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POLITISCHE STATEMENTS VON LEMI PONIFASIO, CABULA6 UND HOLZER+HAUSER BEI DEN WIENER FESTWOCHEN UND IM TANZQUARTIER WIEN
Von Fred Arctor
Es wäre leicht, in dem Versuch der Verknüpfung von Lemi Ponifasios Expedition „Tempest" bei den Wiener Festwochen, der Arbeitsreise „3 months ON EARTH" von cabula6 und Sabina Holzers mit Jack Hausers Reisearbeit „Live. Possession & Poetry Part 2" - beide im Tanzquartier Wien - naheliegende Floskelworte darüber zu verlieren, was „interkultureller Dialog" bedeutet. Vor allem, weil, wie während so vieler Jahrzehnte nun immer expliziter wird, dieser Dialog im Kunstfeld ein Modell für die (aber auch aus der) politische(n) Praxis bereit hält: Gemeinsam an etwas zu arbeiten verbindet.
Diese politische Praxis im Hintergrund allerdings zeigt schon in ihren Kleinformaten ernüchternde Seiten. Etwa unter simpler Berücksichtigung der Tatsache, daß sich sogar Institutionen, die durchaus ähnlichen gesellschaftlichen Anliegen folgen, mit der gegenseitigen Verständigung schwer tun - die Wiener Festwochen und das Tanzquartier zum Beispiel. Oder lokale Kunstszenen, in denen es immer wieder um Definitionspositionen und Verteilungsquerelen geht: als problematische Begleiterscheinungen von staatlichen „Subventions"-Politiken.
Wortspiele
Und die diskursive Praxis, die den Hintergrund des Hintergrundes bildet, wäre ebenfalls ein ergiebiges Feld für die Konfliktforschung. Innerhalb der Kulturwissenschaften ist man sich - nicht zu unrecht - uneins darüber, was denn „Kultur" überhaupt heißt. Welche Machtverhältnisse bereits im Begriff „Kultur" festgeschrieben sind und ob man diesen Begriff überhaupt noch so selbstverständlich verwenden kann. Angesichts der gegenwärtigen Tendenzen gegenseitiger Abgrenzung, die als Folgen von Globalisierung und Prekariat erneut prinzipielle Fragen danach, was Differenz bedeutet, aufwerfen, bohrt man ratlos in der Sprachnase. Wird demnach Schokolade wirklich weniger gegessen, wenn man sie „Popel" nennt?
Bis wir das herausgefunden haben, überlassen wir doch besser den Kulturen, die nach dem europäischen Kolonialismus nun auch noch mit den anbiedernden Kolonialismen postkolonialer Konjunkturritter zu tun haben, den Gebrauch des Begriffs, mit dessen Hilfe sie sich gegen die alten und neuen, paläo- und neoliberalen Kolonialismen wehren können, nach eigenem Ermessen. Und wenden uns weniger simplifizierend offenkundigeren Problembereichen zu.
Neuseeland
Wie etwa Lemi Ponifasio, cabula6 und Holzer+Hauser. Nach „Requiem" bei „New Crowned Hope" im Mozartjahr 2006 zeigte Ponifasio nun mit „Tempest" eine weitere Arbeit in Wien, die sich mit dem Kampf der Maori gegen die kolonialistische Hegemonie der Europäer in Neuseeland befaßt. Es geht um Gleichberechtigung, um die Rückgabe gestohlener Werte und um die realistische Verteilung kultureller Existenzräume. Mit hineingemischt ist auch ein Prolog, in dem der aktuelle Diskurs über den Islamismus und die Abwehrreaktionen des Westens dagegen aufgegriffen werden. Ponifasio paßt seine Ästhetik dem zeitgenössischen europäischen Formenkanon an, fügt seine Arbeit in eine westliche Black Box und repräsentiert eine traditionelle Kultur mit modernen Bühnenmitteln. Wie ja auch der sehr traditionsbewußte Islamismus das Internet nutzt, um seine Kommunikationsarbeit effizient abzuwickeln.
Ein Medium also, das der jüngste Sproß jenes westlichen Infotainment ist, dem Differenzierungen prinzipiell gegen den Strich gehen. Nur schwer ist in der Desinformation der täglichen Nachrichten auszumachen, was nun islamisch, was islamistisch und was militaristisch islamistisch sei. Ponifasio zeigt, daß Guantánamo überall sein kann, zum Beispiel auch in Neuseeland. Und daß dieses Guantánamo direkt mit der Brutalität des Kolonialismus in Zusammenhang steht. „Tempest" ist eine verspielte Arbeit, mit Tanz, Monolog und viel Atmosphäre. Schmiegsam und sperrig zugleich. Kein biederes Weltverständigungsspektakel, aber auch nicht frei von folkloristischer Sentimentalität. Angesprochen wird das europäische Publikum. Diesem bietet Ponifasio nicht Kontext an, sondern Konsequenz. Dabei läßt er seinen Zuschauern viel Raum, sodaß sie auch ihre exotistischen Phantasien ein wenig ausleben können.
