AGATA MASZKIEWICZ MIT "DON KIEWICZ UND SANCHO WANIEC" IM WIENER BRUT
Von Helmut Ploebst
Diese Tänzerinnen stellen sich auf einer Baustelle als Arbeiterinnen her. Und sie kleben innig auf den Figuren des edlen Ritters Don Quijote und seines Knappen Sancho Pansa aus Miguel de Cervantes’ Roman „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ (1605/1615). Agata Maszkiewicz und Magdalena Chowaniec als Don Kiewicz & Sancho Waniec rittern – zuletzt im Wiener brut Künstlerhaus – mit äußerster Tapfer- und Symbolhaftigkeit im Schatten der Windmühlen eines erschreckenden Systems.
Dieses System wird hier als Baustelle repräsentiert, eine hochaufgeladene Männerdomäne im Sinn einer oft ausbeuterischen Industrie, die Wohnung und Verkehr ermöglicht und die ihre Beschäftigten straff, hierarchisch und funktional organisiert. Diese Funktionalität charakterisiert den Bau. Und daran docken Don Kiewicz und Sancho Waniec an. Zu sehen sind nur die beiden Arbeiterinnen, wie sie aus den sicheren Abläufen in deviante Handlungsmuster geraten, die ein Fertigstellen des in Angriff genommenen Hauses unmöglich machen.
Auf den ersten Blick erinnern die Aktivitäten der beiden an das Werken von Stan Laurel und Oliver Hardy in deren Film „The Finishing Touch“ (dt. „Das unfertige Fertighaus“) von 1928. Darin besteht das Vergnügen für die Zuschauer zu sehen, wie Stan und Ollie an den logischen Abläufen des Handwerklichen scheitern. Doch Maszkiewicz und Chowaniec zielen nicht auf Slapstick und nur nebenbei auf Humor ab. Systematisch deuten sie das erlösende Komische an, aber nur, um es immer wieder zu unterlaufen.
Der Ritter im Ballett
Daher lädt dieses Stück der jungen, aus Polen stammenden Choreografin Maszkiewicz mit dem Titel Don Kiewicz & Sancho Waniec dazu ein, auch andere Perspektivierungen zu versuchen. Hier wird das über die Muster zweier Texte geschehen, die ich für die Wiener Tageszeitung Der Standard geschrieben habe: eine Besprechung von Marius Petipas Don Quixote (1869) in der Neubearbeitung von Rudolf Nurejew (1966) vom März 2011 und eine Kritik zu Don Kiewicz & Sancho Waniec kurz nach der Wiener Aufführung am 14. Dezember desselben Jahres.
Perspektive Petipa / Nurejew: Folgende drei Elemente sind in dem romantischen Ballett von Bedeutung. Erst Dulcinea, die ideale Frau. Zitat: „Schon zu Beginn erscheint dem Helden seine Fantasiegeliebte Dulcinea, geisterhaft von einem Schleier bedeckt. Später hält Don Quixote die Tochter eines Beislwirts für die Inkarnation dieses Ideals.“ Der Don ist, zweitens, wie alle Erleuchteten, verblendet. Im Ballett wird ein Puppenspiel auf einem Schaustellerwagen aufgeführt, das ihm die Situation eines bedrohten Liebespaars – Kitri und Basil – vor Augen führen soll. Doch er verwechselt „dieses Schauspiel mit der Wirklichkeit und attackiert den Theaterwagen: Ausgerechnet das Öffnen des Vorhangs verschleiert ihm die Realität des Spiels“ als solchem. Don Quixote hält die Marionetten-Heldin für seine Dulcinea, die er in Gefahr wähnt. Also greift er an.
