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REFLEXIONEN EINES CHINAREISENDEN ÜBER EINEN ENDGÜLTIGEN ABSCHIED
Von Daniel Aschwanden
Reisen. Denke ich. Unterwegs, die Seele. Und es gelingt mir, dem Gedanken etwas Tröstliches abzugewinnen. Ich verstehe das als Reise. Die Zeit, die die Seele braucht, nachzukommen. Aber wohin? Morgengrauen in Peking, und die Hähne krähen, ist das nicht zum Lachen?
Du bist gegangen und ich habe die Verwunderung mitgenommen, auch Trauer. Erinnerungen. Sitzen am Flughafen, dann im Flugzeug. Transitär. Übergang, den Ort verlieren, nicht die Gegenwärtigkeit.
Ich hatte dich schon länger aus den Augen verloren, nur weiss ich jetzt, dass ich dich nicht mehr wiedersehen werde. Du erinnerst mich daran, dass es endgültige Abschiede gibt.
In:visible hast du damals vorgeschlagen als Titel fuer unsere gemeinsame Produktion. Nun fehlt der Doppelpunkt dazwischen und du hast ihn durch einen Schlusspunkt ersetzt. Drinnen in der Unsichtbarkeit nun. Letzte Konsequenz einer Kompromisslosigkeit im Spiel das du gewählt hast, oder hat es dich gewählt? Les jeux sont faits.
Ich gehe mit meinem Sohn über die Brücke. Am Geländer bleibt er stehen, blickt, zeigt mit ausgestrecktem Finger hier hinunter und dort und sagt dann: „Wenn wir da hinunter fallen, werden wir tot, und da auch und da und da und da." Dann laufen wir beide los, bis wir mit pochenden Herzen und ausser Atem am anderen Ende der Brücke ankommen. Wieder festen Boden unter den Füssen, der Abgrund nunmehr hinter uns. Du hast den unsicheren Boden vorgezogen, die Versuchung durch die Grenze. Du warst erfrischend anders – in Wien-(Seelen-Doktorstadt) mutterseelenalleine dann doch wohl.
Danke für deine Großzügigkeit.
Die Stimme eines Lumpensammlers nun. Gestern eine Handvoll uniformierter Wächter, jeder von ihnen einen großen metallenen Stern auf der Schulter tragend.
Sternenlicht für Dich. Gute Reise, Simon.
Plötzlich Stillstand. Ich verlasse den Empfang in der europäischen Botschaft. „Byebye", murmelt der Beamte am Tor. „200 Milliarden Euro hat das Handelsvolumen zwischen Europa und China nun überschritten", nehme ich mit. Von Kultur war nicht besonders viel die Rede. Nur mehr wenige bleiben zurück, während sich das Personal erfreut über die Reste des Buffets hermacht, die anderen verteilen sich vor mir schnell auf verschiedene Taxis. Ich gehe los – und merke, dass ich noch gar nicht weiss, wohin. Kein Ziel mehr und nicht wirklich darauf vorbereitet. Zögern. Langsam in eine Richtung gehen, erstmal.
Ein warmer Wind weht über die Stadt. Zum ersten Mal seit einigen Tagen ist wieder blauer Himmel zu sehen, der Nebel und die Düsternis, die er verbreitete, sind verflogen.
Halt. Falsche Richtung. Umdrehen und auf zum nahegelegenen Internetcafe. Übrigens war die Entdeckung des Tages gestern ein nichtuniformierter Westler unter all den uniformierten Hotelsklaven, welche den Auftrag hatten, die Türen der ankommenden Taxis zu öffnen.
Sanlitun. Die Bars warten auf die Nacht. Dann das Café „Bookworm". Buchhandlung, Bibliothek und Internetaccess. Bei sich bleiben. Connecten. Digital junky. Bei mir, denke ich.
Simon Frearson.
15900 einträge in 0.11 sekunden. Lässt sich in google nachlesen. Fragmente.
15900 Einträge dokumentieren dein öffentliches Leben. Können als Grundlage für Re-konstruktionen dienen. Ein digitales Portrait, zerrissen in hunderttausend Teile. Sich wiederholende, überlappende, spiegelnde Fragmente. Virtuelles Glitzern.
Ich verfolge die Spuren.
