STIMMEN FÜR CORPUS

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Nachdem wir bekanntgeben mussten, dass das BMUKK überraschend die Streichung seiner Mittel für corpus erklärt hat und dass diese Maßnahme einen schweren Rückschlag für unser mediales und künstlerisches Projekt bedeutet, erreichte die Redaktion eine Welle der Solidarität. Einige der Statements, die besagen, warum unsere Arbeit für den zeitgenössischen Tanz etwas bedeutet, wollen wir hier publizieren - mit einem ganz großen Danke an alle, die uns ermutigen und fördern.


Auf Facebook hat sich ohne Zutun von corpus auf KünstlerInnen-Initative eine SympathisantInnen-Gruppe gebildet, die schnell auf über 200 Mitglieder angewachsen ist. Mit ihrer Unterschrift drücken sie ihre Besorgnis auf die Streichung der Mittel des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst aus. Wir geben hier die Namen eines Teils der UnterzeichnerInnen wieder, die glauben, dass corpus wichtig ist:

Anna Achimowicz, Danjel Andersson, Andrey Andrianov, Heine Rosdal Avdal, Silke Bake, Marianne Baillot, Ewa Bankowska, David Bergé, Thomas Betz, Katharina Binder, Esther Boldt, Boglárka Börcsök, Vivien Boronyak, Brut Wien, Alain Buffard, Magdalena Chowaniec, Anna Cover, Hannah Crepaz, Madalina Dan, Lieve De Pourcq, Ugo Dehaes, Agnieszka Dmochowska, Agnieszka Doberska, Andreas Dyrdal, Lana Erosh, Tim Etchells, Andreas Fleck, Florin Flueras, Peter Fuchs, Christine Gaigg, Sigrid Gareis, Sebas Gec, Philipp Gehmacher, Helena Golab, Alexander Gottfarb, Claire Granier, Mariella Greil, Moa Hanssen-Gullberg, Satu Herrala, Radek Hewelt, Gisela Heredia, Walter Heun, Dolores Hulan, Impuls Tanz, Gilles Jobin, Krõõt Juurak, Thomas Kasebacher, Veronica Kaup-Hasler, Judit Keri, Mirjam Klebel, Michael Klien, Nathalie Koger, Bojana Kunst, Koen Kwanten, Landesbühne Berlin, Xavier Le Roy, Marlene Leberer, Elisabeth Lengheimer, Johannes Lernpeiss, Raul Maia, Johannes Maile, Florian Malzacher, Anja Manfredi, Malcolm Manning, Michikazu Matsune, Uwe Mattheiß, Andrea Maurer, Lilia Mestre, Eva Meyer-Keller, Vladimir Miller, Guillem Mont De Palol, Anna Maria Müller, Sandra Noeth, Andreea Novac, Anna Maria Nowak, Agnieszka Obuchowicz, Rasmus Ölme, Kenji Ouellet, Hanna Palme, Kirsten Patent, Jeroen Peeters, Julia Petschinka, Annette Pfefferkorn, Amanda Piña, Philippe Quesne, Ida Revolts Larsen, Cristina Rizzo, Pierre Rubio, Agnieszka Ryszkiewicz, Eszter Salamon, Benjamin Schoppmann, Johannes Schrettle, Noémie Solomon, Sabine Sonnenschein, Christa Spatt, Szene Salzburg, Esel Lorenz Seidler, Tanz Coop, Andre Turnheim, Jefta van Dinther, Lina Maria Venegas, Leonie Wahl, Elizabeth Ward, Frank Weigand, Brigitte Wilfing, Heidi Wilm, Wolv Net, Elsa Wöss, Jeremy Xido, Daniel Zimmermann, Veronika Zott (...)

