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NICOLA UNGERS EINLEUCHTENDE "PHANTOM STORY" IM BRUT WIEN
Von Hanna Palme
Ilich Ramírez Sánchez, auch als „Carlos, the Jackal“ bekannt, war einst der meistgesuchte Terrorist der Welt. Er war für zahlreiche Terroranschläge in Europa zwischen 1973 und 1983 verantwortlich, die erst im Namen der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ durchgeführt wurden, später von seiner selbstgegründeten extremistischen Gruppe. Carlos entging 1975, nachdem einer seiner Kontaktmänner gefasst und erfolgreich verhört werden konnte, bei einer Feier in Paris nur knapp seiner Festnahme, indem er zwei Polizisten und den Kontaktmann erschoss. Unter den Feiernden befand sich auch eine Frau, die in Folge der Geschehnisse festgenommen wurde und acht Tage lang auf unschöne Weise verhört wurde. Diese Frau sollte später Nicola Ungers Vermieterin sein und dieser von den damaligen Ereignissen erzählen - Ereignisse, die das Entstehen der „Phantom Story" inspirierten.
Auf der Bühne steht ein kleiner Tisch, und auf diesen ist ein kleines Bühnenmodell aus Karton gebaut. Mit zwei hintereinander gestellten Kartonwänden werden Proszenium und Bühne angedeutet. Auf diese Wände ist ein Projektor gerichtet. Vorsichtig stößt Nicola Unger eine in die vordere Wand geschnittene Tür auf, und das Licht des Projektors dringt durch diese Tür auf eine große Leinwand. Eines nach dem anderen schiebt sie nun Papp-Figürchen ins Licht, deren Umrisse somit auf diese Leinwand geworfen werden, und teilt ihnen Rollen zu. Dabei werden neben den menschlichen Papp-Protagonisten auch Bäume, Wolken und falsche Pässe nicht ausgelassen.
Die Geschichte vom Schakal
Nicola Unger, die bei DasArts in Amsterdam und am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert hat, bringt in ihrer Soloperformance „Phantom Story“ die Geschichte von „Carlos, the Jackal“ und der Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, als ihr Schicksal durch einen unglücklichen Zufall für kurze Zeit miteinander verwoben war, in vier Akten auf ihre Tisch-Bühne - und stellt zum Schluss in einer Wolf-Schaf-Parabel die Frage, ob sich die Geschichte etwa heute mit dem neuen Top-Terroristen Osama Bin Laden wiederhole.
Geschickt verbindet sie Schattenspiel-Techniken mit der computergenerierten Projektion digitalisierter Pappkartonfiguren, so dass beispielsweise ein auf die Leinwand projiziertes, von Unger bewegtes Pappkartonschaf einen nur in der Projektion existierenden animierten Pappkartonstuhl in die Mitte der Leinwand „schieben“ darf. Immer wieder wird zwischen Live- und gespeicherter, wiederholbarer Projektion gewechselt. Die Produktion dessen, was sich auf der Leinwand abspielt, bleibt dem Publikum nicht verborgen. Es ist nicht nur in das Zuteilen der Rollen vor Beginn des ersten Aktes miteingebunden, es kann auch alle Herstellungsprozesse des Schattenspiels mitverfolgen. Briefe werden geschrieben, Pappkartonliebende vereint und mit einer Handbewegung wieder getrennt, Pappkartonpolizisten erschossen, Pappkartonunschuldige verhört oder mit Hilfe von Ungers großer Schattenhand gefoltert, die von links oben groß auf der Leinwand erscheint, Pappkartonglieder biegt, bricht und von der Leinwand wischt.
Am Ende des vierten Aktes kommt es zur Bekenntnis-Klimax, und es ist auf einmal jeder im Verhör, der auf irgendeine Weise in die Ereignisse rund um die Geschichte von Carlos und der Frau involviert war. Es wird ausgesagt, aufgesagt, vermischt, wiederholt und mit jedem Bekenntnis oder jeder Wiederholung eines Bekenntnisses ein neuer Pappkartonkopf projiziert, bis auf der Leinwand nur noch ein Scherenschnittmuster übrig bleibt und nicht mehr klar ist, wer jetzt nun die Bombe im Rucksack hatte oder wer einen guten Artikel darüber geschrieben hat. Carlos, dessen Name eine Zeit lang zwischen den Köpfen noch sichtbar ist, geht bald in diesem Bekenntnis-Strudel verloren und bleibt danach unauffindbar.
Das Theater, das wir verdienen
Die Geschichte einer Frau, die ganz unschuldig in die Gewaltgeschichte eines Mannes gezogen wird, so explizit grausam zu zeigen, kann nicht sein, was der Zuschauer sehen will. Deshalb schlägt Nicola Unger zum Schluss ein anderes Theater vor, und zwar „The Theater that we deserve“. In diesem verschlingt ein Pappkartonwolf parabelmusterartig ein unschuldiges Pappkartonlamm, eine erzürnte Pappkartonschafmutter greift den Wolf an und wird darauf als Terrorist beschimpft, und inmitten dieser ganzen Symbolhaftigkeit weint ein Pappkartonosama eine Pappkartonträne.
Zwei zeitversetzt unauffindbare Top-Terroristen, die beide aus ähnlichen Beweggründen ihre terroristischen Aktionen durchführen, verleiten zum Vergleich, obwohl sich in der Zeit, die zwischen den beiden liegt, vieles in der Art und Weise ihrer Verfolgung geändert hat: Das internationale Netzwerk der Personenüberwachung, die unzähligen Möglichkeiten, auf Informationen aus dem Privatleben ohne große Hindernisse zuzugreifen, die Satellitenüberwachung, das Internet - all das gab es zu Carlos' Zeiten noch nicht. Er hatte es im Gegensatz zu Osama sozusagen vergleichsweise einfach, und dennoch wird seine Geschichte heute mystifiziert, und diese Mythen werden reiteriert, indem sie in Filmen oder Romanen verarbeitet werden.
Ja, es lässt sich sogar eine Spur von Nostalgie erkennen, wenn davon die Rede ist, wie gutaussehend er gewesen wäre, und welch manierliche Umgangsformen er gepflegt hätte. So lässt „The Theater that we deserve“ offen, wer nun der Wolf und wer das Schaf ist, und damit die Mystifizierung nicht bei Carlos halt macht, darf Osama weinen.
(15.2.2009)
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