Wind weht Staubfahnen von der nahegelegenen Baustelle. Zerrt an den Bäumen, reisst Blätter, manchmal ganze Äste mit sich fort. Bewegt die Gräser in der Brache nebenan. Nur noch eine Ruine steht. Die letzte Bewohnerin, eine alte Frau, weigert sich auszuziehen. „Wallstreetjournal hat eine story gemacht, ganz groß", erzählt eine Chinesin eben ihrem Freund. So kann sie nicht einfach weggeräumt werden , die Frau samt dem Haus. Mediale Aufmerksamkeit. Von ferne parkende Feuerwehrwagen dort, ein Polizeiauto, die Türe offen. Der Neubau ist blockiert.
„Das Kurzzeitgedächtnis reguliert hier das Bauen" – mir fällt der Anfang der Rede des englischen Musikkritikers ein –, „die Chinesen haben eine abstrakte Beziehung zur Vergangenheit..." Die Direktheit seiner Aussage hat zu einem Skandal geführt.
4 Einträge im Archiv der Basis Wien, lese ich. Nebst der Wiener Tageszeitung Der Standard verkündet auch das deutsche Portal tanznetz.de in einer kurzen Mitteilung dein Ableben. „...ist nur 41 Jahre alt geworden." Kryptisch steht das so da, verdächtig in der Kürze. Kein Alter, sagt man, aber endgültig deines, wissen wir. So alt wirst du bleiben. So alt wirst du gewesen sein. Dein Herz schlägt nicht mehr. Die Summe der Einträge im Netz wird sich vielleicht noch ein letztes Mal gering erhöhen und dann langsam abnehmen.
Erinnerung.
Ich habe dich nur kurz gekannt, unsere Räume haben sich in der Arbeit überschnitten, einmalig nur, intensiv. Dementsprechend unvollständig sind meine Eindrücke von dir.
Du hast ohne Netz gearbeitet, wie die extremen Akrobaten im Zirkus, welche den freien Flug mit diesem Risiko unterstreichen. Kein ökonomisches Netz, der Adelstitel des freien Schaffens – und gleichzeitig die Vogelfreiheit. Freunde gab es ja. Du warst ein Prototyp prekarisierter Arbeit, hieltest dich, soviel ich weiss, hauptsächlich mit Styling Jobs und diversen fashionbezogenen Tätigkeiten über Wasser. Eine Art working poor in diesem gleissenden und hochrhythmisierten Business. On top of things, solange alles gut lief oder gut genug, um sich nichts anmerken zu lassen. Der rasende Rhythmus und die damit einhergehenden Gewohnheiten, die Kommunikation mit viel Alkohol und andern Beschleunigern zu intensivieren, prägten dich, und letztendlich hieltest du ihm auch nicht mehr stand. Das heisst aber nicht, dass du nicht als ruhender Pol erscheinen konntest, im Zentrum des Sturms sozusagen – freundlich und abwartend habe ich dich erlebt, nachfragend, aufmerksam, Raum schaffend mit einer Stimme, die beinahe zu tief zu klingen schien für deine eher fragile Erscheinung.
Fremdkörper in dieser Stadt...
„Der Tote, ein Student lag mitten auf der Strasse", sagt sie, eine Europäerin, die hier studiert, „und die Leute beachteten ihn gar nicht." Wer hier die Rettung anruft, muss dafür selbst bezahlen, wenn sich sonst niemand verantwortlich erklärt und derjenige, um dessentwillen sie gerufen wurde, dazu nicht im Stande ist. Ausserdem muss man Formulare ausfüllen, sich selber rechtfertigen. So gehen alle weiter und übersehen geflissentlich den Körper."
Der Körper. „Der asiatische Körper. Kurze Beine, langer Oberkörper, größere Beweglichkeit darin", postuliert Qin Qin, die Choreografin, charismatisch. Virtuoser im Oberkörper als die europäischen Körper, die in diesem eher starr sind. Ich mache Widerspruch geltend, versuche auf den Konstruktionscharakter des Körperbegriffes hinzuweisen, soviele unterschiedliche Parameter formen einen Körper. Was ist mit Transgenderkörpern wo die „natürliche" Konstruktion via Eingriff verändert wird? Was mit den "asiatischen" Körpern, die nun durch amerikanisch-westliches Fastfood und deren Genuss im Übermass ins Schwergewichtige geformt werden und die durch den Wohlstand in den Städten ebenso groß werden wie die „westlichen"?
