Schmerzlichkeiten

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EINE DOPPELAUSSTELLUNG IM MUSEUM FÜR GEGENWART UND DER CHARITÉ IN BERLIN

Von Franz Anton Cramer

Eines der wichtigsten Merkmale zeigt schon der Schriftzug, mit dem zur „Schmerz"-Ausstellung in Berlin geladen wird: der Riss. Schmerz als dasjenige Erleben, welches zugleich Disjunktion und Dauer ist, welches das Kontinuum der Wahrnehmung zerreißt und in derselben Geste - wenn man denn den Schmerz als Akteur, als Handelnden, als Agens auffassen will - ein anderes, insistenteres, jäheres Vernehmen setzt. Schmerz, so eine der Hauptthesen der ambitionierten Berliner Doppel-Ausstellung im Hamburger Bahnhof und dem Medizinhistorischen Museum der Charité, ist ein eminent kulturelles Produkt und zugleich eine ungreifbare Abstraktion, ein Phänomen ohne Spur, eine Wirklichkeit ohne Substanz. (Insofern ist Schmerz - ohne dass dies eine Feststellung oder Behauptung der Schau wäre - den Bewegungskünsten nicht unähnlich.)

Die Kuratoren machen sich also „auf die Suche nach dem Schmerz", wie der Flyer bemerkt. Dies schöne Bild kann dabei auch als inszenatorischer und intellektueller Leitfaden dienen. Denn wenn schon der Schmerz weder naturwissenschaftlich noch konzeptionell dingfest gemacht werden kann (Schmerz findet nicht in der Zelle statt, aber auch nicht im Gehirn), so ist er doch als Symptom unbezweifelbar. Die Schau jagt also vor allem den Symptomen von Schmerz nach. Dass dabei physischer und seelischer Schmerz, Diagnose und Ekstase, Perversion und Anekdotik, Klassifizierung und Beschreibung munter durcheinander wirbeln, macht den Reiz wie die Schwäche des Unternehmens aus, welches immerhin eine neue Form der musealen Präsentation, eine Verbindung von natur- und kunstwissenschaftlicher Herangehensweise, einen Modellfall von Berlins Potential als Wissensmetropole des 21. Jahrhunderts im Katalogvorwort behauptet. (Allerdings ist dessen Autor Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, zu deren Verbund auch der „Hamburger Bahnhof" zählt, als Meister der rhetorischen Selbstberauschung berüchtigt.)

Stechend, dumpf oder bohrend

Gleichsam die Klammer des Projektes bildet die Schwierigkeit der Lokalisierung. Zu Beginn gibt es originale „Standardisierte Schmerzfragebogen" aus der Schmerzambulanz des nahe gelegenen Charité-Krankenhauses: Silhouetten des Körpers, auf die Patienten Schmerzzonen eintragen und beschreiben hinsichtlich der Intensität, der Häufigkeit, der Dauer und anderer kontextbezogener Angaben. Diese Schmerzfragebogen tauchen auf der Passerelle zwischen den beiden Bereichen im ersten Stock wieder auf. Und die Beschreibbarkeit des Schmerzes, seine eigene Lexik, Phänomenologie und kulturelle Durchdringung bilden auch wieder den Abschluss im dritten Stock des Medizinhistorischen Museums: an den Gewölbekappen der pathologischen Schausammlung der Charité stehen in der gleichen durchschossenen Typografie wie der Ausstellungsschriftzug all jene Wörter, mit denen die variable und zutiefst individuelle Natur des Schmerzes gefasst werden soll: „stechend", „dumpf", „bohrend", „breit", „hell", „lebhaft" usw.

