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MARIUS VON MAYENBURGS "DER HÄSSLICHE" IM SCHAUSPIELHAUS WIEN
Von Judith Helmer
Zwei Wochen Probenzeit
und kein eigenes Bühnenbild - das sind die konkreten Bedingungen des Formats
„Schauspielhaus-Skizze“, geschuldet „künstlerischen und ökonomischen
Überlegungen“, wie das Programmheft zur österreichischen Erstaufführung von
Marius von Mayenburgs Stück „Der Hässliche“ die Vorbedingungen des Abends erklärt.
Der deutsche Regisseur Marlon Metzen hat jedoch in den zwei Wochen keinen rohen
Entwurf, sondern einen in sich kohärenten Schattenriss mit den vier Darstellern
(Johannes Zeiler, Bettina Kerl, Christian Dolezal und Vincent Glander) entworfen, der sich mit dem Text von Mayenburg hübsch einverstanden zeigt.
Im
klinisch weißen Bühnenraum bilden die Schauspieler mit ihren schwarz-weißen
Businessuniformen (Anzug-Hemd bzw. Bluse-Rock plus schicke, schwarze Lackschuhe)
einen Sitzkreis, aus dem heraus sich Szene um Szene abspielen lässt. Mayenburgs Plot schmiegt
sich bewusst an die seichten Doppelgängerkomödien von TV-Filmen an, jedoch mit
der Intention, den „gängigen Komödientopos der Verwechslung einer subversiven
Neubearbeitung zu unterziehen“, wie es im Programmheft heißt. Und das geht so:
Es wird behauptet, ein Mensch verändere mittels plastischer Chirurgie sein
Aussehen radikal, doch der Schauspieler sieht danach so aus wie auch zuvor. Es ist eben nicht wie
im Film, wo die Verwandlung realisiert werden würde.
Selbstbespiegelung des Mediums Theater
Das Theater legt es hier
augenscheinlich darauf an zu zeigen, was es nicht kann, um gleichzeitig zu
beweisen, was es auf der Kehrseite der Medaille zu evozieren vermag: Denn
natürlich springt die Vorstellungskraft des Zuschauers ein und gibt sich der
Illusion der Veränderung hin. Hier prallen Form
und Inhalt aufeinander. Denn Mayenburgs Stück behauptet eine Welt, in der das Schöne und
das Hässliche feste Größen darstellen, die nicht an ein individuelles Empfinden
gebunden sind. Lette, dem Hässlichen, wird die Präsentation des von ihm
entwickelten Produkts versagt, da mit seinem Äußeren das Verkaufen unmöglich
sei. Er unterzieht sich daraufhin einer Operation und erhält ein gänzlich neues
Gesicht, mit dem er das Ideal von Schönheit verkörpert. Mit dieser Schönheit
stellt sich automatisch der Erfolg ein - bei den Kunden, bei den Frauen. Bis
das Gesicht vielfach kopiert wird: Doppelgänger des schönen Lette bevölkern die
Stadt und lassen dessen Wert, der auf Einzigartigkeit beruhte, rapide
abstürzen. Da nun auf der Bühne kein Schauspieler sein (von den Kostümen noch
dazu auf Einheitsmaß genormtes) Äußeres je ändert, will das das Theater mit
seinen Mitteln seiner eigenen über den Text behaupteten Aussage widersprechen -
die Bewertung des Äußeren ist nicht objektivierbar, sondern von Kontext, Codes
und Vorstellung bestimmt.
Sobald es dann von
Doppelgängern wimmeln sollte, offenbart sich noch stärker die Diskrepanz
zwischen dem Medium Film, von dem hier geborgt wurde, und dem Medium Theater,
mit dem hier gespielt wird. Als es technisch möglich wurde, dass ein und
derselbe Schauspieler in einer Szene im Dialog mit sich selbst agierend
doppelt zu sehen ist, liebte die Filmkomödie dieses Spiel. Dem Theater per se
bleibt dies versagt, so lange es an die Körperlichkeit der Darsteller gebunden
ist wie im Sprechtheater. Dass ein Darsteller innerhalb eines Stücks
verschiedene Rollen verkörpert, selbst ohne Hilfsmittel wie Kostüm oder Maske
zu verwenden, ist wie so oft auch in Marlon Metzens Inszenierung Standard. In
„Der Hässliche“ nun kann ein Schauspieler nicht nur die Rollen wechseln, die
Rollen können auch ihr Äußeres verändern - ohne das sich an der Körperlichkeit
des Darstellers etwas tut. Der Zuschauer hält seinen Teil des Vertrags mit dem
Theater ein und „glaubt“, was für die Illusion zu glauben nötig ist. Die
Forcierung dieser Interaktion zwischen Bühne und Publikum gibt der Text vor,
und Metzen bedient das Spiel so gut es geht, obwohl der Reiz dieser Anlage
beschränkt ist.
Identitätskonflikte ohne Überraschungen
Dass man dem Abhandeln
der sich aus dem Plot entspinnenden Identitätskonflikte mit einem schalen
Gefühl beiwohnt liegt auch an der Schemenhaftigkeit dieser „Skizze“. Wie es das
Genre Komödie zu verlangen scheint, begegnen sich auf der Bühne Abziehbilder
längst durchgekauter Rollenmodelle - der skrupellose Manager, der aufstrebende
Karrierist, die kühle Blonde und mittendrin der zunächst hässliche und
unauffällige fleißige Arbeiter. Mit neuem Gesicht übernimmt er ohne zu Zögern
die Verhaltensweisen einer Umgebung, in der Menschen wie Dinge einen Wert haben
und wie Produkte zu klassifizieren sind. Nichts von alledem ist überraschend,
herausfordernd oder riskant, und Metzen setzt dem Text auch nichts entgegen, an
dem er sich reiben und probieren müsste. So bleibt „Der Hässliche" ein im Schwarz-Weiß
verhaftetes, totes Gedankenspiel. Der Abend kreist selbstverliebt um seine
Grundidee wie seine Protagonisten im Schlussdialog um sich selbst: „Ich habe
mich gefunden" - „Ich freu mich" - „Ich mich auch".
(18.4.2008)
Webtip: http://www.schauspielhaus.at
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