Sigal Zouk

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POETISCHE VERMESSUNG DES TANZES. EIN PORTRAIT.

Von Irmela Kästner


Gemeinschaft will verhandelt werden, wenn es sein muss, auch erstritten. Sigal Zouk versteht sich aufs Streiten, im positiven Sinne, und ebenso darauf, die Dinge in Relation zu setzen, den Blick zu öffnen und dabei die Energien zu kanalisieren, Präsenz in reine Poesie zu verwandeln. Wenn sich die aus Israel stammende Tänzerin mit ihrem Tanzpartner Joris Camelin in Laurent Chétouanes jüngstem Stück „Tanzstück #4: leben wollen (zusammen)“ verbal in einer Art von Ehezwist verkeilt, ist sie ganz Emotion und hält doch die Verbindung zur Ebene der Abstraktion. Schon bald verlieren sich die streitenden Worte in der Bewegung. Energie wird Raum, der sich wie unendlich aufspannt.

„Miteinander fremd sein ist unvermeidlich, notwendig, außer vielleicht, wenn der Abend graut.“ Chétouane ließ sich von Roland Barthes' Text Comment vivre ensemble inspirieren. Die größte Inspiration findet seine Arbeit jedoch in seinen Tänzern. Besonders in Sigal Zouk, für die es bereits das fünfte Stück mit Chétouane ist, und die es versteht, genau jene Fremdheit in der Nähe, in der Gewohnheit und Alltäglichkeit aufscheinen zu lassen, das Großartige im Unscheinbaren und Banalen. Um es mit den Worten Roland Barthes aus einem anderen Text, den Fragmenten einer Sprache der Liebe zu sagen: „[...] auf dem Felde der Liebe ist die Belanglosigkeit keine ,Schwäche‘ oder ,Lächerlichkeit‘: sie ist ein starkes Zeichen: je belangloser, um so mehr bedeutet sie, bestätigt sich als Kraft.“

Von Tel Aviv nach Wien zu ImPulsTanz

„Du bist gleichzeitig der Schreiber und die Geschichte“, sagt Sigal Zouk. Die Arbeit mit Chétouane habe etwas in ihr geöffnet. „Wir mochten uns auf Anhieb. Die Chemie stimmte.“ Sie hatte „Bildbeschreibung“, Chétouanes erstes Tanzstück mit ihrem Tänzerkollegen aus Meg Stuarts „Replacement“, Frank Willens, gesehen und war, obgleich sie rein gar nichts von Heiner Müllers Text verstanden hatte, total fasziniert. Die ganz andere Sicht des Regisseurs auf den Tanz bedeutete eine ungemeine Herausforderung. Anders als bei Meg Stuart, mit der sie ebenfalls regelmäßig arbeitet. „Sie hilft mir dabei, Vokabular zu generieren und es zu transformieren. Aber Laurent kommt nicht vom Tanz. Er kann mir nicht sagen, was ich tun soll. Aber er hat einen guten Blick. Er sieht etwas, man versucht, es zu wiederholen und herauszufinden, was es ist.“

Zustände werden erforscht - und geschaffen. Weniger emotional psychologische als geistige, philosophische Zustände, solche, die den Zustand des Seins in der Zeit neu reflektieren, die in Bewegung und Worten Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft einander umkreisen lassen, und sich dabei ganz unspektakulär in flüchtigen Gesten, nüchtern gesprochenen Sätzen, wandernden Blicken, einem Stammeln, einem Stolpern ausdrücken. „Wenn ich blockiert bin, dann ist es einfach nur noch peinlich diese Dinge zu tun. Man weiß nie, ob es klappt bei Laurent. Man muss ehrlich sein. Dann ist es okay. Es gibt kein Kostüm, meist auch keine Musik. Man kann sich nicht verstecken. Es ist nicht möglich zu lügen.“

