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Sieh zu, was du siehst

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ANAT EISENBERG UND DAS KOLLEKTIV SCHWALBE BEIM CONTEXT-FESTIVAL 2011 IN BERLIN

Von Constanze Klementz




Vorspann

„Now!“ sagt die Stimme aus dem Off.
Das kleine Mädchen möge von links nach rechts vorbei laufen und der Schwerlast-Transporter, der vorbei rollt, am linken Bildrand anhalten.
„Good.“
„Now – move the trailer on.“ Der Wagen fährt aus dem Bild. Jetzt der alte Mann mit weißem Haar und Brille. „Come on, quickly!“ Halb rechts halten erst. Dann pausieren. „Now you go to the left. OK. Fine.“ Nun der Mann mit Zigarette. „Put your cigarette to the mouth. Good.“ Zwei Kinder von links nach rechts. Zwei Tauben von rechts nach links. Drei Kinder mit Chips. Die französische Frau.
Der Fensterputzer-Lieferwagen. Die Tauben. „The Jaguar!“ – „The Taxi!“ – „The Van!“ - „The ...“

Die Stimme überschlägt sich. Die Geschehensdichte überfordert den unsichtbaren Regisseur, und die vorher so folgsam wirkenden Akteure sind seinen Direktiven fast einen Schritt voraus. Der Trick ist so alt wie der Witz über Ludwig XIV., der morgens auf den Balkon von Versailles tritt mit den Worten: „Die Sonne möge aufgehen.“ Das prospektive Voice-over für seine Videoarbeit „Girl Chewing Gum“ (1976) hat John Smith weit entfernt von Bild- und Tonspur und natürlich nach deren Shooting an der belebten Londoner Straßenecke aufgenommen. „I am shouting into a microphone on the edge of a field in Letchmore Heath, about 15 miles from the building you are looking at“, ruft er. Das Kaugummi kauende Mädchen, das als eine der zufällig in den Film geratenden Passanten nur einmal kurz durchs Bild läuft, ist so plausibel und abwegig wie die Realität, die Spektakel wird – bevölkert von lauter geborgten Erscheinungen.

Take I

„You can do six different things“, sagt der Mann im Foyer des Theaters. Wir dürfen uns unterhalten, an die Bar gehen, uns nicht unterhalten, die Toilette aufsuchen ... so ziemlich alles, was man in einem Theaterfoyer so tut. Aber wir tun diese Dinge jetzt eben nicht mehr einfach so. Wir erfüllen Regie-Anweisungen. Die mobile Kamera immer mittendrin. Auch, so wird uns mitgeteilt, befänden sich unter uns einige Professionelle. Also professionelle Zuschauer. Zuschauer, die fürs Zuschauen nicht bezahlt haben sondern bezahlt werden. Sie heben die Hand, lächeln freundlich. Sind sie hier, um uns zuzuschauen? Beim Zuschauen? Auch im Foyer schaut man ja zu. Anderen Zuschauern. Beim Sich-unterhalten, An-die-Bar-Gehen, Sich-nicht-unterhalten, Die-Toilette-Aufsuchen – dem, was man in einem Theaterfoyer so tut.

Die Choreographin Anat Eisenberg hat die merkwürdige Republik eines sich selbst performenden Publikums beim Context-Festival im Berliner Hebbel am Ufer als Late-Night-Programm im Anschluss an andere Vorstellungen ausgerufen. Republic  1-4 nimmt die Form eines Filmdrehs an. Wir in der Hauptrolle. Vier Szenen gibt es, deren Anfang und Ende von einem unmissverständlichen Licht- und Sound-Signal angezeigt wird. Mirko Winkel, der Dramaturg des Unternehmens und heute Abendregisseur, ist, im Großen und Ganzen, zufrieden mit uns. Wir geben ein gutes Publikum ab.

In Szene 3 verstummt das volle Foyer auf Kommando. Da kippt das Spiel, bis dahin mehr nette Pointe, in eine ernsthaft undefinierbare Situation. Alle stehen in Grüppchen wie sonst, nippen an Bier und Bionade. Wie sonst. Aber nichts ist wie sonst. Jeder Blick wird zum Mustern. Manche mustern lieber gleich ihre Schuhspitzen oder vertiefen sich ins Programmheft. Dabei steht da gar kein Text, sondern vier Cartoons zeigen Menschen in einem Foyer – in diesem Foyer – die tun, was man in einem Theaterfoyer so tut. Eine Frau packt umständlich einen Kaugummi aus und fängt an zu kauen. Sie muss so um die Fünfzig sein.

Die letzte Szene, die wir drehen, ist das Verlassen des Theaters. Am Ausgang erhalten wir eine DVD. Wer sie zuhause in den Player schiebt, kann einen Film über und mit einem Publikum sehen. Er entstand in der Performance des Vorabends – in unserem Fall (der Premiere) bei der Generalprobe. Da sieht er oder sie dann sich selbst, nur anders. Fremde Menschen in einem Foyer, die sich unterhalten, an die Bar gehen, sich nicht unterhalten oder die Toilette aufsuchen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sie für Zuschauer in einem Theaterfoyer halten. Aber man weiß es ja besser. Und man fühlt sich verbunden. Im Schweigen und Auf-die-Schuhspitzen-Schauen. Im Sich-in-seiner-Haut-und-Rolle-nicht-so-ganz-wohl-Fühlen.