Sollten wir den Körper nicht eher als offenes Konzept verstehen, versuchen von rassischen, ethnischen, nationalen, biologistischen Beschreibungen wegzukommen? „Gibt es eigentlich den globalen Körper", frage ich mich, „und wie sähe er aus?" Ein virtueller Körper? Ein statistisch ermittelter Durchschnittskörper? Ein genetischer Durchschnitt? Global informierte Tanzkörper habe ich einmal bei einer Aufführung des Pekinger „living dance theatre" zu sehen gemeint, in der Form von Stilen, die patchworkartig und unzusammenhängend in und auf den Körpern der Tänzerinnen und Tänzer zu leben schienen und sowohl über Globalität im Sinne der Gleichzeitigkeit von Orten und Zeiten projiziert auf einen Körper zu sprechen schienen, wie auch von der Suche nach einer eigenen Identität.
Fremdkörper. Was bringt mich dazu zu sagen, dass Du und Wien niemals wirklich kompatibel waren? Die sympatisch verzögerte Art deutsch zu sprechen mit breiten englischen Betonungen, die Du lieber nicht zur Anwendung kommen liessest? Dass du jahrelang in der Szene arbeitetest, mit deinem bekannten Hintergrund im Kontext von William Forsythe oder auch Liz King und trotzdem weder selbst besonders Wert darauf legtest, ins Wiener Fördersystem zu kommen, noch, als du es versuchtest, von diesem akzeptiert wurdest?
Ich wusste nie so genau, woher deine Konzepte kamen, allerdings warst du bestens informiert, nicht nur über Tanz und Performance, sondern auch über Mode und bildende Kunst. Auffällig war dein Widerstand gegen Verschriftlichungen, vor allem Dein Verweigern eigener Texte. Ein gewisses Misstrauen gegen Intellektualisierung, sofern sie nicht im direkten Gespräch gehandhabt wurde und augenblicklichen Widerspruch zuließ, den zu artikulieren du gegebenenfalls ohne zögern bereit warst.
„Unser kultureller Raum muss an den Markt (die Marktbedingungen) angepasst werden", sagt die Stimme des offiziellen China in Person eines Sprechers, während einer der lokalen Choreografen sagt: "Baut euren eigenen öffentlichen Raum, ihr habt nichts zu erwarten, weder vom Staat noch vom privaten Sektor!" Kennenlernen ist ein Ergebnis des IETM (informal european theatre meeting) in Peking. Ein erster wichtiger Schritt, selbst im Scheitern. Die gegenseitigen Erwartungen und Annahmen sind zu unterschiedlich, und es ist noch nicht klar, wie sie verständlicher gemacht werden können. Die vorhandenen Projekte „freier" Gruppen sind dem offiziellen China noch nicht bewusst, wenn es sie nicht überhaupt ablehnt. Die „offiziellen" chinesischen Vertreter vieler kommerzieller Aufführungspraktiken opulenter Kung Fu Opern oder Derivaten von Peking Opern stoßen auf Ablehnung bei den westlichen Veranstaltern. Es ist ein Netzwerk für „fringe", das sich hier trifft. Nächste Woche findet ein Folgetreffen in Namibia statt. Dass die Gefahr, nur die Oberfläche des jeweilig „anderen" abzugreifen groß ist, ergibt sich schon aus dem Settting. Viele Schritte müssen noch gesetzt werden. Immerhin ist erstmals das offizielle China am Tisch mit den „fringe"-Leuten gesessen – sofern deren Exponenten überhaupt anwesend waren.
Fremde Körper. Der kunst-fremde Körper. Dieser Ansatz machte unsere Welten kompatibel. Körper ohne performative Erfahrung im Kunstkontext, Amateure – das schloss die Präsenz der offensichtlich „anderen" Körper, der Menschen mit Behinderungen genauso ein. Inwieweit eine Ahnung des eigenen Fremdfühlens dich zu dieser Kooperation führte, darüber kann ich nur spekulieren.
Die lustvolle Demokratisierung des performativen Kunstwerks könnte ein möglicher Untertitel gewesen sein. Daran dachte ich, als ich deine Performance im Tanzquartier Wien, „live forever", miterlebte. Das Staunen, plötzlich nicht mehr nur als Rezipierender adressiert zu werden, sondern gleichfalls als Handelnder. In diesem Fall war damit die Ausdehnung des theatralen Raumes bis zum eigenen Körper verbunden. Die 4. Wand zurückversetzt zum eigenen Körper und weiter dahinter, zum Selbst. Die Haut als Oberfläche und gleichzeitig Grenze nunmehr nach innen und aussen... selbst Theater werden im Theater.