Sich zu verstellen, das ist ohnehin nicht ihre Sache. 1997 kam Sigal Zouk aus Tel Aviv nach Europa. Ein Workshop bei Meg Stuart beim Festival ImPulsTanz in Wien war ihre erste Station. Einer der Teilnehmer war Philipp Gehmacher. Zehn Jahre später finden die drei sich wieder zusammen in der Arbeit an „Maybe Forever“. Zouk ist Stuarts choreografische Assistentin, das Auge von außen, sozusagen. Auch eine neue Erfahrung. Doch erstmal tingelt Zouk durch Europa von Projekt zu Projekt. „Ich kannte niemanden.“ In Berlin macht sie immer wieder Station, arbeitet mit Choreografen wie Helge Musial und Luc Dunberry, bis 1999 Sasha Waltz auf sie aufmerksam wird und sie für Dialoge II im Jüdischen Museum Berlin engagiert.

Hochschwanger in „noBody“

Von 1999 bis 2004 ist sie festes Mitglied in der Kompanie Sasha Waltz & Guests an der Berliner Schaubühne. Sie begleitet den Aufstieg der Choreografin in den internationalen Tanzolymp, ist Teil der Kreation ihres Signaturstücks „Körper“. Das Stück tourt bis heute um die Welt. Über 160 Vorstellungen hat es bislang erlebt. Sigal Zouk gehört nach wie vor zur ersten Besetzung und tanzt, wenn möglich, jede Vorstellung. „,Körper‘ ist einfach großartig. Die Bilder, die Emotionen, die Sinnlichkeit. Auch wenn es schon älter ist, es bleibt immer noch aktuell. Während meiner Schwangerschaft hatte ich das Glück, es einmal selbst zu sehen. Besonders mag ich, dass es kein bisschen zynisch ist, eine Haltung, die damals unter Choreografen sehr verbreitet war."

Es war eine intensive und anstrengende Zeit. Man war ständig auf Tour, dazu kamen neue Kreationen. Bereits hochschwanger tanzte sie noch in „noBody“. Nach der Geburt ihrer Zwillinge ließ sie sich Zeit, in den Beruf zurück zu kehren. Gleichzeitig reifte der Entschluss, sich neu zu orientieren. So begann ihre Arbeit mit Meg Stuart in deren erster Volksbühnen-Produktion „Replacement“. Vergleichen möchte sie die beiden Choreografinnen nicht. Und im Gespräch wird deutlich, dass künstlerische Integrität sich für Sigal Zouk sehr stark mit Loyalität gegenüber den Kollegen, die sie auf ihrem Weg begleitet, die zu ihrer Entwicklung beigetragen haben, verbindet. Die Verantwortung für ihre Entscheidungen trägt sie bewusst ganz allein. Natürlich war es ein großer Schritt von der souveränen, tänzerischen Virtuosität einer Sasha Waltz zu den gebrochenen Selbstbildern einer Meg Stuart.

Aus ihrer Bewunderung für Stuart, die sie für eine der besten Performerinnen überhaupt hält, macht sie jedoch kein Hehl: „Ich verehre sie. Die Art, wie sie sich bewegt, ist einzigartig. Eine große Inspiration. Unglaublich, wie viele Gesichter sie haben kann, wenn sie tanzt.“ Noch vor der Premiere von „Replacement" übernahm Zouk einen Part in der Wiederaufnahme von Stuarts „Disfigure Study“. „Ich lernte es in drei Tagen. Bei meinem Auftritt, irgendwo in Belgien, hatte ich hohes Fieber. Ich ging über meine Grenzen. Danach lag ich zwei Wochen flach.“ Doch mit der nächsten Aufführung wurde das Stück für die feinnervig fragile, doch auch zähe Tänzerin zu einer Offenbarung. Physisch und mental.

