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ERÖFFNUNGSABEND DES KINSHASA-FOCUS:
Marie Françoise Plissart choreografiert ihren Blick auf den Kongo als
filmischen „stream of consciousness“, während ein Kongo Dinner
kulinarisch kurz gedacht ist.
Von Constanze Klementz
Das Land entgleitet. Unaufhörlich. Menschen, Stadt, Landschaften ziehen in einer kontemplativen Gleichförmigkeit der Bildbewegung vorüber. Von links nach rechts. Tauchen auf und verschwinden. Containerstapel bilden geometrische, leuchtend bunte Farbraster. Dann wieder: marode Häuser, Hütten, Brachflächen. Von Hitze gesprengter, bröckelnder Stein. Staub. In der Draufsicht zu erahnende, sich nicht erschließende Raumfluchten. Lebensräume.
Wieder ein verlassener Hafen. Rot. Grün. Blau. Gelb. Immer von links nach rechts. Ein Barcode, den niemand abliest. Keine Schiffe legen hier mehr an oder ab. Hallen mit eingefallenen Dächern bilden futuristische Gebirge. Wie gestrandete Wale bäuchlings auf die Seite gekippte Wracks entpuppen sich als bewohnt. Doch ehe man genauer hinsehen kann, verschluckt sie der Bildrand. Selten erinnert ein Rest von Zentralperspektive, die plötzlich geradlinige Schichtung von Material, Objekten, Architektur an eine frühere durchorganisierte Betriebsamkeit. Allein im Verhältnis zu den schief gegeneinander gelehnten, ineinander verkeilten, auseinander hervor wachsenden Selfmade-Behausungen sind deren Spuren noch lesbar.
Verfall und Widerständigkeit
Heute enthalten die vergessenen Container nichts außer die eigene Leere. Das politische und wirtschaftliche Vakuum des Kongo nach der langen Ära der Mobutu-Diktatur, hier steht und liegt es herum. Aber welches Dispositiv von Sichtbarkeit behält in unseren Augen die Oberhand? Das körperlich greifbare Gespenst eines bestürzenden ökonomischen und infrastrukturellen Verfalls? Oder die Widerständigkeit, mit der das Leben sich überall in den Industrieruinen einnistet und den widrigen Bedingungen die Möglichkeit abtrotzt, mehr als bloß zu existieren. Marie Françoise Plissarts Film „The River“ ist das Erste und bisher mit Abstand Beste, was man vom „Kinshasa-Focus“ der beginnenden letzten sommerszene-Woche zu sehen bekam. Man wünschte sich nur, ihn konzentrierter anschauen zu können als im Durchgangsfoyer der Kavernen.
Der Film ist oberflächlich. Im besten Sinn. Mit seinem flachen, flächigen Blick, ruft er das auf, was man nicht sieht. Das Nichts in den Hafencontainern und Lagerhäusern. Oder die Verschränkung von Elend und Vitalität, die beim europäischen Betrachter fern der Gefahrenzone nicht selten eine unreflektierte Faszination für die Schönheit und Kraft des „nackten Lebens“ hervorruft, die in ihren voyeuristischen und politischen Implikationen mehr als bedenklich ist. Marie Françoise Plissart nähert sich ihrem Thema auf die einzig mögliche Weise. Nicht, indem sie ihm dokumentarisch gerecht zu werden versucht oder in die Falle des Ethnologen tappt, der aus seinem Gegenstand schlussendlich nur sich selbst herausliest. Ihr Künstlerinnenblick, der bei aller Sensibilität der Annäherung ein Touristinnenblick oder zumindest ein Fremdkörper ist und bleibt, konzentriert sich auf das, was ihm zur Verfügung steht: Ansichten. Visuelle Muster des Urbanen, in denen gesellschaftliche Prozesse strukturell in die Sichtbarkeit überführt werden.
Die unsichtbare Stadt
Die Begegnung der belgischen Medienkünstlerin mit der Stadt Kinshasa auf dem Fluss Kongo entstand als Teil ihrer Recherche „Kinshasa. Tales from the Invisible City“, die 2004 bei der Architekturbiennale in Venedig zu sehen war. Die endlose Kamerafahrt ist keine gewöhnliche Kamerafahrt - eher eine Kamerapassage. Von einem Schiff aus richtet Plissart ihr Objektiv auf das Ufer und hält still, während der Kongo das Boot und das Boot sie am Kongo vorbei trägt. Es ist bezeichnend, dass sie ihre Arbeit nicht „Das Land" genannt hat. Zwar werden Uferstreifen und Filmstreifen in gewisser Weise eins. Doch was sich eigentlich abbildet, ist die instabile und gleichzeitig ausgeschlossene Perspektive der Beobachterin mit ihrem festen Standpunkt, die unvermeidlich in Bewegung gesetzt wird durch die Dynamik der Situation, die sie zu erfassen versucht. Unaufdringlich und unprätentiös erkundet „The River" dieses grundlegende Spannungsverhältnis.
