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SOAP&SKINS RECORD-RELEASE-KONZERT
"LOVETUNE FOR VACUUM" IM WIENER BRUT-THEATER. DIE AUTORIN LUCE YFAIRE UND DER LESER BRIGHTON
HELLMAN IM DIALOG NACH DER PERFORMANCE.
Luce Yfaire: In einer Zeit, die uns unter den Nägeln brennt, an einem Ort, der uns im Nacken sitzt, schnüffelt eine blutende Katze an einem schwarzen Fetzen, der im nächtlichen Rinnstein liegt - ein weggeworfenes Kleid. Ein ferner Donner. Es nieselt im Nachtnebel. Die Katze versucht, in das Kleid zu schlüpfen und verwandelt sich, sobald sie darin verschwunden ist, in eine junge, bildhübsche Frau. Diese Frau steht langsam auf und geht barfuß und wie in Trance durch die einsame, von wenigen, kalt leuchtenden Laternen in trübes Licht getauchte Straße davon.
Brighton Hellman: So stellst du dir also den Beginn eines Spots für Soap&Skin vor. Warum eine Katze?
Luce: Yeah. Eine schwarze Katze. Das Unheimliche, das Freiheitsliebende, ein Klischee, sofort wiedererkennbar: ein eingesperrter Dämon, das Unglück, eine Wende. Und die passiert, sobald die Katze im Kleid ist...
Brighton: Das erinnert mich an Georges Didi-Huberman, der in seinem Buch „Ninfa Moderna“ schreibt: „Um gut zu sehen, brauchen wir - ein Paradox der Erfahrung - all unsere Tränen.“
Luce: Ja, und weiter heißt es: „Wir müssen hinnehmen, daß unsere Lider flattern. Dann kommen unsere Tränen zurück, während sich das Sichtbare hinter der feinen Draperie unserer Lider entzieht.“
Brighton: Alle Lieder von Soap&Skin treten durch einen Vorhang aus Tränen auf eine halbdunkle Bühne, und sie tragen Gewänder aus den dunklen Leidenschaften und glosenden Sehnsüchten, die...
Luce: ...Wege ans Licht suchen wie auf der Flucht aus Platons Höhle. Diese Flucht aber nicht wirklich versuchen, sondern sich nur in die Stimmung des Suchens versetzen, um die Intensität dieser Stimmung zu verstärken.
Brighton: Die Höhle dabei ist die Musik: das Klavier, die elektronischen Sounds, die Brüche und Kavernen in diesen Klangarchitekturen, die von einer Stimme bewohnt werden, die wie ein aufgescheuchtes Wesen, wie ein Gespenst ohne Heimat durch diese Höhle irrt.
Luce: Das Etikett „Soap&Skin“ klingt ironisch, und diese Ironie scheint so gar nicht zu den Liedern der Sängerin zu passen.
Brighton: Seifenoper, dünne Haut. Eine Seife, die in den Wunden brennt. Erinnerst du dich an die Serie „Twin Peaks“ von David Lynch und an die Musik darin? Das Singen gegen ein Grauen, das sich im Ablauf des Erzählens als unabwendbar erweist, weil es als Inhalt der Geschichte bereits existiert. Soap&Skin singt: „Bury me under ice / smother me under the eyes / and snow.“
Luce: Die Wiedergängerin von Laura Palmer? Soap&Skin ist ja in keine Erzählung eingespannt. Sie performt Abgesänge als richtungslose Zeichen in der Krise, ein romantisches Sichverabschieden vom quietschenden Jugendkult des Neoliberalismus, während sie langsam in dessen Unterhaltungsmaschine eintritt. Während ihres CD-Release-Konzerts im Wiener brut-Theater hat es intensiv nach Weihrauch gerochen...
Brighton: Wir sind in einem Theater, einem Konzertraum - in einer Kirche gewesen. Die junge Priesterin setzt sich an ihr schwarzes Klavier, an einen geflügelten Altar, auf dem ein silberner Laptop wie ein Kultgefäß steht. Sie teilt uns etwas mit, das wir nicht genau verstehen, aber wir sollen in einer Inszenierung baden, die es uns ermöglicht, unsere Einsamkeit auf sie zu projizieren, auf sie und ihre Tonmaschine.
Luce: Sie scheint sich selbst zu fehlen und ihre Umrisse mit den Blicken des Publikums zu füllen, bis das Auditorium insgesamt in ihre Gestalt paßt und mit deren Abgang von der Bühne auch die eigenen Qualen abtreten läßt. So verspräche sie sich als Erlöserin, als eine, die für uns leidet, deren dünne Stimme alarmiert: „Please help me!“ Mit dem Weihrauch gedacht, als feminines Jesulein, das klagend vor dem Kreuz krabbelt.