Suspekte Utopiegedanken

Sie macht es sich nicht leicht auf ihren einmal eingeschlagenen Wegen. Jede neue künstlerische Herausforderung kommt einer Häutung gleich. Um weiterhin offen und auch verwundbar zu sein. Ihr Part in „Replacement“ schlug eher leise Töne an. Am Ende ist sie diejenige, die in klar abgezirkelten Bewegungen den Raum, den Ort, die Menschen, neu vermisst. Eine Vermessung der Welt vielleicht, präzise und still, die ebenso an unsere Begrenzungen erinnert. Eine Bestandsaufnahme. Und eine Zeugenschaft. „Ein sehr poetischer Moment“, so empfand es Zouk und sagt weiter: „Die Aufgabe war, seinen Platz finden. Mit jeder Vorstellung neu.“

Die sozialen Belange sind es ihrer Meinung nach, die in Stuarts Stücken für die Tänzer ganz konkret zum Tragen kommen. Innerhalb ihrer Kunst. Denn das Gefühl, Mitglied einer Kompanie zu sein, die zum zweiten Zuhause, zur Familie wurde, hatte Zouk vor allem in der Kompanie von Sasha Waltz erlebt. „Unsere Gruppe war wundervoll.“

Dabei kennt die 1971 in einem Kibbuz bei Haifa geborene und aufgewachsene Tänzerin die Widersprüche eines Lebens in Gemeinschaft nur zu genau. Die Utopiegedanken ihrer Großeltern, die sich mit der Staatsgründung an neue Lebensformen geknüpft hatten, wurden ihr von frühester Kindheit an suspekt, entwickelten sich für sie zum Trauma. Die Vorstellung, sie hätte ihre eigenen Kinder im Alter von drei Monaten weg von den Eltern in ein Kinderhaus gegeben, lässt sie erschauern. Sie erinnert sich an die Angst, mit der sie nachts aufwachte. Angst vor der Dunkelheit, vor toten Hühnern, vor Schlangen, vor dem Terror. Denn es hatte auf einen Kibbuz in der Nähe einen Angriff gegeben, bei dem Kinder im Kinderhaus getötet worden waren.

„Faust“ auf Hebräisch

Später die Angst vor dem Krieg. Schlafen bei laufendem Radio, um die Warnungen bei Raketenabschüssen nicht zu verpassen. „Ich verstand nicht, warum mich meine Eltern dort allein ließen.“ Auch wenn sie es ihnen nicht persönlich übel nehmen konnte. Sie rannte nach Hause, ihr Vater brachte sie zurück. Ständig plagten sie Halsschmerzen. Anderen Kindern ging es ähnlich. Aber sie traute sich, den Mund aufzumachen, wehrte sich. So gewährte man ihr, zwei Jahre bei den Eltern zu schlafen. Heute, erzählt sie, gibt es die Kinderhäuser nicht mehr. Das Leben im Kibbuz verlangt nicht mehr, alles mit allen zu teilen. Zouk hat ihr Trauma überwunden und besucht wieder gern ihr früheres Zuhause, wo ihre Eltern und, in der Nähe, die ältere von zwei Schwestern nach wie vor leben. „Und meine Kinder lieben es, dort zu sein.“

Aber sie hat auch die schönen Erfahrungen von damals nicht vergessen. Den Zusammenhalt unter Freunden, wenn man tagtäglich loszog, herumstromerte, gemeinsam die Welt entdeckte. „Man wird früh selbstständig, wenn man so aufwächst.“ Der Tanz nahm eine wichtige Rolle ein. Seit ihrem 13. Lebensjahr hatte sie jeden Nachmittag Training, selbst während der zweijährigen Militärdienstpflicht. „Ich hatte großes Glück.“ Und sie kannte früh ihren Weg. Die Kibbuz Dance Company von Judith Anon war die erste Station ihrer Karriere. Doch deren Ausdruckstanz lag ihr gar nicht. Zouk ging nach Tel Aviv und trat bald in die von Martha Graham geprägte Jugendkompanie der Batsheva Dance Company ein. Bis sie nach Europa ging.