Simon Frearson, der bereits in seinen letzten Arbeiten eigenwillige Wege ging, setzte mit „4 Real" seinen Weg konsequent fort. Er schuf einen „Kontakt"-Raum mit zwei Videowänden (Manfred Biskup), mit Schunkelmusik sowie 25 Darstellerinnen und Darsteller, die sich durch „nichts" ausser ihrem „Eingeweihtsein" von den Zuschauenden unterscheiden, und ein paar Papierschnitzel, um eine Kontaktaufnahme zu erleichtern, sonst überließ Frearson alles dem Zufall. Jeder Abend gestaltete sich anders: einmal eine heiße Disconacht, einmal ein steifer Gesellschaftsempfang. Eine durch und durch witzige, aber interessante Studie über gruppendynamische Prozesse. (Gabriele Haselberger)
Deine Arbeitsmethode war stark intuitiv. Ein schlüssiges Konzept als Basis, dessen Ansatz in kürzester Zeit gemeinsam mit den Agierenden fertig entwickelt und umgesetzt werden konnte. Die extrem kurze Produktionszeit ergab sich sowohl aus den ökonomischen Bedingungen aller Beteiligten, in der Regel Berufstätige, aber es schien geradezu, als ob dir das nur allzu recht war.
Dieses Flüchtige machte das Momentum aus in der Übersetzung zur performativen Handlung - es garantierte die Frische, die den Performern erlaubte, ungeübt bei sich und den jeweiligen Spiel-Vorstellungen zu bleiben, ohne sich zu sehr in eine Rolle zu proben, der sie dann womöglich nur schwer gewachsen gewesen wären.
Im 10. Wiener Bezirk war Fußball, und Simon Frearson ging hin. Dem englischen Choreografen und Wahlwiener hat das Projekt „Wien umgehen" des Tanzquartier Wien den 10. Bezirk als topografische Rechercheaufgabe zugeteilt, um im darauffolgenden „Salon" darüber zu berichten. Er besuchte Lokale, in denen Fußballspiele auf den Fernsehgeräten liefen. „Ich habe das, was ich erlebt habe, mit dem Publikum aufs Neue inszeniert, und es gab in der Labor-Situation ähnliche Ergebnisse". (Der Standard)
Wirkliches Kommunikationsgenie warst du im Kontext deiner Arbeit. Mit deinem Charisma konntest Du die unglaublichsten Kontakte herstellen. Und via Fussball selbst im 10. Bezirk für kurze Zeit das Fremdsein vergessen machen. Aber auch ohne das Outing als Fussball-Fan im besten englischen Stil konntest Du eine Begeisterung vermitteln, die keine Grenzen kannte . In diesen Momenten warst Du ganz einfach berührend. Das spürten alle, und in deinen Kunstprojekten half die Begeisterungsfähigkeit den zumeist erstmalig auf der Bühne Befindlichen, die Angst vor den eigenen „minutes of fame" zu überwinden.
Privat allerdings warst Du schwer fassbar, das war, und das kann ich nur vermuten, nicht nur zwischen uns kein Thema. Eventuelle Ansätze wurden bald mit einem breiten Lachen weggewischt.
Der Bus versucht nach Xian, der 5-Millionen-Hauptstadt der Provinz Shaanxi, hineinzufahren, der Verkehr stockt. Schüsse erklingen plötzlich – oder etwas, das genauso klingt –, völlig überraschend erscheint der Umzug, angeführt von Männern, die silbernglänzende ovale Formen, eine Art überdimensionierte Baumblätter, zusätzlich mit wenigen bunten Farben geschmückt, auf Holzstangen tragen. Dann eine lange Reihe weissgekleideter Menschen mit umgebundenen weissen Stirnbändern. Im Staub und diesigen Pollutionnebel, der die ärmlichen Stadtrandarchitekturen umfängt, fügen sich die Bilder dieses Trauerzugs zu einer Szenenkomposition die aus einem Schwarzweissfilm stammen könnte, graubraun die Gesichter. Ein leerer Stuhl folgt – dann nur mehr Fassaden. Der Busfahrer biegt unvermittelt in eine Seitenstrasse ein, um den Stau zu umfahren. Noch sind die Böllerschüsse zu hören, Platz da für einen auf seinem letzten Weg!
Im Halbschlaf versuche ich den Kopf zu drehen, aber nichts ist mehr zu sehen. Ich bin in der Nacht auf einen der 5 heiligen taoistischen Berge, den Hua Shan gestiegen, um dort auf über 2000 Metern Höhe den Sonnenaufgang zu betrachten. Die Taoisten, sagt man, konnten in der Einsamkeit und verbunden mit der Natur das Elixier des ewigen Lebens finden, sich frei in Raum und Zeit bewegen. Nunmehr ist das Geheimnis des Ortes entweiht, eine Treppe, die von zuunterst bis auf den Gipfel führt, hat den Berg unterworfen, auch eine Form von Kultivierung, selbst wenn sich die Felsen beinahe senkrecht in die Höhe schwingen, folgt unablässig Tritt auf Tritt, in den Stein gehauen.
