinander in Beziehung gesetzt. 36 Minuten haben die BetrachterInnen Zeit zur Vermessung ihrer Wahl. Im Zweifelsfall fallen sie auf die zweite Bedeutung von dead reckoning zurück: Spekulation, Mutmaßung, Vermutung. Das Problem der Übersetzung trifft den Kern der Anstrengung der Installation. Die Betrachternavigation zwischen Ortbarkeit, Kurswechsel und Blickvermessung wird dezidiert in alle sich ergebenden Problematiken freigesetzt.
Unmöglich, alles aufzunehmen
Der Raum der Aula der Akademie der bildenden Künste Wien, Theophil Hansens letztes öffentliches Gebäude, wiegt sich in historistischem Dunkel. Die Betrachterin durchmisst den Raum. Sie ist ein wenig zu früh gekommen. Sie lässt seine willkommene Leere im Nachhall der Schritte angenehm auf sich wirken. Der Raum hat sie einhüllend angenommen. Sie vermisst ihn mit ihrem Körper. Die einzige körperliche Anwesenheit konzentriert sich in der Position der Betrachterin. Allein, auf ihren Blick gestellt, hat sie, wie sie bald herausfinden wird, keine Möglichkeit, alle Projektionen aufzunehmen. Schon der Anspruch wäre vermessen. Aber er stellt sich doch.
Das ist das Vermessene der Messung. Vieles des Sehmöglichen bleibt blickleer, ungesehen. Die Leere, als auffällige Markierung des Ungesehenen, bringt das räumliche Dispositiv der Videoinstallation von Philipp Gehmacher und Vladimir Miller zum Vorschein. In den historistischen Wandelraum der Aula ist eine skelettierte Referenz des Zeitgenössischen über die Assoziierbarkeit mit dem White Cube hineingestellt. Der Würfel jedoch mutierte zur Fläche, zur Fläche der Projektionen. Diese Projektionsflächen bilden keine Außenwände, sondern bringen durch die gekreuzte Aufstellung der zwei weißen Wände acht verschiedene Abschnitte des Projektionsverlaufs hervor. Was der Betrachterin zu sehen gegeben wird, ist eine technologische Anordnung von Projektion als Verläufe gefilmter Bewegungen. Vier Beamer, zwei Lautsprecher, zwei einander kreuzende Flächen der Projektion. Was anmutet wie ein Ensemble des totalen Blicks, der totalen Überwachung, denn kein Winkel bleibt verborgen, ist in der Situation der Installationsaufführung sein Gegenteil: nie kann alles gesehen werden. Das bringt die Konfiguration des Projektionsensembles mit sich. Die Position der Betrachterin ist sinnentleert. Sie kann nicht alles aufnehmen, nur deuten, dass sie unzulänglich ist, mit ihrer Anwesenheit die fragmentierte und vervielfältigte Projektion aufzunehmen.
Bis zum allerobersten Fach
Die vier Kameras, die für die Aufnahme in einem Quadrat um die drei Tänzerinnen, Rémy Héritier, Philipp Gehmacher und Christine De Smedt, positioniert waren, haben bereits alles vorgesehen. Folgt die Betrachterin nun dieser Vorsicht, so lässt sich daraus zweierlei schließen: sie ist nicht mehr notwendig. Die Videoinstallation ist sich selbst genügsam. Das Außenauge, die Blickposition wird nicht mehr gebraucht, ist technologisch überlebt. Oder man folgert paradoxerweise das genaue Gegenteil: die Betrachterin ist so gefragt wie selten, aber noch nicht avanciert genug. Sie kann nicht durch Wände gehen. Sie kann nicht ihr Anderes werden. Sie kann dem eigenen Sehen noch nicht trauen.
So philosophisch oder betrachtungstheoretisch faszinierend und ergiebig die Videoinstallation von Philipp Gehmacher und Vladimir Miller ist, so unbefriedigend bleibt sie in der ästhetischen Rezeptionssituation. In dieser Unbefriedigtheit ist ihr ästhetischer Anspruch zu entschlüsseln. Hier soll das Mehr als das Anwesende im Entschwinden suggeriert werden. Das Mehr ist Zuviel. Es kann dem Werden des Sehens nicht entsprechen. Es entzieht sich. An die Stelle des ästhetischen Genießens, des Begehrens des Sehenwollens tritt die intellektuelle Abwehr des bereits Verstandenhabens.
Der Riss zwischen den Übersetzungen lässt den Ort als immer schon verfehlten erscheinen, den Körper als immer schon verschwindenden. Die Körper gehen durch Wände, die Wände gehen durch Körper. In den Kapiteln über die Paradoxien zitiert Gilles Deleuze in „Logik des Sinns. Aesthetica“ jene Worte, die Lewis Carroll seine Alice sagen lässt: „Ich verfolge es einfach einmal bis zum allerobersten Fach. Die Decke wird ihm denn doch zu denken geben! Aber auch das schlug fehl: Das Ding glitt so seelenruhig durch die Decke, als kenne es gar nichts anderes.“
Kein Akt der Begegnung
Alle konsequenten Entscheidungen für die gewählten Bewegungen im Raum für die Kamera verlieren ihre berührende Kraft, ihr Potenzial der Intensität. Hier bewegen sich die, die einander nicht sehen, sondern durch die Kameras gesehen werden. Die Kameras haben alles gesehen. Mehr wird nicht gegeben. Hier bewegen sie die, die das Publikum nicht anschauen, sondern ihre Ereignishaftigkeit ins Projektive aufgeschoben haben. Ob jemand zuschaut, ist nicht entschieden. Die gebannten Momente haben die ihnen per Spekulation zugeschriebene Faszination der Bewegung in der Projektion nicht mehr spüren lassen. Die überzeugende Kraft der lebendigen Körper im Hier und im Jetzt ist ihnen in der Dauerkursvermessung als perzeptive ästhetische Ortung verloren gegangen. Die vielen Hier, das Dauerjetzt der Projektion ist die Delegierung des Performativen an die videographische Rauminstallation. Dies lässt die Qualität der Performance leer werden. Die Performance als Akt der Begegnung im gemeinsam geteilten Raum ist nicht. Sie wurde entleert durch die Überantwortung an die visuelle Apparatur. Der visuelle Apparat wird zum performativen Dispositiv. Die Körper sind nur mehr projektive Schatten eines möglichen Potenzials.
(18.01.2009)
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