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„Stop this nonsense“

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GREGG BORDOWITZ & PAUL CHAN: "THE HISTORY OF SEXUALITY VOLUME ONE BY MICHEL FOUCAULT: AN OPERA" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Astrid Peterle




Der Name Foucault zieht beim Wiener Kunstpublikum. Ob es nun tatsächlich der Name eines der einflussreichsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts war, das ausführende All-Stars-Ensemble der Wiener Performance-Szene oder das Faktum der Eröffnung der Tanzquartier-Saison und der gemeinsamen Kuratierung mit dem Wiener Mumok Push and Pull: Der ausverkaufte Saal harrte auf jeden Fall gespannt der Welturaufführung der Oper von Gregg Bordowitz und Paul Chan – und wurde schließlich ästhetisch ratlos entlassen.

Bordowitz, US-amerikanischer Filmemacher und Theoretiker, ist in Wien vor allem als (ehemaliger) Professor an der Akademie der Künste und als Aids-Aktivist der ersten Stunde bekannt. Von ihm stammt das Libretto zur Oper und die Erkenntnis: „An opera based on philosophy books is ridiculous“. Dennoch wählte Bordowitz das Singspiel-Format, denn es biete einen „emotional way to experience ideas“. Das Libretto ist gemäß dieser Annahme ein Sammelsurium aus Foucaults wichtigsten Thesen und biografischen Verweisen auf Foucaults Homosexualität, politischen Aktivismus und Aids-Erkrankung. Neben Foucault (stimmkräftig verkörpert von Fuckhead-Mastermind Dietmar Bruckmayr) treten Figuren, die bedeutende Aspekte seines Lebens und Denkens personifizieren, auf: ein junger, schalkhafter Mann namens Ephebe (Moravia Naranjo), das Objekt der Liebe und Lust; der COP und der Papst als Säulen der „Pastoralmacht“, als Sinnbilder des Zwangs zur Beichte und zur Rechenschaft (Siegmar Aigner und Alexander Braunshör). Als Foucaults ewiger theoretischer Reibebaum und Übervater der von Foucault kritisch hinterfragten Psychoanalyse tritt Freud als Tattergreis auf (der Star des Abends: Mara Mattuschka).

Klebstoff der Eighties

In einer schwer nach Achtzigerjahre-Neon-Farben anmutenden Bühne und trashigen Kostümen (Originalentwürfe von Paul Chan) entfaltet sich die Oper ohne musikalische Untermalung und ohne besondere dramaturgische Höhepunkte, mit Ausnahme des Auftritts eines „mediocre college teacher“ (Gregg Bordowitz), der die Huldigung Foucaults in sämtlichen globalen Ecken und Winkeln der zeitgenössischen Geistes- und Kulturwissenschaften ironisch auf die Spitze treibt.

Bordowitz’ Oper ist stark von einer spezifischen US-amerikanischen Performance-Tradition, die sich in den 1980er-Jahren im New Yorker East Village entwickelte, geprägt. Diese hierorts eher ungewohnte Ästhetik stürzte das lokale Performance-Publikum, dessen Rezeptionsgewohnheiten in den letzten Jahren doch eher von einer minimalistischen, dekonstruktivistischen, post-dramatischen Ästhetik geprägt wurde, in eine gewisse Ratlosigkeit. Es sei dahingestellt, ob diese Oper vermag, die einflussreichen Gedanken Foucaults jenem Publikum, das sich noch nie mit seinen Texten auseinandergesetzt hat, emotional oder geistig näher zu bringen. Mit etwas Fantasie könnte man die Oper aber als Persiflage auf das Überengagement jener KünstlerInnen lesen, die ihre Arbeiten unbedingt mit Verweisen auf theoretische Säulenheilige wie Foucault unterfüttern wollen. Wie sagte es der Opern-Foucault so schön: „Stop this nonsense, release me from discourse“.


(8.10.2010)