Auf diesen Tritten und neuerdings auch mittels einer Drahtseilbahn steigen höchstens durch schlechtes Wetter kurzzeitig abgehaltene Ströme von Touristen zum Gipfel empor. Dort, so will es ein zeitgenössisches Ritual, klinken sie ein Sicherheitsschloss in eine der schweren Ketten, die den Weg absichern, und werfen mit einem Glückwunsch, dem solcherart be- und eingeschlossen wohl nichts anderes übrig bleibt, als sich zu manifestieren, den Schlüssel unwiederbringlich in die Schlucht. Jetzt hängt dort auch ein Schloss mit meinem Namen und dem Datum darauf.
Massenhaft auch der Zustrom zur eigentlich geheimen Armee von Terrakottasoldaten in der gigantischen Grabanlage des 1. Kaisers der Qin-Dynastie, der erstmalig China geeinigt hatte. Eine noch größere, weltweit kommerziell organisierte Grabruhestörungsveranstaltung nun. Auf der Rückseite der Eintrittskarten wird für „Brother"-Nähmaschinen geworben. Ein großes Poster verkündet auf der „international terracotta-warrior-plaza" im Stile alter maoistischer Leitlinienverkündung, allerdings im modern geplotteten Design das Motto: „Mit altem Ruhm und Glanz neuen Wohlstand schaffen." Daneben multiplizieren sich genauso wie die Besucherzahlen die Abgüsse der Krieger in allen Formaten. One dollar, one dollar, vely cheap!
Letztmalig sind wir uns im Museumsquartier, irgendwann kurz nach Deiner letzten Performance begegnet. In dieser Arbeit hatte der sichere Instinkt, der dich sonst leitete, versagt. Vermutlich nicht so sehr auf der Ebene der Zusammenarbeit mit den spielenden Frauen als vielmehr in Bezug auf die eigene Rolle als Performer und die Komplexität des aufgegriffenen Themas. Gesundheitlich zwar angeschlagen, hast Du locker gescherzt, der Stock in deiner Hand wirkte mehr als Accessoire eines Dandies denn als Stütze. Einige Anrufe später blieben unbeantwortet, schließlich war die Nummer ungültig. Jemand meinte, Du wärest nach England gegangen. Ich habe nicht weiter nachgefragt.
Offen bleibt, inwieweit Du Dein persönliches Ziel der Sichtbar-Werdung erreichen konntest.
Eine Möglichkeit, „In:visible" zu transkribieren, wäre folgende: „In der Ausblendung spiegelt sich das Ich. ,In:visible‘". Der Doppelpunkt symbolisiert die gebrochene Linie zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in Bezug auf Raum, Person und Zeit... (Rebecca Schönsee)
Nach dem Verlust deiner Wohnung hat dich nichts mehr gehalten. Du bist zur letzten und traurigsten deiner Performances, buchstäblich nur mehr das nackte Leben mit dir tragend in den Stadtraum aufgebrochen, rebellierend gegen die Umstände, völlig fremd geworden. Es gab kein Zurück mehr. Die Flüchtigkeit der Performance fiel in diesem letzten Akt mit der Flüchtigkeit des Lebens zusammen.
P.S.: Der folgende SongText stammt aus dem Programmheft von Simon Frearsons letzter Arbeit, „unknown pleasures".
WE'RE ALL ALONE ON THE STAGE TONIGHT.
WE'VE BEEN TOLD WE'RE NOT AFRAID OF YOU.
WE KNOW ALL OUR LINES SO WELL, UH-HUH.
WE'VE SAID THEM SO MANY TIMES:
TIME AND TIME AGAIN,
LINE AND LINE AGAIN.
OOH, YEAH, YOU'RE AMAZING!
WE THINK YOU'RE INCREDIBLE.
YOU SAY WE'RE FANTASTIC,
BUT STILL WE DON'T HEAD THE BILL.
WOW! WOW! WOW! WOW! WOW! WOW! UNBELIEVABLE!
OOH, YEAH, YOU'RE AMAZING!
WE THINK YOU ARE REALLY COOL. WE'RE ALL
ALONE ON THE STAGE TONIGHT.
[Teile dieses Texts wurden als Abschiedsrede bei einer Goodbye-Party für Simon Frearson am 19. Oktober im Tanzquartier Wien vorgetragen. Anm. d. Red.]
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