Heute in Berlin verbinden viele Freundschaften sie mit der großen Gemeinschaft jüdischer Tänzer in der Stadt. „Wir feiern zusammen unsere Festtage“. An Neujahr gibt es dann Äpfel und Honig. Und einen Besuch in der Synagoge? Nein, sie sei nicht religiös. Mit ihren nicht-jüdischen Freunden und Kollegen spricht sie englisch. Den Faust hat sie auf Hebräisch gelesen, bevor sie bei ihrer ersten Zusammenarbeit mit Laurent Chétouane in dessen „Tanzstück #2: Antonin Artaud liest den zweiten Akt von Goethes Faust 2 und“ auf die Bühne ging. „Es ist das beängstigendste Stück, das ich je gespielt habe.“ Total ausgebrannt habe sie sich nach der Premiere in den Berliner Sophiensælen gefühlt und ziemlich verloren. Da ahnte sie noch nicht, zu welchem Skandal sich das Stück in Weimar auswachsen würde, eingebettet in den gesamten „Faust 2“ unter Chétouanes Regie.

Die Weimarer Gewalt

„Es war ein Schock. So, stelle ich mir vor, könnte es 1933 gewesen sein. Die Zuschauer brüllten, wie wir Goethe das antun können. Dass überhaupt Ausländer den Text sprechen. Wir sollten nach St. Pauli gehen, denn wir waren nackt. Für einen Moment war ich sicher, wir brechen ab. Doch die anderen machten weiter, da bin ich natürlich geblieben. Und wir kamen durch. Ich habe noch nie solch eine gewalttätige Erfahrung auf der Bühne gehabt.“ Eine Erfahrung, die auch zeigte, welche Bedeutung Theater haben kann. Und sei es für das Vertrauen in die gemeinsame Kraft eines, wenngleich kleinen, Ensembles. Zouk fand es außerdem großartig, den deutschen Text zu sprechen. „Und meine eigenen Phantasien zu entwickeln. Es machte mir nichts aus, dass mich niemand verstanden hat.“

Brüchig und abgehackt kommen im Stück die Worte über ihre Lippen. Sie lallt und röhrt aus tiefer Kehle, während ihr Körper sich im Stuhl windet und die Artikulation von Goethes Sätzen im Keim erstickt. In Professor Wagners Alchimistenküche braucht es zur Züchtung des Homunkulus die Frau eigentlich nicht. Hier wächst sie wahrlich schillernd über sich hinaus. In Weimar wurde der „Faust 2“ nach fünf Vorstellungen abgesetzt. Das Tanzstück überlebte in der freien Szene. Und mit jeder weiteren Aufführung setzte das Trio, Sigal Zouk, Jan Burkhardt, Frank Willens, die „Faust'sche Textmaschine“ erfrischend unbefangen neu in Gang.

Auch die Bewegung funktioniert als eine Maschine, die immer wieder neue Bewegung hervorbringt. Raum, Zeit und Körper werden in ständiger Wechselbeziehung gedacht. Und in Zustände transformiert, die da heißen: Déja vu oder auch No. 19 (You are lost inside your mental space in the time). „Natürlich erkennt der Zuschauer das nicht wörtlich.“ Wahrscheinlich nicht. Doch sieht er, dass die Aura, die Zouk besonders eindrucksvoll in ihrem Solo in „Tanzstück #3: Doppel / Solo / Ein Abend“ einzig mit ihren Blicken um sich aufbaut, Schicht um Schicht erspürt, gefühlt, gedacht ist. In jedem Moment neu. „Tricks funktionieren hier nicht. Ich war noch nie so nackt.“ Wie bereitet man sich auf einen solchen Auftritt vor? „Indem man seine Gewohnheiten und Muster ganz und gar abstreift.“ Indem man sich häutet, immer und immer wieder.


Anmerkung: corpus publiziert dieses Portrait anlässlich der Aufführung von „Tanzstück #4: leben wollen (zusammen)“ im Tanzquartier Wien am 26. und 27. März im Tanzquartier Wien, Halle G, 20.30


(22.3.2010)