Ein kuratierter Diskurs
Wofür wir, die Szene, corpus brauchen: Um die sich seit der Gründung des Tanzquartiers in der Ära Gareis etablierte theoretische Auseinandersetzung auf dem Gebiet des zeitgenössischen Tanzes nicht wieder einschlafen zu lassen. corpus ist ein kuratierter Diskurs über „the state of the art“, in den ChoreografInnen und TänzerInnen eingreifen können, sodass die Theoriebildung nicht nur den Universitäten und der professionellen Kritik überlassen bleibt. corpus stößt Reflexionen und Entwicklungen an, in die sich auch Tanzquartier, brut und WUK einschalten werden.
Christine Gaigg, Choreografin / Wien

Ein genaueres Denkbild vom Tanz
corpus: Die einzige österreichische Publikationsplattform für Tanz und Performance. Sie ist eine lokale Plattform im WorldWideWeb. Ich sehe und lese corpus, um mich national und international auf dem Laufenden zu halten und als eine Verbindung zu Österreich, wenn ich im Ausland bin. corpus könnte nebenbei auch stärker Begegnungen der Interessierten ermöglichen, nicht nur als Internet-Medium, sondern wie „The Zimmer“ bei der CPA Graz als öffentliche Präsenz. Die Möglichkeit, Kritiken von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln zu lesen, finde ich besonders anregend. Auch die längeren Artikel in corpus (obwohl sie nicht zu lang sein sollten) können ein genaueres Denkbild über den Tanz anbieten als eine Tageszeitung.
Milli Bitterli, Choreografin / Wien

Wunsch nach Einigung
Ich finde es super, immer wieder mal aktuelle Beiträge über Tanz bei Euch zu lesen, und kann es nicht verstehen, dass der geringe Förderbetrag nun gestrichen werden soll. Förderung von „realen“ Tanzprojekten sind ebenso wichtig wie die Förderung von „Foren“ oder „Kongressen/Treffen“ - um sich mit Tanz auseinander zu setzen. Sie sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden (entweder das Eine- oder das Andere). Ich wünsche Euch, dass es doch noch eine Einigung gibt - und Ihr weitermachen könnt!
Markus Hoft, Tänzer und Choreograf / Bremen

Eine Liebeserklärung an corpus
Ein Körper besteht aus vielen Teilen und ist doch ein ganzes. Er atmet, und seine Zellen erneuern sich angeblich alle sieben Jahre. Durch die Sinnesorgane ist er keine Grenze zur Welt, sondern auf durchlässige, vielfältige und geheimnisvolle Weise mit ihr verbunden. Tastend, riechend, hörend, sehend, schmeckend und spürend ist er, aufgrund dieser Wahrnehmungen, permanenter Transformation ausgesetzt, ein Körper wird geboren, und alles, was er will, ist leben, und doch ist er von Anfang an dem Verfall preisgegeben, bewegt sich mit Sicherheit auf sein nahes oder fernes Ende hin, den Tod. Stirbt und wird zu Humus, fruchtbarer Erde, aus der wieder neues Leben entstehen, wachsen kann.
corpus lebt! corpus atmet und corpus schafft geheimnisvolle Verbindungen, unerklärliche Transformationen, ein Zuhause für Künstlerinnen in Form einer wertschätzenden, ernsthaften, umsichtigen, vielfältigen und raumgebenden Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit. Darüber hinaus kreiert corpus ein Feld von Austausch und Begegnungen, sorgt also für den notwendigen, weil lebenserhaltenden Humus des künstlerischen Feldes, in dem ich bewege und als dessen Teilchen ich mich verstehe, ein kleines Teilchen unter vielen, und corpus gelingt das Kunststück, diese vielen Teilchen nicht nur sichtbar zu machen und zu verbinden, sondern darüber hinaus, sie in neue, unerwartete Zusammenhänge zu stellen. All das mag manchmal unüberschaubar erscheinen, verwirrend, weil da von Zunge, Knie und Revolver die Rede ist, und was bitte, hat das alles miteinander zu tun? Ein Teilchen findet sich wieder in einem Universum voller Chaos und Anarchie, und mit ein wenig Glück wird ein neuer Stern geboren.
Last not least: corpus ist freundlich und generiert Freundschaften. Wem das sentimental erscheint, der/die sei an den alten Anarchospruch erinnert, der gerade jetzt, wo eine Wende des Bewusstseins, in Anbetracht des katastrophalen Zustands der Welt, mehr als notwendig erscheint, eine neue Brisanz erhält: bildet euch, bildet andere, bildet Banden! Und genau dass macht corpus und deshalb ist es auch so wichtig, dass dieser Körper alle Liebe, Zuwendung und Unterstützung bekommt, die er braucht um möglichst lange seine Arbeit tun zu können, zur Bereicherung und zum Wohle von sehr Vielen. Ich bin eine von Vielen. Kunst braucht lebendige, anarchische Räume, jenseits von Institutionen und ihrem Zwang zur Repräsentation. corpus ist einer dieser Räume! Wir brauchen viele solche Räume, wir brauchen corpus!
Barbara Kraus, Performerin / Wien

