Springende Gesten

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ALEX DEUTINGER & MARTA NAVARIDAS ALS BRUT-SPECIAL BEI FREISCHWIMMER 2011: "YOUR MAJESTIES"

Von Georg Petermichl




Barack Obama zitiert Martin Luther Kings Rede zum Friedensnobelpreis (1964) in seiner eigenen vom Dezember 2009: „Violence never brings permanent peace. It solves no social problem: it merely creates new and more complicated ones.“ Rechtschaffen und knackig formuliert. Poesiealben-Poesie: Dieser Satz rührt unser Verständnis von Humanität und unser Unverständnis gegenüber der inhuman agierenden Welt, und idealerweise haben solche Statements keinen spezifischen Kontext, und schon gar keinen Nachsatz.

Jener Barack Obama, der im Rahmen des Freischwimmerfestivals die Bühne des Wiener Koproduktionshauses brut einnimmt, hat sich dazu hinter einem Stuhl positioniert. Seine Hände ruhen auf der Rückenlehne als wären es Elevenschultern. Beim Martin-Luther-King-Zitat tätschelt er ihr Leder mechanisch, aber väterlich: Obama gibt sich jovial? „But as a head of state sworn to protect and defend my nation, I cannot be guided by his example alone.“ Der Zeigefinger ist nach oben geschossen und zuckt dort Aufzeigekreise durch die Luft, so als hätte dieser Körperteil Obamas gerade den Verstand verloren.

Das Grazer Tanz-Duo Alex Deutinger und Marta Navaridas arbeitet seit 2007 gemeinsam und hat sich für Your Majesties der Nobelpreisrede des US Präsidenten bedient. Sie zerren damit die kulturideologisch bedeutungsvollste politische Geste der vergangenen Jahre ins Rampenlicht und wurden dafür 2010 mit dem bestOFFstyria-Theaterpreis ausgezeichnet. Zu Beginn kopiert Deutinger (als Barack Obama) die kleinen, erklärenden Gesten des Oberhaupts, die ihm zu entgleiten beginnen und schlussendlich förmlich durch den Raum springen.

Sie ist sein Teleprompter

Die Bewegungen scheinen zunächst die emotionale Ebene des Texts zu stützen: Die Bedeutungsschwere seiner Entscheidungen zieht den US-Präsidenten auf den Boden, dann wieder macht ihn Ruhmreiches sportlich schwungvoll und leichtfüßig; Obama nimmt gerade den Friedensnobelpreis entgegen und liefert dafür eine Abhandlung über die Prinzipien, Moral und Rechtfertigungsgrenzen von Krieg. Im Laufe das Abends werden aber die Bewegungen zu beigepackten Kontrapunkten: Obama schleift sich auf dem Boden, steckt sich erschwerend die Hand in den Mund, stakst, die Hände des Publikums schüttelnd, durch den Raum oder pumpt Liegestütze. Für den staatstragenden Tremolo in der Stimme schüttelt er dann den ganzen Körper.

Marta Navaridas steht dabei auf einem Bühnenquadrat im Zuschauerraum und gibt sich als Obamas Teleprompter: Sie tanzt ihm seine Bewegungen vor. Zwar verstört die Idee einer Obama-bestimmenden Schatteneminenz in diesem Stück ein wenig; das körperliche Kopieren verstärkt allerdings auch die Wirkung, die den körperlichen Äußerungen des Politikers zugeschrieben werden kann.

Die schrittweise Entwöhnung der politischen Geste aus ihrem traditionell angeknacksten Verhältnis zur Realität macht diesen Abend besonders bemerkenswert: Deutinger/Navaridas hüllen die Politikergeste in eine neue Atmosphäre, eine Kontemplation über deren Inszenierung wird damit möglich. Schließlich gibt es Unterschiede zwischen politischen Reden, politischem Handeln und dem Exekutieren von politischem Willen. Alle drei Ebenen sind in demokratischen Systemen zumindest durch Hoffnung, wenn nicht Vertrauen miteinander verbunden. Erstaunlicherweise steht bei Deutinger/Navaridas diese Hoffnung zur individuellen Verhandlung auf der Bühne.


(12.4.2011)