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Sita tanzt den Blues

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EIN ANIMATIONSFILM VON NINA PALEY BEI DEM FESTIVAL "TRICKY WOMEN" IM WIENER TOPKINO

Von Fred Arctor


Einen wunderbar tänzerischen Animationsfilm hat die amerikanische Künstlerin Nina Paley (*1968), nachdem er 2008 mehrfach ausgezeichnet worden war, nun auch bei dem Frauenanimationsfilm-Festival „Tricky Women“ in Wien gezeigt: „Sita Sings the Blues“.

Die Geschichte erzählt von der Hindugöttin Sita aus dem indischen Ramayana-Epos, von ihrer starken Liebe zu dem Königssohn Rama, dem sie in eine 14-jährige Verbannung in den Wald folgt. Dort wird sie von dem bösen König Ravana entführt, von Rama wieder befreit und auch gleich verstoßen. Sie habe ja möglicherweise mit dem König ein Verhältnis gehabt. Das Verhältnis zwischen Sita und Rama kommt nicht wieder in Ordnung, der Verdacht der Unreinheit haftet auf ihr, bis sie sich Rama endgültig entzieht.

Parallel erzählt Paley von dem Schicksal einer jungen Frau, deren Mann für ein halbes Jahr nach Indien fährt, was schließlich dazu führt, daß er sich von ihr per E-Mail trennt - eine autobiografische Anekdote, die parallel zu der Haupthandlung verläuft und Paley zu dem Film animiert hat.

Flimmern der Konturen

Das Schicksal der Sita wird auf zwei Ebenen mit unterschiedlichen Bildästhetiken aufgerollt. Die eine inspiriert von indischer Tradition, die andere von einer westlichen Trickfilmästhetik aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Auf der letzteren singt Sita mit der Stimme der amerikanischen Jazzsängerin Annette Hanshaw, und dazu schwingt sie ihre Hüften.

Auf vielerlei Arten läßt Paley ihre Geschichte über einfache Tanzbewegungen und -sequenzen ablaufen. Das Genre des amerikanischen Tanzfilms aus den 1930er und 1940er Jahren dient ihr dabei nicht nur als Vorlage, sondern auch als Referenz. So vermag sie auf Distanz zu der dramatischen Handlung gehen und ermöglicht auf diese Art einen kritischen Blick auf die Zurücksetzung des Weiblichen aus interkultureller Perspektive: im indischen Traditionalismus und im amerikanischen Individualismus.

Annette Hanshaws Songs und das Tanzen der indischen Götter betonen die Leichtigkeit, den Rhythmus und die Ironie in Paleys feministischem Diskurs. Auf der Erzählebene der amerikanischen Frau allerdings kommt ein anderer Tanz zur Geltung: als Flackern und Flimmern der Konturen, was den dritten Animationsstil kennzeichnet, mit dem die Künstlerin arbeitet. Diese tanzenden Umrisse lassen sich auch als Anspielung auf die kulturelle Differenz zwischen den beiden Kulturen lesen. Die liberale westliche Kultur als eine diffuse, aufgelöste Wertestruktur im Gegensatz zu den tradierten, fixierten Werten im konservativen Segment der indischen Gesellschaft. Dazwischengeschnitten ist schließlich eine Sequenz, in der Figurenumrisse in einer Form exotisch tanzen, wie sie dem westlichen kolonialistischen Zugang entspricht.

Die Tonspur als Göttin

Wichtig für die Erzählung sind auch Schattenfiguren, die das Geschehen immer wieder in amerikanischem Konversationsstil kommentieren: flapsig und naiv, die Position von Indern einnehmend, deren Wissen um die eigene Tradition schematisch geworden ist.

Nina Paley verleugnet ihren amerikanischen Blick nicht, und doch ist ihre Darstellung des Ramayana nie respektlos schwärmerisch, sondern von einer liebevollen Hingabe zu dem Unterhaltungswert der karikaturhaften Übersetzung von einer kulturellen Sprache in eine andere. So nutzt sie die Penetranz des Exotismus und macht sich sowohl über ihn als auch über die jüngere Indienromantik seit der 68er Generation lustig. Wie selbstverständlich verbindet „Sita Sings the Blues“ den Geschlechter- und Kulturdiskurs, das Tanzen und das Erzählen, das Singen und die Mythologie. Bedrohlich wirkt gegen Ende hin die hartnäckige, zwanghafte Rückkehr der singenden Sita. Im Singen ist sie unantastbar, eine Göttin, eine Unsterbliche. Sie wiegt ihre Hüften im Takt, und nichts kann sie irritieren, diese aufgezeichnete Tonspur, die sich durch den kleinen Mund der Zeichentrickfigur schiebt, diese runden Augen, die sich in den Blick der Zuschauer zu bohren scheinen.

Das ist die Speerspitze, mit der Nina Paley auf alle zeigt, die der Geschichte folgen und sich an ihrer Perfektion erfreuen. Fünf Jahre Arbeit steckt in diesem Film, den die Künstlerin allein auf ihrem Computer animiert hat. Es hat sich gelohnt. Von seiner Website kann dieses Meisterwerk übrigens auch heruntergeladen werden.


www.sitasingstheblues.com


(9.3.2009)