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ALICE CHAUCHAT UND FRÉDÉRIC GIES BEI TANZ IM AUGUST 2007
Von Pirkko Husemann
Bei jedem guten Rockkonzert gibt es eine Vorgruppe. So hatte etwa Madonna bei ihrer „Like a Virgin“-Tour 1985 die Beastie Boys im Gepäck. Obwohl das Einheizen vor dem Beginn des eigentlichen Programms ein undankbarer Job ist, hat dieses Prinzip schon manchen Nachwuchskünstlern zum Durchbruch verholfen. Auch die Beastie Boys wurden damals noch ausgebuht, kurze Zeit später waren sie weltweit bekannt. Zwar gelten in der Tanzszene andere Gesetze, dennoch verfolgt das in Berlin verankerte Kollektiv „praticable“ eine vergleichbare Strategie. Die fünfköpfige Gruppe präsentiert ihre Produktionen im Doppelpack, wobei einer abendfüllenden Choreographie stets der Auszug aus einem anderen Stück vorangestellt wird. Beim Festival Tanz made in Berlin im Dezember 2006 zeigte Alice Chauchat eine kurze Choreographie mit dem Titel „marvel“ und Frédéric Gies folgte mit seinem Solo „Dance“.
Ein knappes Dreivierteljahr später kehrten beide mit neuen Versionen derselben Stücke an dieselbe Spielstätte - das Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg - zurück. Diesmal drehten die beiden den Spieß jedoch um. Im Hauptprogramm wurde eine Langfassung des mittlerweile in „The Breast Piece“ umbenannten Solos von Chauchat gezeigt. Gies wiederum hatte sein Solo zu einem kurzen Trio mit Frédéric de Carlo und Odile Seitz (neben Isabelle Schad zwei weitere Mitglieder von „praticable“) komprimiert. Rein äußerlich passen die beiden Stücke kaum zusammen: Gies, Carlo und Seitz arbeiten sich durch unterschiedliche Bewegungsqualitäten, während Chauchat demonstriert, was sie alles mit ihren nackten Brüsten anstellen kann. Dennoch sind beide Produktionen durch eine gemeinsam geteilte Arbeitsweise miteinander verbunden.
Aktivierung von Gewebe und Flüssigkeit
Die Grundidee des Arbeitskollektivs „praticable“ beruht auf einer horizontalen Arbeitsstruktur, d.h. im Unterschied zu herkömmlichen Kompanien gibt es weder einen verantwortlich zeichnenden Choreographen noch ausführende Tänzer. Vielmehr sind alle Beteiligten sowohl Tänzer als auch Choreographen und Dramaturgen. Jeder arbeitet also sozusagen in unterschiedlichen Konstellationen mit jedem. Dabei sind die Ausgangsfragen für alle unter dem Label „praticable“ firmierenden Produktionen gleich. Eine davon lautet: „Wie leitet eine bestimmte Körperpraktik eine bestimmte Darstellungsform her und wie wird eine Form und Methode einer charakteristischen choreographischen Ausdrucksweise festgelegt?“ Außerdem wird ein gemeinsames Körpertraining betrieben, das stark durch das Body-Mind Centering (BMC) geprägt ist.
Tatsächlich kann man dies beiden Stücken ansehen. Die in dem Trio „Dance“ präsentierten Bewegungsqualitäten werden offensichtlich nicht über eine äußere Form oder eine bestimmte Tanztechnik produziert, sondern - und das ist charakteristisch für BMC - durch die Aktivierung kleinster und feinster Körperstrukturen wie etwa Bindegewebe oder Flüssigkeiten initiiert. Das bringt wiederum bestimmte Geschwindigkeiten und Raumorientierungen hervor, die unterschiedliche Korrespondenzen der Tänzer untereinander zur Folge haben. Ganz ähnlich verhält es sich mit Chauchats „Breast Piece“, das mit einer minimalistischen Studie über die Ursache der Bewegungen der weiblichen Brust beginnt. Zunächst ist es nur der Atem, dann die Brustmuskulatur und schließlich der gesamte Brustkorb, der ihre Brüste zur Musik des französischen Komponisten Ernest Chausson tanzen lässt.
Zur Brust genommener Körper
Diese Bewegungen wirken sich auf den Rest des Körpers aus, so dass Chauchat vom Tanz ihrer Brüste gewissermaßen in Bewegung gesetzt und durch den Raum getragen wird. Dabei durchläuft sie in slow motion zahlreiche Posen, die mal an eine Marmor-Skulptur und mal an die Körperinszenierungen einer Leni Riefenstahl denken lassen. An diese verblüffende Bewegungstudie hängte Chauchat nun für die abendfüllende Fassung einen zweiten Teil an, in dem sich ihre Brüste samt des daran hängenden Körpers verselbständigen. Wie durch einen unerklärlichen Mechanismus getrieben, wird sie von rhythmischen Schwüngen, Drehungen und Krümmungen durchlaufen. Schließlich tanzt sich Chauchat zu den Klängen von Janis Joplins lasziv-verbrauchter Stimme in einen seltsam anmutenden Ausnahmezustand.
So ist es tatsächlich eine Körperpraktik, die zu einem Fokus auf einen bestimmten Körperteil, somit auch zu einer choreographischen Methode und schließlich zu einer tänzerischen Form geführt hat. Die „Verlängerung“ von „marvel“ zum „Breast Piece“ wäre hierfür allerdings nicht unbedingt nötig gewesen. Die Faszination der Kurzfassung besteht darin, dass man durch die Fixierung auf die Brüste den Körper nach einer Weile nur noch als Anhängsel betrachtet. Das mutierende Ausufern der Choreographie im „Breast Piece" hingegen rückt Chauchats gesamte Präsenz wieder in den Blick. Damit ist der Zauber des ersten Teils dahin. Am Ende fragt man sich etwas irritiert, wie das alles geschehen konnte. Wie kann es passieren, dass man sogar als Frau so bedingungslos von dem weiblichen Körperteil absorbiert und dann wieder auf die dazugehörige Person zurückgeworfen wird. Heißt es nicht immer, man gucke zuerst aufs Gesicht?
(2.9.2007)
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