Letzte Szene: Die Zuschauer im Film verlassen das Theater. Ende der DVD. So findet die Performance Republic 1, die am Vorabend noch etwas im eigenen Understatement feststeckte, ihr eigentliches, unerwartetes Ende. Am Morgen danach in meinem Wohnzimmer. Mit einem anfallartigen, schwer erklärbaren Lächeln auf meinem Gesicht.

Take II

„Applaus für die Anstrengung!“, ruft jemand im Publikum.

Der Zwischenruf ist echt. Noch ist die Zuschauer-Republik nicht gegründet. Oder? Es läuft die Performance, an die sich Republic später parasitär andockt: Spaar ze, ein Stück, das die Regisseurin Lotte van den Berg als Mentorin mit Studenten der Amsterdamer Theaterschule für deren Abschluss erarbeitet hat. Einige Zuschauer klatschen. Einer ruft höhnisch: „Wir wollen mehr.“ Mehr Tanz? Schwer möglich. Eine knappe Stunde lang stampfen die Performer auf dröhnenden Beats herum als gäbe es kein Morgen. Monoton. Direkt. Und sehr, sehr eintönig. Natürlich ist das genauso gewollt und damit das ja niemandem entgeht, spricht Eine vorweg einen leidlich poetischen Text über das Ich und die Anderen. Das Erlernen von Grenzen. Sie spricht ihn gleich zweimal. Zum Mitschreiben.

„Wollen wir tanzen?“ fragt sie. Natürlich ist die Frage rhetorisch. „Wir tanzen. Wir tanzen auf zwei Beinen.“

Und dann tanzen sie, tanzen auf zwei Beinen – bis auf eine Performerin, die nur mit den Armen tanzen kann. Sie sitzt, offenbar ungeplant, mit einem Gipsbein im Rollstuhl, und es ist wohl niemandem aufgefallen, wie sarkastisch ihre Erscheinung die vorherige bedeutungsschwangere Ankündigung unterläuft. Humor ist keine Stärke des Projekts. Im gleißenden Frontallicht wird die Bühne flach und klaustrophobisch, auf dass wir uns noch schutzloser einander ausgeliefert fühlen. An den Wänden treten Kabel-Adern unschön hervor; vorsichtshalber verteiltes Ohropax wandert in Zuschauerohren.

Die kollektive Kraftanstrengung bleibt über die Zeit nicht ohne Wucht. Der Schweiß, der Atem, die repetitiven Gesten bilden kaum merklich visuelle Ornamente aus. Blickachsen schlagen Schneisen in das Einerlei, wenn sich unverhofft doch mal zwei Augenpaare über die Isoliertheit und Vereinzelung der Akteure hinweg treffen. Nur werden diese Anlagen weder aufgegriffen noch entwickelt. Sieh zu, was du siehst. Letztendlich ist Spaar ze genau das, was sicherheitshalber immer wieder mal ins Mikrofon gebrüllt wird: „Wir taaaanzeeeen!“ Schön. Ja. Stimmt. Ist auch total okay und grundsätzlich in seiner jugendlichen Wut sympathisch. Als Publikum fühlt man sich in dem hermetischen Selbsterfahrungstrip, der ohne Zuschauer genauso gut oder schlecht funktionieren könnte, allerdings wie eine Fehlbesetzung.

Abspann

Urbanes Leben im Frühsommer. Ein Platz. In der Mitte Rasen. Viel Verkehr und Menschen. Die Sonne scheint. Jemand kauft eine Zeitung. Hunde werden an der Leine geführt. Leute stehen und unterhalten sich. Manche schlendern. Andere verschwinden im Laufschritt im Eingang zur Metro. Der Blick schweift durch das Gewirr aus Bewegung, folgt Einzelnen, verliert sie wieder. Eine rote Jacke. Ein Dackel. Ein rotes Auto. Plötzlich steht ein Mann vor einem anderen und gibt ihm eine Ohrfeige.

„Schnitt! – Wir machen es gleich nochmal.“

Sagt François Truffaut, der in seinem Film „La nuit américaine“ einen Filmregisseur spielt, der gerade einen Film dreht. Systematische Geschäftigkeit bricht aus und die wuselige Straßenszene fällt als dirigierter Spuk in sich zusammen. Hunderte von Komparsen spulen sich zurück auf Anfang. Diesmal instruiert sie die Regie noch während der Szene lautstark per Megafon. Damit alles den Vorstellungen entspricht und selbst der Dackel plangenau an den Laternenpfahl pinkelt. Diese Film-im-Film-Szene soll John Smith zu seinem Video „Girl Chewing Gum“ inspiriert haben. Ihr verdankt das Mädchen mit dem Kaugummi, das mittlerweile vermutlich ohne sein Wissen in allen großen Museen der Welt über die Straße gelaufen ist, seine Filmkarriere.

Sie muss heute so um die Fünfzig sein.


(27.1.2011)