Studios Kabako

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ZEITGENÖSSISCHER TANZ AUS KINSHASA - KRITISCHE ANMERKUNGEN

Von Judith Helmer


Mit einem langen und schwierigen Abend verabschiedete sich die Sommerszene 2008. Drei Stücke der Studios Kabako, dem einzigen Zentrum für zeitgenössischen Tanz im Kongo, wurden im republic gezeigt. Seit 2001 existieren die von Faustin Linyekula gegründeten Studios, und mittlerweile zeigen sie ihre Stücke auf renommierten Tanzfestivals in Europa und den USA.

Der Choreograf Papy Ebotani hat vier Tage lang mit neun in Österreich lebenden Migranten aus dem Kongo am „Parlemet Debout“ gearbeitet. Gemeinsam stehen sie auf der Bühne, doch ihre Aktionen finden kaum zusammen. Ebotani tanzt expressive Soli, während die Migranten als Gruppe agieren und den Raum mit ihrer starken Präsenz für sich einnehmen wie einen belebten Marktplatz. Zeitungen sind das verbindende Element der beiden Sphären. Ebotani legt sie als seinen Tanzboden aus, er zerknüllt und sammelt sie. Die Exilkongolesen verwenden sie konventioneller: sie lesen darin. Zuerst an einer Wandzeitung, doch dann wird diese zur Bank umfunktioniert, und jeder schlägt sein eigenes Blatt auf. Auch im übertragenen Sinn, stellt sich doch jeder Einzelne dem Publikum mit Namen vor. Dann beginnt das Bürgerparlament zu debattieren. Hier geht es nicht um Verständigung, sondern um Lautstärke. Aufgeregt wird über Missstände im eigenen Land gestritten und auch der dazu aufgeforderte Zuschauer kann nicht weiterhelfen. Ein amerikanisches Liebeslied, in Endlosschleife vorgetragen von einer jungen Kongolesin, beruhigt die Debatte und beendet das erste Stück, das durch seine mit sehr viel Spannung agierenden Spieler getragen wurde.

Was ist das? 

Djodjo Kazadi hat in seinem Solo „Castrations“ so viel zu sagen, dass man ihn kaum noch versteht. Ausgehend von Beckett-Zitaten, die das Vorwärtsgehen hinterfragen („Was ist das, vorwärts?“ und „Was ist das, gehen?“) und die Verzweiflung über die eigene Situation thematisieren, beginnt Kazadis Solo im Rückwärtsgang. Mit offenem Mund wie stumm schreiend kämpft sich der Tänzer durch ein Kinderspiel. Auf den Boden schreibt er geografische Namen von Kongoregionen in die Felder eines Hüpfspiels, an dessen Ende ein Türrahmen steht, der ihn zu seiner Großmutter führt, wie er schlussendlich erklärt. Erst hier hat man als Zuschauer einen narrativen Anker zu all den expressiven Aktionen. Wer noch das Programmheft studiert, erfährt, dass Kazadis Großmutter die Tochter einer europäischen Mutter und eines afrikanischen Vaters ist und von beiden Seiten nicht akzeptiert wurde. Ein Schicksal in den Zeiten der Dekolonianisierung um 1960.

Der dritte Teil, das Trio „Résonance“ von Ebotani mit Kazadi und Didier Ediho, verzichtet auf  explizite Narration. Das Programmbuch ist auch hier hilfreich: die Straßen Kinshasas mit ihren drängenden Menschenmassen waren der Ausgangspunkt für die Choreografie. Stilisitisch finden wir uns in einem traditionellen (post)modernen Tanz wieder, mit seinen Kontaktimprovisationen, Hebefiguren oder synchronen Bewegungsabläufen. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass die Studios Kabako auch ein Ort der Ausblidung und des Austausches sind. Belgische und französische Künstler unterrichteten in Kinshasa, und ihr erworbenes Wissen geben die kongolesischen Tänzer wiederum weiter. In Afrika werde besonders dieses Stück als sehr europäisch geprägt wahrgenommen erzählt Kazadi im Anschluss, und man kann das gut nachvollziehen. Ihre Wurzeln liegen aber immer im afrikanischen Tanz, meint der Choreograf.

Kopie und Verbindung 

Als Zuschauer der Stücke der Studios Kabako wird man so auch Zeuge eines Prozesses der Überlieferung und Aneignung. Die Inhalte der Arbeiten hängen oft eng mit der Lebenswelt der Künstler zusammen, die Ästhetik dagegen wirkt deutlich beeinflusst von einer westlichen Tanztradition, mit der die Kongolesen mehr und weniger erfolgreich ihre eigenen Inhalte ausdrücken. Von daher droht permanent das Abrutschen in leere Tanzphrasen, wenn der Austausch zur Kopie wird, statt, wie in den guten Momenten, Kulturen zu verbinden. So ist man als Zuschauer dieses Abends gefangen in der ganzen Problematik des Aufeinandertreffens zweier Kulturkreise, von Aneignung und der Schwierigkeit des Brückenschlags. Es wird spannend sein mitzuverfolgen, wie sich Ebotani und Kazadi in ihrer Tanzsprache weiter entwickeln, ob sie sich von der Tradition lösen werden und individuellere Sprachen finden.


(21.7.2008)