Chile
Dem Europäer ist der Maori ein Alien. Das ist nicht weiter besonders, denn dem Europäer ist ja auch der jeweils andere Europäer ein Alien. Und wir schwanken zwischen dem schnuckeligen „E.T." (oder „Alf") und dem weniger putzigen Monster aus „Alien", hin- und hergerissen zwischen Empathie und Entsetzen - das „Fremde" ist offenbar Produkt unserer eigenen Verfaßtheit. So gesehen schreibt sich die Geschichte des Kolonialismus als eine der expansiven Schwäche, des aggressiven Versagens und einer bodenlosen Primitivität in zu revidierende Annalen ein. Die Gegenwart der Globalisierung muß also als eine der engstirnigen Inkompetenz, fataler Mißwirtschaft - und wieder einer grenzenlosen Barbarei bezeichnet werden. Die dazugehörige Scham ist zwar öffentlich sichtbar, aber sie erweist sich nur dort als unverdächtig, wo sie nicht in Selbstzerfleischung erstarrt.
Ponifasios Statement kommt wie aus einem Reisekoffer, den er vor unseren Augen auspackt. Viele der dabei zum Vorschein gelangenden Elemente erscheinen unverständlich. Sie halsen dem Publikum Arbeit auf - Arbeit an sich selbst, gegen das Barbarische, gegen die eigene Inkompetenz und Eingegrenztheit. Die eigentliche Expedition beginnt nach der Rezeption dieses Werks. Manchen Leuten aus dem Westen ist diese Arbeit auch ein Anliegen, wenn sie keinen solchen Anstoß von außen bekommen. Die Ergebnisse können so erhellend sein wie die von Claudia Heu & Jeremy Xido, die ihr Publikum auf eine Busfahrt zu einem besonderen „Macondo" (in Referenz zu Gabriel Garcia Marquez' Roman „Hundert Jahre Einsamkeit") mitnahmen: zu einem der Öffentlichkeit eher unbekannten Ort, an dem die chilenische Gemeinde Wiens lebt. Zu Musik, Essen, Trinken, einer Führung, einigen Videos und zu den Menschen, für die es ein Vergnügen ist, Gastgeber für jene zu sein, die von diesen Gästen in ihrem Land keine Ahnung hatten. „3 months ON EARTH", zusammen mit der Choreografin Zoe Knights, der Römerquelle-Stipendiatin im Tanzquartier Amanda Piña, dem Tänzer Mani Obeya und anderen konzipiert und umgesetzt, ist eine schöne, zuversichtliche und augenöffnende Arbeit, in der statt des erhobenen Fingers die Geste der Einladung den Ton angibt.
Marokko
Dem verwandt ist „Live. Possession & Poetry Part 2", ein Reisebericht, in dem Sabina Holzer, Jack Hauser mit der Gruppe Machfeld und dem Musiker Martin Siewert ihre Gäste in die Geheimnisse der Fiktionautik einweihen. Erzählte und gespielte Geschichten, eine mitgebrachte popkulturelle Matrix aus Phantasien, die sich in Spanien und Marokko den Phantasmagorien des Tourismus und der Abwesenheit derselben gleichermaßen anpassen. Performance, Kino, Tanz und (T-)Rauminstallation fügen sich leicht ineinander. Reisen wird hier als überreiches produktives Erlebnis vorgestellt, das kein Souvenir braucht (und es auch nicht verteufelt) und in dem nichts entwendet und nichts aufgedrängt wird. Harmlos oder abgehoben sind diese Reise und ihre Live-Erzählung nicht. Denn sie stehen vor dem Hintergrund von Grenzziehungen und Verfolgungen. Und Sabina Holzers fabelhaftes Capoeira-Solo als Fântomette in black in einem flimmernden Machfeld-Projektionsambiente, das den gesamten Performanceraum in das Innere eines Ufos verwandelt, ist vor diesem Hintergrund alles andere als heimelig.
Wie Ponifasios „Requiem" bei „New Crowned Hope“ schließen auch „3 months ON EARTH" und „Live. Possession & Poetry Part 2" gemeinsames Essen und Trinken mit dem Publikum mit ein. So distanzieren sich diese Künstler von den spartanischen Appellen einer über Schocksignale gefunkten Zwangserleuchtungs-Aufklärung. Statt dessen nutzen sie Strategien des Einleuchtens, lassen Gebärden des Missionarischen sein und machen eben dadurch den Blick frei für eine neue Lektüre dessen, was wir als „Welt" zur Verfügung haben.
(17.05.2007)
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