Schließlich tritt, drittens, die Nymphe als entscheidende Diskursfigur auf den Plan. Wiederum ein Zitat: „Als verschleierte Puppe erscheint ihm Dulcinea, die sich im Weiteren – entschleiert – als eine Dryade entpuppt. Aus der ersten Täuschung schält sich also eine Weitere. Darin tanzt keck ein Amor mit einer Gruppe schöner Dryaden, die Baumnymphen sind, wie sie etwa in John Miltons ,Paradise Lost’ aufscheinen oder bei Sylvia Plath als Repräsentantinnen der Natur. Diese Szene ist entscheidend: In dem Stück kommen weder Bäume vor, noch ist nennenswert sonstige Natur im Spiel, während der Don seinem Glück nachjagt. Die Dryaden sind also verkleidete Mänaden, im klassischen Stoff ,rasend‘ tanzende Bacchantinnen, die dem delirierenden Quixote eine Lust vorspiegeln, wie sie auch das Publikum dann im letzten Akt des Balletts mit einem ordentlichen Happy End zugespielt bekommt. Mit Georges Didi-Hubermans großartigem Buch „Ninfa moderna’ gelesen, zelebriert Nurejew hier in aller bürgerlichen Romantik die Nymphe vor ihrem Fall. Er umschifft folgerichtig den modernistischen Skandal der bei Vaslav Nijinskys Nachmittag eines Fauns (1912) durch einen Schleier repräsentierten und geschändeten Nymphe. Der Schein siegt, und alle sind glücklich.“
Seilakt der ’Pataphysik
Nichts im Stück weist darauf hin, dass sich Maszkiewicz in Don Kiewicz & Sancho Waniec auf Petipa / Nurejew bezogen haben könnte. Doch das Don Quijote-Thema zieht einen starken Faden durch die Tanzgeschichte. Die beiden für das Ballettstück grundlegenden Kapitel in Cervantes’ Roman – in dem ja auch getanzt wird – wurden 1740 von Franz Hilverding erstmals für den Tanz adaptiert. Seither reihen sich verschiedene Versionen und Adaptionen von Jean-Georges Noverre (1768) bis zu Balanchine (1965), Nurejew und Baryschnikow (1980). Ein starkes Ballett-Referenzfeld also, dem Maszkiewcz nun den Don Quijote entreißt. Sie tut das unter der Bedingung eines mehrfachen Transfers – der Identität der beiden Protagonisten, ihres Geschlechts, des gesellschaftlichen Kontexts und des narrativen Gerüsts –, und das ist eine heikle Operation.
Eingeleitet wird das Stück Don Kiewicz & Sancho Waniec von einem Video, das Maszkiewicz in einem Plattenbau zeigt. Es ist Winter. Die junge Frau verlässt eine Wohnung, einen Rollkoffer hat sie dabei, verwandelt sich in Don Quijote mit Blechrüstung, zieht durch ein unheimlich düsteres Einkaufszentrum und attackiert auf einem schneebedeckten Feld scheppernd eine Gruppe von pflockförmigen Skulpturen. Ein Hybrid aus verkleideter Nymphe und gerüstetem Helden scheitert an den banalen, unbarmherzigen Bedingungen seiner Umgebung. Abblende, die Liveperformance beginnt.
Perspektive ’Pataphysik: Was in dieser Liveperformance von den beiden Figuren in Bauarbeiter-Outfit angestellt wird, trägt eindeutige Züge ’pataphysischer Aktivitäten. Zitat aus meiner Besprechung: „Aus Werk- und sonstigem Zeug entstehen absurde Kombinationen. Umständlich werden Scheibtruhe, Leiter und Rodel [eine Lastkarre, Anm.d.A.] mit Seilen so verbunden, dass die Leiter in der Luft baumelt und die Rodel in komplizierten Manövern auf die Scheibtruhe verladen wird. Bei dieser Aktion verwandelt sich die berühmte Marionette des Heinrich von Kleist (siehe ,Über das Marionettentheater‘ von 1810) zur planlos baumelnden Tänzerin von ,natürlicher Grazie‘. Und die Mischmaschine wird, mit Steinen und Streusplitt gefüllt, zur lärmenden Musikerin, die zwei in sie gesteckte Wasserleitungsröhren zum Tanzen bringt.“
Die Mischmaschine erinnert an Maszkiewicz’ Installation Snowflakes von 2008, in der eine Waschmaschine zur Musik des Balletts Der Nussknacker auf einem Podest tanzt. Eine Waschmaschine ist auch Teil des Stücks Poetry and Savagery (1998) der portugiesischen Choreografin Vera Mantero. Die rotierende Trommel und die sich drehende Birne des Baugeräts sind also gleichermaßen Symbole für Vermischungen und Verwandlungen, die ja immerhin prägende Eigenschaften der postmodernen Choreografie darstellen.
