DEJAN KALUDJEROVIĆ BEI DEN WIENER FESTWOCHEN: DER MIGRATIONSALLTAG ALS "EUROPOLY"
Von Judith Staudinger
Die Eröffnung der von Almut Wagner kuratierten Schiene forum festwochen ff zur „Generation (Ex) Yu“ im Wiener Schauspielhaus begann fröhlich: Der Chor 29. novemba machte Stimmung auf der Straße, und der clevere Entertainer Saša Asentić brachte drinnen mit seinen Gedanken- und Tanzexperimenten das Premierenpublikum (des drei Jahre alten Stücks) mit seinen dramaturgischen Hakenschlägen zum Lachen.
Das Nachbarhaus, so nennt sich der Spielort, in dem sich früher die Schauspielhaus-Bar befand, hat noch bis zum 6. Juni der in Wien lebende Belgrader Künstler Dejan Kaludjerović für sein Spiel okkupiert. Sein „Europoly“ sieht ebenfalls lustig aus, verspricht aber ein ambivalentes Spielerlebnis. Die bespielbare Installation ist – unschwer zu erraten – eine Abwandlung des beliebten Gesellschaftsspiels Monopoly, das wie kein anderes dafür sorgt, dass die Grundregeln des Kapitalismus schon im Kinderzimmer eingeübt werden: Wer gewinnen will, muss raffen, aufkaufen, abkassieren.
Bei „Europoly“ sind es aber keine schönen Straßen und Häuser, sondern MigrantInnen, die gekauft werden müssen. Um sie „upzugraden“, werden Jutetaschen gegen Yugobags und später Designertaschen getauscht, bis der Wert von Gelegenheitsarbeiter, Modell oder Manager den Spieler, der auf ihrem Feld landet, in den privaten Bankrott treibt. Denn nur einer kann gewinnen, worauf alle scharf sind: die Staatsbürgerschaft.
Kaufe einen Künstler!
Kaludjerović selbst muss seit sechs Jahren in Wien jedes Jahr um ein Künstler-Visum ansuchen und ist nun nominiert, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Dass er dafür seine serbische aufgeben müsste, berührt ihn wenig, ist er doch in Jugoslawien in eine nicht national denkende Familie hineingeboren worden. Nationalismus habe er erst mit dem Krieg kennengelernt, erzählt er seinen Interviewer von der Programmheftredaktion.
Seine Erfahrungen mit der Bürokratie, aber auch die Erkenntnis, dass Entscheidendes im Leben dem Zufall überlassen bleibt, sind in das Spiel eingeflossen. Man müsse sich auf das harte Schicksal eines Migranten einlassen, heißt es in der Ankündigung. Doch in der Spielrealität ist alles ganz kuschelweich.
„Ich kauf’ direkt den Künstler,“ freut sich so eine junge Frau, die das Würfelglück auf dem Künstlerfeld hat landen lassen. Hat sie doch im Zug vorher gerade ein Stipendium erhalten und ist lange nicht ins Gefängnis geschickt worden. Dabei kostet ein Künstler deutlich mehr als ein Gelegenheitsarbeiter oder ein McDonalds-Verkäufer. Ganz unten auf der sozialen Skala rangieren Prostituierte und Drogenverkäufer, ganz oben Manager und Politiker. Auf dem Drogenverkäufer ist ein Mitspieler gelandet, nimmt es mit Bierflasche in der Hand locker und hofft auf mehr Glück in der nächsten Würfelrunde. Gemeinsam mit einer dritten Spielerin amüsieren sich die beiden sichtlich in ihrem Spiel des Lebens und hüpfen auf den Antlitzen der (echten) Migranten von Feld zu Feld der Staatsbürgerschaft entgegen. Jedenfalls im Moment des Spielens sind die drei Besucher von der inneren Dynamik so mitgerissen, dass sie die harte Wirklichkeit hinter den Spiel zu vergessen scheinen.
Reibung verschiedener Realitäten
Wie im wirklichen Monopoly dauert auch so eine „Europoly“-Sitzung ganz schön lange. Wenn eine Partie spielt, können weitere Zuschauer nur kiebitzen. Doch vielleicht ist die so zwangsläufig distanzierte Perspektive auf das makabere Spiel nicht die schlechteste. In dieser spürt man, wie deutlich sich die verschiedenen Realitätsschichten aneinander reiben. Etwa einerseits die Festival-im-Festival-Eröffnung mit ihren schicken, gut gelaunte Premierengästen, die kaum von der leisen Installation im „Nachbarhaus“ Notiz nehmen und andererseits ein Künstler wie Saša Asentić, der die Westverliebtheit des östlichen Kunstsystems kritisieren will, mit dem Ergebnis, dass er selbst vom westlichen Festivalzirkus als Lieblingskind adoptiert wird. Oder zum einen die jungen SpielerInnen, denen vielleicht später noch die schaurige Einsicht bevorsteht, dass sie ziemlich unbedarft auf Existenzen gehüpft sind, die sich im echten Leben mit für Nicht-Migranten kaum vorstellbaren Schwierigkeiten konfrontiert sehen. Und zum anderen die fern aus den Fotografien herausblickenden Migranten, über deren Schicksale und Lebenswege man nur spekulieren kann, denn bei „Europoly“ sind sie zu Nummern und Typen geschrumpft. Ihre Biografien werden nirgends nachvollzogen.
Wenn man dann durch den lupenrein bürgerlichen 9. Bezirk nach Hause spaziert, kommt einem dieser spielerische Blick des sich selbst feiernden und reflektierenden Kunstbetriebs reichlich naiv vor, und das hinterlässt einen unguten Nachgeschmack. Es ist nur zu gut, wenn dieser recht lange auf der Zunge haften bleibt. So könnte die Verunsicherung der eigenen Position bei Kaludjerovićs Anordnung doch noch passieren. Eben nicht auf dem Spielfeld, sondern in der Beobachtung der Gesamtsituation.
(31.5.2010)
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