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DAS TANZENDE ARCHIV DER DAMENIMPROVISATION & HERRENBIGBÄNG IM WIENER NADA.LOKAL
Von Mario Sud
Die KünstlerInneninitiative Im_flieger INVITES lud diesmal nicht ins WUK, sondern ins nada.lokal im 15. Wiener Gemeindebezirk, ein freundliches, zu einem Studio umfunktioniertes ehemaliges Geschäftslokal mit grossen Schaufenstern. Unter dem Titel „Damen und Herren dancing the archive“ traf eine Gruppe von KünstlerInnen aus der legendären Wiener Performanceszene der 90er Jahre erstmals nach einem Jahrzehnt wieder für eine performative Installation zusammen.
Als Damenimprovisation & HerrenBigBäng [*] war sie von 1993 bis 2000 in Wien zu verschiedensten Anlässen in Erscheinung getreten: auf der Straße, im Zug, im Theater, sogar im Wasser, manchmal als „versehentlicher“, dann wieder als geladener Gast bei Festivals und als Interventionistin im Alltag. Im Zusammenspiel aus sozialer Aktivität und künstlerischer Konzeption war Improvisation als Werk und Werkzeug zugleich angewendet worden. Inspiriert von Dada, Fluxus und der postmodernen Kontaktimprovisation wurde die schamlose Emanzipation der Performer, des Publikums und der Kritik als generelle Enthierarchisierung gefeiert. Künstlerische und soziale Durchdringung Auch diesmal brauchten die BesucherInnen eine Weile, um erkennen zu können, wer nun Publikum und wer Akteur war. Der Aktionsraum der Künstlerinnen erstreckte sich zwischen Küche, Abstellraum, Büro, Schauraum, Toilette und einem Meditationsbereich. Eine Videoprojektion erinnerte an eine Outdoor-Performance aus dem Jahr 1995, daneben dampfte eine zypriotische Linsensuppe aus dem Jahr 2010. Kinder tummelten sich zwischen den scheppernden Blechteilen der Perkussionistin.
Die Damenimprovisation & HerrenBigBäng mischten sich mit Plaudereien, Tänzen und Elektrogitarrensounds unter die BesucherInnen. Wie Flaneure nahmen diese beiläufig den angebotenen Stoff zur Reflexion und Erzählung auf und ließen sich treiben zwischen Photos, die ihnen in die Hand gedrückt wurden oder an den Wänden hingen. Mit Leichtigkeit konnten sie sich aus der üblichen Publikumshaltung zurückziehen und etwa zum Koch gesellen, der seinen Schöpflöffel immer wieder einmal zur Seite legte und in Gitarrensaiten griff, oder weitere Performances aus dem Archiv via Monitor ansehen.
Vor der Toilette flimmerte die Projektion eines Videos aus anderen Damen- und Herrentoiletten. Einige Jugendliche gestalteten im Vorraum ihre eigene Improvisation als situativen Kalauer. Emanzipation auf ideologiefernem Niveau. Der Gast wurde zum Wirt und der Wirt zum Koch. Die großzügige Dauer der dreistündigen Performance trieb die Anwesenden in ein weiteres Wahrnehmungslabyrinth. Das heterogene Archiv wurde nicht parodiert, sondern paradiert, der Ansatz von künstlerischer und sozialer Durchdringung erneut angewendet und durch seine performative Umsetzung befragt. Die einzelnen Aktivitäten nahmen einander an den Händen – eine Parade mit der Zeit.
Fussnote: [*] Die Damenimprovisation & HerrenBigBäng in der Originalbesetzung: Andrea Bold, Anita Kaya, David Ender, Elisabeth Flunger, Gerlinde Riegler, Inge Kaindlstorfer, Iris Koppelent, Isolde Schober-Panayi, Jack Hauser, Maria Fichtinger, Peter Panayi, Sabine Wutschek, Ulli Scherer. Webinfo: www.nadalokal.at.vu und www.imflieger.net
(17.3.2010)
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