Sehr geehrter Herr Stadtrat Mailath-Pokorny!

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EIN OFFENER BRIEF AN DIE WIENER KULTURPOLITIK

Die Kulturabteilung der Stadt Wien unter Ihrer Zuständigkeit hat beschlossen, ihre Basisfinanzierung für corpus mit Wirkung 2012 einzustellen. Für das corpusKollektiv, das diese Website in fünf Jahren zu einem hervorragenden medialen Format entwickelt hat, ist eine solche Entscheidung nicht nachvollziehbar.


Darüber möchte corpus eine – im Sinn seiner Verantwortung gegenüber allen, die an diesem Medium beteiligt sind, sowie gegenüber jenen, für die es da ist, transparente – Auseinandersetzung mit Ihnen als Repräsentanten der Wiener Kulturpolitik führen.

Auf Einladung Ihrer Kulturabteilung und mit einer äußerst knappen Basisfinanzierung hat corpus es geschafft, seit seinem Onlinegang im Oktober 2006 dem in Wien prosperierenden zeitgenössischen Tanz eine Diskursplattform zur Verfügung zu stellen, die in ihrer Art nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern, wie uns immer wieder bestätigt wird, weltweit einzigartig ist.

corpus ergänzt die wenigen existierenden Modelle der Tanzpublizistik um einen partizipatorischen Raum, in dem einerseits KünstlerInnen, KritikerInnen und TheoretikerInnen gleichberechtigt Konzeptions- und Redaktionsarbeit leisten und der zum Anderen die Möglichkeit bietet, sowohl publizistische als auch künstlerische Positionen umzusetzen. Seit 2010 bietet corpus auch eine English Edition an und fördert den künstlerischen und schreibenden Nachwuchs.

Das Medium wird vielfältig genutzt, von Tanzinteressierten ebenso wie von KünstlerInnen, im universitären Bereich ebenso wie von KuratorInnen sowie anderen MultiplikatorInnen im In- und Ausland, und wir können mit Recht behaupten, sehr viel für Wien als Kulturstandort geleistet zu haben. Anstatt diese Leistung, die Sie ja durch Ihre Theaterreform mit ermöglicht haben, durch eine verlässliche Folgefinanzierung erfolgsadäquat zu honorieren, erscheint es Ihrer Kulturabteilung nun als die beste Lösung, corpus nicht mehr zu fördern.

Das ist uns wie unseren MitarbeiterInnen und LeserInnen völlig unverständlich. corpus geht mit den Geldern der öffentlichen Hand stets sparsam, überaus produktiv und effektiv um, hat großen nationalen und internationalen Zuspruch, konnte Drittmittel in Form von Kooperationen mit u.a. ImPulsTanz, der Salzburger sommerszene, dem Tanzquartier Wien auftreiben, wurde von Tanzplan Deutschland mit gefördert und hat mit der Erste Bank Group sogar bereits einen ersten richtigen Sponsor.

Um alle finanziellen Mittel maximal in den Inhalt fließen zu lassen, hat corpus es geschafft, mit minimalem Aufwand über Open-Source-Technologie eine optimal mächtige Website zu erstellen, deren Betrieb bisher sogar ohne eigene Immobilie möglich war, weil sie von einem Netzwerk von privaten Rechnern aus betrieben wird. Wir haben immer auch darauf geachtet, dass alle Leistungen von AutorInnen fair honoriert werden. Der Rest ist jener Enthusiasmus, von dem der Wiener Tanz bisher sehr profitiert hat.

Eingebrochen sind unsere Einnahmen, als die Abt. V/2 des BMUKK Anfang 2010 nach einem KuratorInnenwechsel völlig überraschend beschlossen hat, ihre Förderungen an corpus einzustellen. Nicht weniger überraschend kam der mündliche Bescheid ganz knapp danach aus Ihrem Zuständigkeitsbereich, corpus nur noch bis Ende 2011 fördern zu wollen. Es ist müßig, hier von einer konzertierten Maßnahme zu sprechen, weil wir uns nicht auf die Ebene von Vermutungen einlassen.

Wir wissen aber sehr gut, dass die angeführte Begründung knapper gewordener Budgetmittel keine Geltung haben kann, denn corpus ist eines der vergleichsweise günstigsten Projekte innerhalb beider Budgetbereiche. Was durch die Streichung der Mittel für corpus eingespart werden kann, ist eine zu vernachlässigende Größe. Auch die formale Begründung hinsichtlich der Zuständigkeit Ihrer jeweiligen Förderstellen ist hinfällig, weil uns durch Ihre Vertreter keine adäquaten Alternativen angeboten wurden. Solche gäbe es bei entsprechendem Willen durchaus.

Was also motiviert Ihre Abteilung dazu, sehr geehrter Herr Stadtrat, ausgerechnet das Erfolgsprojekt corpus abzuschaffen? Ist es unsere Haltung im zeitgenössischen Diskurs? Ist es unsere strikte Unabhängigkeit von allen Parteien? Oder ist es, weil wir uns gestatten, kritisch – ab und zu auch Ihrer Politik gegenüber – und eigenwillig zu sein? All das wollen wir nicht vermuten, sondern denken eher daran, dass unser hinsichtlich seiner Kosten kleines, inhaltlich jedoch großes, vielschichtiges Projekt sich noch nicht wirklich zu Ihnen hochkommuniziert hat. Wir glauben an ein Missverständnis.

Daher ersuchen wir Sie um eine Unterredung, die wir, im Sinn unserer Transparenzverpflichtung, auch publizieren werden. Das corpusKollektiv vertraut Ihrer Bereitschaft, sich von klaren Argumenten überzeugen zu lassen, denn wir wollen unseren Auftrag mit Ihrer Unterstützung weiter ausführen. Zum Nutzen der KünstlerInnenschaft in Wien und ihrer internationalen Vernetzung.


Mit freundlichen Grüßen,


das corpusKollektiv


(26.4.2011)