Schrecklich schön

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TANZQUARTIER WIEN: DAS LOOSE COLLECTIVE MIT "HERE COMES THE CROOK – A CONTEMPORARY DANCE MUSICAL"

Von Reinhard Strobl




In ihrem 1965 erschienenen Essay „The imagination of desaster“ schrieb Susan Sontag, dass es in Science Fiction-Filmen nicht um Wissenschaft, sondern um Katastrophen geht beziehungsweise nicht zukünftige Ereignisse antizipiert, sondern aktuelle Bedrohungen verarbeitet werden. Wie eine Bedrohung mutet es auch an, wenn das Musical, das normalerweise in der Halle E des Museumsquartier nistet, auf die darunterliegende Halle G des Tanzquartiers übergreift. Jedoch geht es auch in Here Comes the Crook – a contemporary dance musical nur auf den ersten Blick um das Genre Musical, sondern vielmehr um eine Bestandsaufnahme der heutigen Kultur.

Basierend auf einem der ersten, kommerziell erfolgreichen Musicals „The Black Crook“ aus dem Jahr 1866 stellt das in Österreich ansässige und aus internationalen Mitgliedern bestehende Loose Collective (Alexander Gottfarb, Michael Nolan, Alex Deutinger, Anna Nowak und Marta Navaridas) die Frage, welche Ausprägungen das Musical und der zeitgenössische Tanz wohl in 100 Jahren haben könnten, wobei sie aber vielmehr das heutige Kunst- und Kulturschaffen kritisch reflektieren, anstatt Visionen zu präsentieren. Musikalisch unterstützt werden die Performer dabei vom Duo 78plus (Günther Berger und Stephan Sperlich), das auch für Arrangement und Komposition verantwortlich zeichnet.

Amina liebt Rodolphe

In einer Art Prolog führt Michael Nolan in die Handlung von „Black Crook“ ein. Es ist das Jahr 1600, und die schöne Amina soll von ihrer Stiefmutter Barbara an den bösen Herzog Wolfenstein verheiratet werden, obwohl sie eigentlich den Künstler Rodolphe liebt. Bevor die beiden dann am Ende glücklich zusammenkommen, muss Rodolphe noch einige Abenteuer bestehen, die stark an Goethes Faust erinnern. So kompliziert die Handlung in Nolans Synopsis auch scheinen mag, das Publikum wird glücklicherweise nie der Gefahr ausgesetzt, sich in der Handlung zu verlieren, da von den Performern zumeist vor, aber spätestens nach jeder musikalischen Einlage kurz erläutert wird, wo die Handlung gerade spielt oder wovon der Song handelt.

Sicherlich mitbegründet wurde der Erfolg des Originals durch das Mitwirken einer Ballettgruppe als „Corps de ballet“, ein Stilmittel, das auch vom Loose Collective eingesetzt wird. Dabei dürfen hier eingängige Lieder  über den „naughty man“ oder das „heart on fire“ nicht fehlen, wobei der zunehmende Verzicht auf Inhalt zugunsten einer ansprechenden Form in der Liedzeile „if nothing ever changed, there'd be no butterflies“ wohl am deutlichsten wird.

Das Geschehen auf der Bühne erinnert zeitweise an die Posing Project-Serie von Chris Haring, in der Nowak und Gottfarb mitgewirkt haben, während manche der gesprochenen Texte auf die Peformances von Tim Etchells verweisen. Je stärker sich der Abend doch der angekündigten „Feelgood“-Strategien bedient, desto schlimmer wird es für das Publikum und umso deutlicher wird die Kritik an einer Tendenz der Öffnung und der Absorption von funktionierenden Elementen aus anderen Genres. Was bleibt, ist ein schrecklich schöner Abend und die Hoffnung, dass auch in der Zukunft das Andere nicht überhand nimmt, die Kritik der KünstlerInnen also nicht ungehört bleibt.


(18.2.2011)