Selbstinterview vor Empathie mit Suppe

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MARTINA RUHSAM UND MAGDALENA CHOWANIEC BEI IMAGETANZ 2010

Von Astrid Peterle


Ein Doppelabend im Rahmen des imagetanz-Festivals 2010 begann im brut im Konzerthaus mit Martina Ruhsams „]SCORE[“. Die bemerkenswerte Performance wurde in einer ersten Version im Oktober 2009 bei der Tanznacht im Tanzquartier uraufgeführt und entstand, wie die meisten Arbeiten Ruhsams in den letzten Jahren, in Zusammenarbeit mit dem slowenischen Künstler Vlado Gotvan Repnik. In der Version, die nun bei imagetanz gezeigt wurde, wird Ruhsam auf der Bühne von Lisa Hinterreithner und Katja Kosi und auf dem Bildschirm bzw. der Leinwand von zahlreichen KollegInnen aus Ruhsams zweitem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt Ljubljana unterstützt. Als Auseinandersetzung mit Scores in der zeitgenössischen Choreographie und damit auch mit der Übersetzung von Bewegung in Sprache und vice versa, wechselte die Performance überzeugend zwischen verschiedenen Medien, zwischen gesprochenen Teilen, Tanz und Videoprojektionen.

Am Beginn der Performance stand - nach einigen wenigen Minuten, in denen nichts passierte und das Publikum hüstelnd, aber konzentriert-erwartend auf sich selbst geworfen war - ein Selbst-Interview: Ruhsam in persona auf der Bühne interviewte, ganz im Stil einer Fernsehreporterin mit einem Mikro in der Hand, Ruhsam in Großaufnahme auf dem Fernsehbildschirm. Weil das Selbst bekanntlich nicht eines, sondern viele ist, tauchten mitten in Ruhsams Antworten auf Ruhsams Fragen einige slowenische KünstlerkollegInnen und die Großmeister John Cage und Jean-Luc Godard als SprecherInnen auf dem Monitor auf, um Ruhsams Erörterung ihrer Beschäftigung mit Scores, bis auf einige geschickt eingebaute Irritationen, bruchlos weiterzuführen. Diese Reflexion der - nicht erst in den letzten Jahren - beliebten Performance- und Tanzthematik Scores, macht deutlich, dass gerade die vermeintlichen „Fehler“ und „Missverständnisse“, die bei Übersetzungen von Sprache in Bewegung und umgekehrt unvermeidlich entstehen, jene produktiven Momente produzieren, an denen Neuerkundungen des Performativen entstehen.

Auf die theoretischen Ausführungen zu Scores folgten praktische Umsetzungen durch die drei Performerinnen: Dabei wurde sowohl durch die unterschiedlichen, individuellen Bewegungsumsetzungen das zuvor Gesagte deutlich sichtbar, als auch durch die, auf dem Bildschirm zeitversetzt eingeblendeten, sprachlichen Handlungsanweisungen. „ ] SCORE [“ thematisierte ebenso Fragen zur Autorschaft und zu kollektiven bzw. kooperativen künstlerischen Arbeitsprozessen: Sie arbeite gerne mit Scores, so bekannte Ruhsam im Selbst-Interview, weil es ein „thinking with somebody instead of thinking about somebody“ sei. Die sehr konzentrierte und ruhige Performance endete mit Ton- und Bildeinblendungen einer Spielform, die auch als Form einer Handlungsanweisung gelesen werden könnte: der Quizshow.

Erschreckend präzise Bewegungsstudien

In der zweiten Performance des Abends wurde das Publikum ebenfalls mit einer Übersetzung konfrontiert. Magdalena Chowaniec präsentierte im brut im Künstlerhaus gemeinsam mit Gabri Einsiedl und Radek Hewelt die Erstaufführung ihres „Empathy Project Vol. I“. Als eine Untersuchung des Einfühlungsvermögens des Publikums konzipiert, baute die Performance auf der Beobachtung von Drogensüchtigen in der Wiener Karlsplatzpassage auf. Den drei PerformerInnen gelangen erschreckend präzise Bewegungsstudien mit Wiedererkennungseffekt. Auch die im Tanzkontext viel beschworenen Spiegelneuronen wurden durch das „Empathy Project“ kräftig angefeuert: Das Torkeln der PerformerInnen übertrug sich auf die BetrachterInnen - man meinte beinahe im Sitzen zu kippen. Mehr noch als die Frage nach dem (körperlichen oder psychologischen) Einfühlungsvermögen warf die Performance die Frage auf, wie sich „Betroffensein“ und „Amüsieren“ zueinander verhalten, wann das eine aufhört und das andere anfängt, und ob es Mischformen geben kann.

Da die einen im Publikum sich das Schmunzeln ob der absurden Bewegungen und Mimiken nicht verkneifen konnten, die anderen schallend lachten und wieder anderen das Lachen im Hals stecken blieb, gelangen der Performance, wenn auch keine neuartigen Erkenntnisse über Empathie im Allgemeinen, so doch zumindest eine kritische Hinterfragung der Zuschauersituation und der (Pseudo-)„political correctness“. Die Performance, der dramaturgisch eine Straffung wohl gestanden wäre, wechselte zwischen konkreten Bewegungs- und Handlungsrekonstruktionen, absurden Interaktionen mit dem Publikum und abstrahierten Bewegungsübertragungen in den Tanz, wobei letztere die spannendsten Momente der Performance bildeten. Nachdem aus dem Off kurz der The-Killers-Song „Human“ mit der Songzeile „Are we human? Or are we dancer?“ Richtung Bühne wehte und sich die PerformerInnen in ein kollektives Schreien und Wimmern entluden, musste sich das Publikum auf den am Beginn der Performance erhaltenen Faltkartonunterlagen im dunklen Bühnenraum bequem hinlegen.

Der akustisch zugespielte Mark Lewis Tompkins versuchte in Folge die ZuschauerInnen in ein Nachempfinden von Obdachlosigkeit und (Er-)Frieren im Schneetreiben zu versetzen. In Anlehnung an Suppenküchen konnte sich das Publikum nach der Performance noch vor dem Eingang des brut im Künstlerhaus um eine dünne Suppe anstellen. Auch wenn die Stärkung nach dem langen Performance-Abend erfreulich war - als Teil von „Empathy Project Vol. I“ wirkte es in seiner symbolischen Aufladung ebenso etwas zu überstrapaziert wie die vorangegangene Massen-Empathie-Meditation auf dem Bühnenboden.


(22.3.2010)