Keine Aufnahme ohne Teilnahme. Eine simple und wenig revolutionäre Erkenntnis. Beim anschließenden „Kongo Dinner“, dem ersten von zwei Abenden mit „people, arts & movement from Kinshasa", vermisst man sie allerdings. Zu sehen sind die ersten fünf von insgesamt zehn Filmen, die kongolesische SchriftstellerInnen und KünstlerInnen im Rahmen eines Projektes unter der Leitung des belgischen Allrounders Thierry de Mey realisiert haben. Weder im Festival- noch im Abendprogramm wird darauf hingewiesen, dass es sich um Arbeiten in sprachlicher Originalfassung, teilweise versehen mit französischen Untertiteln, handelt. Dabei lebt ein Film wie Clarisse Muvuba Mwimbus Recherche über den disparaten Zustand des staatlichen Elektrizitätsnetzes ebenso von seinen Texten und Interviews wie die gerappten Wortspiele bei Patrick Kalala oder der poetische Monolog einer Frau, der sich in „taxi kin“ von Ken's Mukendi Kakona über Szenen aus dem Straßenalltag legt.
Fehlende Hintergründe
Der Unmut vieler Besucher über diese Tatsache ist spürbar, die Atmosphäre unruhig. Reduzierte, rein auf der Bildebene angesiedelte Miniaturen wie Junior Tshiteyas Stummfilm „les regards diffèrent", eine dichte Verkettung von Gesichtern, Blickrichtungen und Körperbezügen, haben darunter zu leiden. Über die Personen und Hintergründe der Filmemacher erfährt man im Unterschied zu der aufwändig produzierten Schautafel samt Broschüre zu de Meys eigener Installation „From Inside“ einen Raum weiter nicht einen einzigen Satz. Auch die „in Österreich lebenden Kongolesinnen“, die für das landestypische Buffet zuständig sind, bleiben mit einer Ausnahme unsichtbar und sämtlich anonym. Das fragt man sich schon, wem wer hier genau begegnen soll.
„Stadträume, Facetten städtischen Treibens und die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen für das Leben und Überleben in diesem Moloch werden auf unmittelbare Weise erlebbar. Und trotz der Exotik und Fremdheit wird auch klar, wie ähnlich sich weltweit Menschen samt ihrer Probleme und Ideen sind.“ Die Haltung, die aus der Ankündigung des „Kongo Dinner“ spricht, ist der von Marie Françoise Plissart diametral entgegengesetzt. In „The River“ gewinnt der Begriff der Bewegung seine Bedeutung gerade nicht auf der narrativen Ebene, sondern als eine Choreografie des Blicks, der sich selbst als seinen eigenen Blinden Fleck mitdenkt. Er hält eine Lücke offen, statt Nähe zu forcieren. Dahinter steht ein Begriff der Genauigkeit, der ein völlig anderer ist als die vage und so leicht zu instrumentalisierende humanistische Kategorie der Ähnlichkeit.
Rückkehr zu alten Idolen?
Das im Juni zu Ende gegangene In Transit-Festival im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, trug unter der neuen Leitung von André Lepecki den Titel „Singularities“. Seit Jahren ringt diese Institution mit ihrem zwiespältigen Auftrag, „außereuropäische Kulturen“ zu repräsentieren - im Kontext der Weigerung der meisten zeitgenössischen Künstler, sich als Repräsentanten von Nation oder Kultur behandeln zu lassen. Lepeckis Singularitäten setzten dagegen die Spezifik individueller Positionsbestimmungen, die verallgemeinernde Kategorisierungen aus den Angeln heben, als künstlerische Momentaufnahmen einer globalen Realität in steter Veränderung.
In dem Einführungstext der sommerszene-Dramaturgin Kate Mattingly findet sich die Feststellung, dass „motion“ im Begriff der „emotion“ enthalten ist. Das ist zweifellos zutreffend, entscheidend aber, welcher Schluss aus dieser Beobachtung gezogen wird. Sollte es eine wirkliche Rückkehr zu den alten Idolen der „Unmittelbarkeit“ oder dem „Erlebnis“ geben? Und wenn ja: Vollzieht sie sich in der künstlerischen Praxis oder im kuratorischen Blick auf sie? Sind das die Vorzeichen der programmatisch diagnostizierten Rückkehr von (bewegender) Bewegung in den Tanz? Die Autorin will es nicht hoffen. Und nimmt sich vor, dieser Frage in den nächsten Tagen gesondert nachzugehen.
(15.7.2008)
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