Die großen Versprechungen
So tritt die verschleierte Puppe der Dulcinea bei Don Kiewicz & Sancho Waniec als nackte Leiter auf. Aus den Dryaden-Mänaden sind Objekte geworden, wie sie auf jeder Baustelle benutzt werden. Die Fäden des Marionettenspiels haben sich zu Seilen verdickt, die Verbindungen schaffen für ein ’pataphysisches Puppentheater. Die Textpassagen in Maszkiewicz’ Arbeit verfahren ähnlich mit gesellschaftskritischem Diskurs. Don Kiewicz macht riskante Versprechungen, und Sancho Waniec interpretiert sie, zweifelt sie aber auch an:
Waniec: Kiewicz, I hope you won't forget about the coffee that you have promised me Kiewicz: Don't worry Waniec my dear friend you must know that in chivalry times it was very much in fashion for a knight to give his squire some coffee. But it might very well be that if we succeed in our adventure I will give you an orange mocca frappuccino whenever you like W: In that case if I can get an orange mocca frappuccino whenever I like it means there will be starbuck's on every corner of the world. K: Well, who doubts it?
W: I doubt it... But I hope you won't forget about this alcohol that you have promised me K: Don't worry Waniec my dear friend you must know that in chivalry times it was very much in fashion for a knight to give his squire some shots of vodka. But it might very well be that if we succeed in our adventure I will give you, I will give you the finest Polish vodka straight from the freezer whenever you like W: In that case if I can get ice cold vodka whenever I like it means there will be a Polish factory in the african desert. K: Well, who doubts it?
W: I doubt it... But I hope you won't forget about the island on the pacific ocean that you have promised me K: Don't worry Waniec my dear friend you must know that in chivalry times it was very much in fashion for a knight to give his squire exotic islands But it might very well be that if we succeed in our adventure I will give you whole America whenever you like W: In that case if I become the president of the United States it means I will be able to reform the national health system. K: Well, who doubts it?
W: I doubt it... But what about the therapy against my war trauma that you have promised me K: Don't worry Waniec my dear friend you must know that in chivalry times it was very much in fashion for a knight to give his squire some therapeutic massage But it might very well be that if we succeed in our adventure I will give you an erotic treatment whenever you like W: In that case if I can get an erotic treatment from you, It means I could actually get it from every single person living on our lands K: Well, who doubts it?
W: I doubt it... But I hope you won't forget about a bondage technique practiced in Iraq you promised to show me. K: Don't worry Waniec you must know that in chivalry times it was very much in fashion for a knight to thigh up the squires. But it might very well be that if we succeed in our adventure I will spank you with a leather whip whenever I like W: In that case if you will spank me whenever you like, it means I will be able to hit and fuck anyone whenever I like. K: Well, who doubts it?
W: I doubt it... But I hope you won't forget about staying together until death will do us part? K: Don't worry Waniec my dear friend you must know that in old good days it was very much in fashion to stay together until the end. But it might very well be that we might not only stay together but we we will love each other until death will do us apart W: In that case if we are to love each other for ever it means that all the people will get along and respect each other. K: Well, who doubts it?
Zweifelhaft ist also der große Anspruch. Das Versprechen edlen Rittertums aus den einschlägigen Romanen, die den Verstand von Don Quijote überilluminiert haben, verbindet sich mit den luzide-überschwänglichen Ankündigungen des Don Kiewicz zu einer traurigen Gestalt: jener der Unerreichbarkeit dieser Welt für Idealisten und alle, die Fiktion mit Realität verwechseln (wozu das Spektakel seine Konsumenten mit allen Mitteln erzieht).
Das Spiel, das Maszkiewicz und Chowaniec spielen, ist ein doppeltes: Als Bauarbeiterinnen verkleidet geben sie Wiedergänger der beiden Cervantesfiguren, und als ’pataphysische Puppenspielerinnen spielen sie mit den Fiktionen von sinnvoller Arbeit. Der Rekurs auf die Ritterzeiten, die Rüstung (des Don) und die Ausrüstung der Bauarbeiterinnen, die rotierende Mischmaschine und die berühmt gewordenen Windmühlenflügel – der Witz in Don Kiewicz & Sancho Waniec liegt in der Herstellung einer Situation, die gefährlich nah an jene Einbildungen herankommt, mit denen wir Westler uns glauben machen, dass wir uns gegen die Riesen und Heere auflehnen, die unsere Gesellschaften zu vernichten drohen. In Wirklichkeit galoppieren wir aber hauptsächlich auf Halluzinationen zu, während wir uns verzweifelt an unsere diskursiven Eigenheim-Rosinanten klammern.
(29.12.2011)
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