Brighton: Ich habe übrigens ein Pärchen unter den Konzertbesuchern beobachtet, das zu diesen Klagen sehr zärtlich wurde. Aber... als Oper gelesen, um jetzt auf die Seife zurückzukommen, war diese Performance ein einstündiger Monolog, die Stellungnahme eines Charakters, der seine Augen vor der Fratze der Wirklichkeit nicht zu verschließen vermag, weil er diese Fratze in sich selbst spürt. Soap&Skins Lieder sind gehauchte Arien...
Luce: ...die zu pathetischen Regungen verleiten. Das ist auch die Falle hinter diesen Songs und ihrer Schwermütigkeit. Ihre Ästhetik gibt sich hoch stilisiert, und während das Pärchen zu schmusen beginnt, distanziert sich die Musikerin durch diese Stilisierung vom Gefühlskitsch. Außerdem kann Soap&Skin ihre Soundmaschine auch mächtig aufdrehen und in einen technoiden Horrormanga entweichen. Die Maschine stellt sich dabei als blockiertes Fluchtgerät dar, wie ein Motorrad, auf dem die Musikerin weltvergessen sitzt und bei durchgedrückter Kupplung auf den Motor beim Gasgeben hört.
Brighton: Die CD hat 13 Titel. Laß uns über den 13. Titel „Brother of Sleep“ reden.
Luce: Da mußte ich doch an Laura Palmer denken. „I dreamed of you / every day / and every night.“ Jetzt aber an Laura Palmer als virtuell rekonstruierte Suicide-Soundmachine.
Brighton: In der Hälfte des Songs scheint der Song zu Ende zu sein, aber nach einer Phase der Stille nähert sich etwas mit dumpfem Donnern. Vogelgezwitscher und Fliegensummen, etwas Dunkles, hoch Fliegendes zieht vorbei, das Geräusch verliert sich, und dann, nach einer Weile, ein ferner Knall...
Luce: Erinnere dich an das Stück „Empire“ von Superamas, an die Feuerwerk- beziehungsweise Raketenangriffszene. Dort befindet sich das Publikum in einer den Performern vergleichbaren Situation. In „Brother of Sleep“ hat sich die Träumerin selbst in ein Geschoß, vielleicht in einen Meteoriten verwandelt, der knapp hinter dem Horizont einschlägt.
Brighton: Todessehnsucht als Ironie...?
Luce: Da ist der Schlaf zu Beginn und Schlafes Bruder am Ende, und die elf Nummern dazwischen sind Träume von Liebe, Kindheit und Tod. Die Nummer zwölf ist ein Instrumentalstück. Im Hintergrund schreit eine Frau. Der Titel heißt „DDMMYYY“ und würde tatsächlich in das Stück „Showroom Dummies“ von Gisèle Vienne passen.
Brighton: Ist Soap&Skin eine Tänzerin?
Luce: Die Figur, die sie darstellt, tanzt in der Hölle: „ages of delirium / curse of my oblivion“. Sie zelebriert einen Totentanz, aber auch einen Tanz auf unseren Gräbern als „Kult der Draperie“, wie Georges Didi-Huberman mit Hinweis auf Baudelaire sagen würde: „In jedem Fall geht der Tod um. Er infiziert jede Draperie, jeden Fetzen. Er schleicht sich in jede Falte ein. Und er dehnt sich selbst aus wie eine Operation der Faltung: extensiv, intensiv, inhärent. Schließlich wird er die Körper endgültig umschlingen.“
Brighton: Das klingt wie eine Anspielung auf „La danseuse malade“ von Boris Charmatz.
Luce: Es heißt weiter: „Diese tödliche Bewegung wird bei Baudelaire überall in Szene gesetzt.“ Und die kranke Tänzerin, wenn dieser Vergleich auf Soap&Skin zutrifft, wäre ein antikes Motiv, „umhüllt vom Grabtuch der Phantome, zerdrückt von der Hand des Teufels, gebläht vom Wind der Zerstörung. Kult der Haarpracht: ,aus der ich in langen Zügen den Wein der Erinnerung schlürfe‘. Die Muse aber ist krank...“
Brighton: Baudelaire schreibt in „Blumen des Bösen“ von der Nymphe als „tanzende Schlange“. Und das Publikum wird von diesem Bild angezogen, weil es gerne romantisch wäre und doch Distanz wahren möchte.
Luce: Man kann nie wissen, ob eine kranke Muse nicht ansteckend ist.
Brighton: Aber wobei hat sie sich infiziert?
Luce: An den Blumen, da bin ich ganz sicher.
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Zitate aus Georges Didi-Huberman: Ninfa Moderna. Zürich/Berlin: diaphanes 2006.
(Transkribiert von Helmut Ploebst, 9.3.2009)
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