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Soap und SĂ€cke

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MILLI BITTERLI: "MY HOBBY IS MY DESTINY" & BARBARA KRAUS: "...MACHT IHRE LIEBLINGSPERFORMANCE" IM BRUT, WIEN

Von Judith Helmer


Disziplin versus Freiheit, ausgefeilte Erzählung versus riskante Improvisation, Drill des Kinderballetttrainings versus watteweiche Wohlfühlpropaganda - Milli Bitterli und Barbara Kraus haben für den Themenschwerpunkt „Telling Time" im Wiener brut einen Doppelabend als Gegensatzpaar inszeniert und es geschafft, dass aus eins und eins mehr wurde als zwei.

„Man hat eben nicht immer den Körper zum Tanzen, ich weiß, dass ich nicht tanzen werde." Wenn Milli Bitterli im ersten Teil ihres Stücks "my hobby is my destiny" diese Sätze sagt, kann man noch denken, sie spiele auf den Zustand ihres Körpers in der Schwangerschaft an. Doch im Laufe ihrer Erzählung vom Freud und Leid der Nachwuchsballerina im Teenageralter wird klar, dass dieser Körper dem ehrgeizigen Traum des Mädchens viel früher einen Strich durch die Rechnung machte. Schon mit 14 machte Bitterli Schluss mit dem disziplinierten Balletttraining, weil sie selbstkritisch erkannte, dass sie nach dem Wandel des Mädchens zur Frau nicht mehr den stereotypen Tänzerinnenkörper haben würde. „Warum ich tanze, warum ich noch immer tanze" - diese Fragen sind auch für die Erwachsene nicht restlos beantwortet, und an dieser Unsicherheit lässt Bitterli ihr Publikum teilhaben. 

Talkshowgerechte Erzählhaltung

Eine seichte Erzählung, die mit ihrer Betonung der Entbehrungen an die deutsche Ballett-Fernsehserie „Anna" aus den 1980er Jahren erinnert? Ja und nein. Gemeinsam mit Barbara Kraus und Silke Bake hat Bitterli einen Rahmen für die autobiografische Geschichte gebaut, der von solch überschwänglicher Authentizität ist, dass man ihr schon wieder keinen Schritt über den (Lebens-)weg traut. 

Bitterli nimmt eine aus Talkshows bekannte Erzählhaltung ein, und das ist hier körperlich gemeint. Frontal, nah vor dem Publikum sitzend, konfrontiert sie im häuslich wirkenden Jogginganzug die Zuhörer mit ihrer Geschichte. Hinter sich hat die Tänzerin die leere Bühne, ausgelegt mit einem weißen Tanzboden, der großteils die Potentialität des Tanzes repräsentieren wird, anstatt von ihm eingenommen zu werden.

Entblößende Diskrepanz im Professionalitätsgrad

Bewegungen und Berührungen - dort ist sie professionell, im Sprechen allerdings unausgebildet und ungeschützt privat. Diese Diskrepanz der Grade der Professionalität hört das ganze Stück über nicht auf zu Reiben. Vor dem Hintergrund der Erzählung über die Lust an der Technik, an der Disziplin und dem ausgefeilten Können und von der Unverzeihlichkeit von Fehlern wirkt sie bewusst gesetzt entblößend. Es ist ein bisschen Soap aus dem echten Leben, und dabei so liebenswürdig wie riskant. 

Hier liegt die Schnittstelle zur zweiten Hälfte des Doppelabends, in der Barbara Kraus ihre Lieblingsperformance gibt. Liebenswürdig und riskant ist ihr bekannter Ansatz, dem Abend seinen freien Lauf zu lassen. „Barbara Kraus wünscht sich und ihrem Publikum einen gemeinsamen Raum, indem es nicht mehr braucht als einen Moment, um absichtslos gegenwärtig zu sein", heißt es in der Vorankündigung auf der Homepage von brut (www.brut-wien.at). „Absichtslos gegenwärtig sein" - dies ist eine gewagte Ansage im Kontext von Bühnenperformances, die auf dem ungeschriebenen Gesetz beruhen, dass der, der vorne steht und etwas vormacht auch irgendeine Intention damit verfolgt. Aber hier ist die Absicht eben Absichtslosigkeit oder tut jedenfalls so, und das ist immer wieder erfrischend, nervig, langweilig, lustig, herausfordernd etcetera.

Wellbeing-Therapie

Barbara Kraus' Alter Ego Sethi, das kosmische Galaxienwunder, schmeißt mit seiner peace-and-harmony-Animation fast die gesamte Lieblingsperformance. Energien werden gesammelt, Dämonen verbannt, Verspannungen gelockert, und wer will, kann auch ein Nickerchen auf den gemütlichen Sitzsäcken machen - wenn auch in der ständigen Gefahr, die Aufmerksamkeit aller damit auf sich zu ziehen. Alles ist improvisiert, nie herrscht eine schlafwandlerische Sicherheit, sondern eine beständig lauernde Peinlichkeitsgefahr. 

Dieser Auftritt nur mit dem grobmaschigen Netz der Möglichkeit, die Charaktere zu wechseln hat doppelte Böden. „Du bist, was du siehst" könnte das Orakel für die Zuschauer sein. Wie sehr man man Kraus' Performance für bare Münze nimmt, ist jedem selbst überlassen. Persiflage des Wellbeing-Trends oder ehrliche Aufforderung zu mehr Eigenliebe? Freude an der gemeinsamen Aktion oder Ausstellung der Eitelkeiten? Soll das Hirn angeschmissen werden, um Zusammenhänge und Zitate zu dechiffrieren, oder lässt man sich gerade dadurch aufs Glatteis führen und täte besser daran, nicht nach dem Warum zu fragen, sondern sich am Wie zu erfreuen? 

Virtuosität in Fallgruben

Diese Unsicherheit ist die Reibung, die den zweiten Teil des Doppelabends prägt. Die Freiheit, die sich Kraus nimmt, wirkt umso stärker vor dem Hintergrund dessen, was Bitterli von der Angst vor Fehlern und der Scham über peinliche Auftritte berichtet hat. Und Bitterlis übertriebene Authentizität wirkt umso künstlicher, je mehr man sich auf die Rezeptionsunsicherheit einlässt, die Kraus provoziert. 

„Telling Time" heißt der dramaturgisch gespannte Reihenrahmen, in dem Bitterli und Kraus sich virtuos bewegen. Ihre Aufführung hat viele der Fallgruben aufgedeckt, die die Ambition des Erzählenwollens mit sich bringt. Wo geschlossene Erzählungen wie im aktuellen Performancekontext die Ausnahme statt der geübten Regel sind, ist jedes Einnehmen einer Erzählhaltung ein Statement, das leicht interessanter werden kann als der Inhalt des Gesagten. Gerade, weil der Erzählung so viel Misstrauen entgegengebracht wird, ist sie als Versuch besonders reizvoll. 

(25.1.2008)