Eine Frischzellenkur
Für mich als Autorin und Journalistin ist corpus die derzeit wichtigste Plattform zur Entwicklung einer Schreibkultur über Tanz und Performance. Einer engagierten und kompetenten Schreibkultur, die für eine Entwicklung und Anerkennung dieser Kunst essentiell wichtig ist. Und ich bin echt stolz darauf, ab und an für corpus zu schreiben. Man muss jetzt nicht wieder extra betonen, wie degeneriert mittlerweile die Bericht erstattenden Medien sind. Sei es Tagespresse, Radio oder Fernsehen. Tanz kommt eh kaum noch vor.
Aber die Degeneration der Medien bewirkt auch die Degeneration des Autors. Es bleibt einem oft kaum mehr übrig, als die eigens kultivierten Floskeln auf engstem Raum stetig zu wiederholen. Schlimm wird es, wenn man diese von jüngeren Autoren dann sogar noch weiter verwertet sieht. Dann geht es mit der Schreib- und letztlich Denkkultur nur noch bergab. corpus hat für mich etwas von einer Frischzellenkur. Die dort entwickelten Ideen und Formate, die angeregten Experimente im unmittelbaren Austausch zwischen Künstlern und Autoren setzen ganz neue Maßstäbe. Im deutschsprachigen Raum und jetzt auch mit internationaler Reichweite.
Eine bemerkenswerte Arbeit, die ihr mit eurem kleinen Team und so geringen Mitteln auf die Beine stellt. Es muss einfach weitergehen.
Irmela Kästner, Autorin / Hamburg

Diese Arbeit ist unersetzlich
Es gibt im deutschsprachigen Raum kein internetgestütztes Organ, das in ähnlich qualifizierter und inspirierender Art die theoretische Auseinandersetzung mit dem Tanz sucht und vorantreibt. Diese Arbeit ist unersetzlich, und es würde ein wichtiges Element in der noch jungen Disziplin der Tanzwissenschaft/essayistik wegbrechen, falls diese Plattform schließen müsste.
Frank Ottersbach für Tanzplan Deutschland, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes

Besetzung einer lange unausgefüllt gebliebenen Nische
Die Gefährdung der publizistischen Arbeit von Corpus durch die Streichung der Mittel des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) wäre ein herber Verlust für die internationale Tanzszene. Denn eine unabhängige, sorgfältige, niveauvolle, innovative, theoretisch fundierte und dennoch zugängliche Tanzkritik - wie sie corpus mit online publizierten Essays, Rezensionen, Porträts und Interviews bietet - findet weder in den Tageszeitungen noch in den Fachzeitschriften oder auf anderen Webforen für Tanz statt.
Im Jahr 2006 hatte Corpus mit seiner umfassenden Reflexion über Tanz, Choreografie und Performance eine lange unausgefüllt gebliebene Nische besetzt und sein Angebot seitdem kontinuierlich ausgebaut und verfeinert. Sollten die Mittel für 2010 nicht bewilligt werden, würde dies einen erheblichen Einschnitt für die Redaktion und einen Rückschritt in der kritischen Auseinandersetzung mit einem erweiterten Tanzbegriff bedeuten. Tänzern und Choreografen sowie Wissenschaftlern und Kritikern aus den Bereichen Tanz, Theater und Performance würde Corpus als ständiger Wegbegleiter, Prüfstein der eigenen Arbeit und Diskussionsforum fehlen.
Dr. Pirkko Husemann, Kuratorin Tanz Hebbel am Ufer, Berlin & ehemalige Corpus-Autorin

(23.3.2010)