AN KALERS "INSIGNIFICANT OTHERS (LEARNING TO LOOK SIDEWAYS)" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Astrid Peterle
Das PerformerInnen-Trio tritt atemlos auf. Die Erschöpfung geht der Aufführung vielleicht voran, doch sie lässt nicht auf die folgende Choreographie schließen. Die neue Arbeit der österreichischen Tänzerin und Choreographin An Kaler zeichnet sich durch eine spezifische Qualität der Unaufgeregtheit in der Bewegungssprache aus, durch konzentrierte und mühelos ineinander übergleitende Phrasen.
Hier tanzen Drei (An Kaler, Alex Baczynski-Jenkins, Antonija Livingstone) nebeneinander und aneinander vorbei, ohne je in intensiveren Kontakt oder Austausch miteinander zu treten. Ein kurzes Kreuzen der Blickachsen ist der Höhepunkt an Anteilnahme. Einzig der Rhythmus und die Geschwindigkeit vereinen ihre Bewegungen strukturell. Der englische Begriff „sleekness“ bringt das Tanzgeschehen auf den Punkt, ohne dass damit aber eine Oberflächlichkeit angedeutet werden soll.
Neben dem Tänzerischen sind zwei weitere Aspekte in Kalers Choreographie bemerkenswert. Der eine betrifft die Posen der PerformerInnen sowie die generelle „Aura“, welche die Choreographie umgab. Mitunter erinnerte diese in ihrer Tableauhaftigkeit an Robert Longos Graphit-und-Kohle-Zeichnungen aus den späten 1970er-, frühen 1980er-Jahren mit dem Titel „Men in the Cities“. Longo fing seine KünstlerInnen-FreundInnen, unter anderem Cindy Sherman, während des Tanzens in verdrehten, verkrümmten Posen ein, sodass die Grenze zwischen Tanz und Schmerz fließend wird.
Ohne Dekadenz
Longos Zeichnungen wirken chic, im „lässigen, nonchalanten“ Sinne des Wortes. Sie entstanden im Avantgarde-Zirkel New Yorks in einer Zeit des Übergangs von Hippie-Kultur zu den dekadenten 80er-Jahren und fangen ein spezifisches Zeitgefühl ein – mit KünstlerInnen, die als Yuppies gekleidet zwischen Ekstase und Schmerz tanzen. An Kalers Choreographie versinnbildlicht auch eine gewisse urbane Hipness, die häufig mit den Städten, in denen die PerformerInnen leben, Berlin und Montreal, verbunden werden. Stephanie Rauch (Raum), Bruno Pocheron (Lichtdesign) und Brendan Dougherty (Musik/Sound) gelang es, für die Bühne auf beeindruckend konzise Weise die Atmosphäre für die Sleekness der Choreographie und ihre Verwurzelung in der urbanen Off-Kunst zu kreieren.
Ein weiterer Aspekt ist jener der Androgynität oder, aus feministisch-queerer Perspektive, jener der geschlechtlichen Uneindeutigkeit. Die drei starken, in ihren PerformerInnen-Qualitäten sehr individuellen TänzerInnen gleichen sich erstaunlich in ihrer Ambiguität, sowohl in ihrer äußerlichen Erscheinung als auch in ihrer geschlechtlich unmarkierten Körper- und Tanzsprache.
Auch wenn dieser Aspekt der Performance von der Choreographin, die 2010 das queere Solo Save a horse ride a cowboy bei den Tanztagen Berlin uraufgeführt hat, im Programmtext nicht ausdrücklich erwähnt wird, erlangt die Performance durch diese Wahrnehmungsebene eine Komplexität, die sie von anderen, dekadent-pompösen Tanzproduktionen dieses Jahres, die sich mit normierten Geschlechterkonstruktionen auseinandersetzen und wie sie etwa beim diesjährigen ImPulsTanz-Festival zu sehen waren, unterscheidet.
Etwas mehr kühle Geschlechterambiguität würde der zeitgenössischen Choreographie nicht schlecht tun. Insignificant others – take over!
(7.12.2011)
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