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Step mit großer Mutter

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DAS WIENER THEATERCOMBINAT POSTULIERT "TURN TERROR INTO SPORT"

Von Fred Arctor


Das düstere Maria-Theresien-Denkmal ist der geheime Omphalos der Stadt Wien. Heldenburg, Museumsquartier (die ehemaligen k.u.k. Hofstallungen), Kunst- und Naturhistorisches Museum bilden ein Kreuz, in dessen Schnittpunkt die letzte wirkliche Mutter des einstigen Kaiserreiches thront. In Erz gegossen, auf ewig flankiert von vier Reitern.

Die erstarrten Herren, deren Pferde niemals die Hufe auf dem städtischen Aspalt klingen lassen werden, verbinden sich mit einer Massenstepchoreografie, die das theatercombinat unter Claudia Bosse mit dem spritzigen Titel „turn terror into sport“ versehen und der Kaiserin zu Füßen gelegt hat. Diese jüngste Arbeit der Spitzenreiter des Wiener freien Theaters findet innerhalb der Programmation des Tanzquartier Wien statt.

Aufständische Geste

Der Titel stammt aus Shakespeares „Coriolan". Und die rund einhundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dem Steptanztheater stammen überwiegend aus Wien. Über den Dächern des Museumsquartiers rauschen eiserne Vögel in Richtung Flughafen Wien-Schwechat. Sie glitzern in den letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne. Touristen halten irritiert, verwundert oder mit gespielter Herablassung inne. Zweihundert Hufe klackern auf dem harten Boden, bilden Formationen.

Einzelne Spieler rufen Sätze in Megaphone, das Stepvolk antwortet. Dessen Kostümierung besteht aus Alltagskleidern. Sie sind du, sind ich. Das Wort „Volk" ist nicht mehr gebräuchlich, das Wort Terror dagegen schon. Bombenstimmung wird als aufständische Geste unter dem Omphalos, dem Mutter-Mal von Wien, angedeutet. Die Gesichter der Hundert sind ernst, ihre Mienen konzentriert, auch wenn sich darin die Lippen zu einem Lächeln verziehen.

Apokalyptische Reiter

Schweres Gepäck liegt auf dieser Arbeit. Massenchoreografien erinnern an Laban und Knust, die 1930er Jahre (mit dem deklarierten Busby-Berkeley-Bezug des Stücks) an den Bürgerkrieg in Wien und an den Nationalsozialismus, die Hufe an die berittene Polizei, das Denkmal an vordemokratische Herrlichkeiten. Coriolanus hatte sich gegen sein Volk gewendet. Shakespeareklassik und Brechtmoderne spielen gegen Ginger-und-Fred-Flair. Politischer Pathos in steppig-transformierter Entäußerung weht um Maria Theresia.

Da ist eine Trägheit in den Beinen der Hundertschaft, der Step wird gestemmt, die meisten der Teilnehmer sind „Laien“, eine bewußte Entscheidung. Denn es geht um eine Tragödie. Die vier Reiter bei Maria Theresia wirken apokalyptisch. Die Omphalos-Mutter blickt über sie hinweg. Auch über die Tänzer, die keine Masse bilden, sondern eine Menge im Schnittpunkt zwischen Kunst und Katastrophe, Sport und Terror.

Unmögliche Anspielung

Step ist kein explizit sportlicher Tanz. Die Unmöglichkeit dieser Anspielung und die Aporie des „turn into" im Titel verbinden sich mit den historischen Lasten des ganzen Projekts zur Tragödie, wie wir sie heute verstehen können. Nicht was dargestellt wird, sondern wie es formuliert wird, vermittelt den Inhalt. Die Implosion von Busby Berkeley zu Füßen der kalten Herrscherin, das ist die Tragödie, die das theatercombinat vorführt. Die hohlen Phrasen, die aus dem Shakespeare-Stück gestochen wurden, und die Absenz des Vergnüglichen in der Repräsentation dessen, was einmal leicht daherkam, machen passend melancholisch.

(15.9.2007)