Den Schmerz und dessen Substanzlosigkeit überhaupt zu verstehen scheint dabei das größte Problem zu sein: Er ist  „etwas, dessen Daseyn wir aus seinen Wirkungen schließen müssen", so der Physiologe Johann Wilhelm Ritter in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dieses Sich-Verbergen im Symptom bildet daher den Ansatzpunkt des kulturellen und künstlerischen Umgangs. Die Schau zeigt in vier Kapiteln („Ansichten des Schmerzes", „Der Reiz des Schmerzes", „Die Zeit des Schmerzes", „Der Ausdruck des Schmerzes") und zahlreichen Themenabschnitten diese Manifestation des Spurlosen als und im Symptom. Historisch reichen die Objekte vom 15. Jahrhundert - einem süddeutschen Gnadenbild mit dem wiederauferstandenen Jesus - bis zu Bruce Naumans „Clown Torture" von 1985, einer hysterischen Entschuldigungsorgie, oder Mathilde Ter Heijnens „Ne me quitte pas" (2000): eine lebensecht ausstaffierte Puppe, die depressiv in der Ecke sitzt. Aber auch eine Seite der Originalpartitur der „Matthäuspassion" wird gezeigt, dazu chirurgische Instrumente oder die Videoarbeit „Artist must be beautiful" (1972) von Marina Abramovic, in der sie sich gnadenlos ihr Haar kämmt und ausrauft.

Ungestellte Fragen

Es gibt Aussagen zum Schmerzenskult in Religion, Sexualität und Naturwissenschaft, es gibt die Geschichte des Schmerzes und der Narkose, man lernt über Pharmakologie und Anästhesie, über „Schmerz heute", Narben als Zeugen individueller Schmerzerfahrungen und Leidensgeschichten. In Valeska Grisebachs Videodokumentation „Narben" sieht man auf dem Monitor nur die Narbe und hört per Kopfhörer die dazugehörige Geschichte - oral history der Pein, der Krisenerfahrung und der Normalisierung. Doch bei all der Materialfülle und der Begeisterung für das Symptom, in dem der Schmerz sich manifestiert, trotz der verstörenden Arbeit „Dictionary Pain" von Mladen Stilinovic - über 500 Seiten eines Englischwörterbuches, in dem alle Erläuterungen getilgt und durch das Wort „pain" ersetzt sind - und dem verdächtig oft wiederholten Infotafelhinweis, Schmerz könne das Leben verändern, so neu also die Fragestellung sein mag: die Antworten bleiben trotz der ausgebreiteten Fülle fragmentarisch und in gewisser Hinsicht auch beliebig.

Denn wenn die Schmerzerfahrung auch eine existentielle Größe des menschlichen Daseins sein mag, die Angst vor Schmerz eine bedeutende kulturelle wie zivilisatorische Triebkraft und die Hoheit über den Schmerz eine der zentralen Bühnen politischer, moralischer, wissenschaftlicher und letztlich auch juristischer Machtausübung ist, so bleibt die Frage nach dem jeweiligen Begriff von Körper, Leib und Leben, die dem Schmerzerleben, der Schmerzerfahrung und dem Rang des Schmerzes in einem jeweiligen kulturellen Umfeld beigemessen wird, seltsam ungestellt. Als hätten Schmerz und Körper im Grunde nichts miteinander zu tun.

Radikalere Diskussion 

Wenn, wie in der Ausstellungskonzeption behauptet, eine neue Form der künstlerischen Wissensbildung anhand solcher Schauen erstrebt wird (und die gesamte Diskussion um eine Neunutzung des Schlossplatzes in der Berliner Mitte, dem ehemaligen Standort der Preußischen Residenz, später des Palastes der Republik, als „Humboldt-Forum" zielt in diese Richtung), dann müssen die partiellen Fragen letztlich auch die Diskussion um die körperliche Verfasstheit der Kultur sehr viel radikaler stellen, als das in dieser thematisch mehr behaupteten als realisierten Ausstellung erfolgt. Gerade der Schmerz als das Disjunktive, das Hereinbrechende, das Quälende verweist auf die körperliche Erfahrung und die spezifischen Denk- und Wahrnehmungsstile, welche das Erleben zu spezifischen Wissensformen werden lassen. „Schmerz / Pain" ist zweifellos eine spannende Ausstellung. Ein Aufbruch ist sie nicht.

Geöffnet bis zum 5. August 2007
Katalog: „Schmerz. Kunst und Wissenschaft" 28,- €
www.hamburgerbahnhof.de

 

(24.4.2007)