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"REPEATER" VON MARTIN NACHBAR IN DEN BERLINER SOPHIENSAELEN
Von Pirkko Husemann
Je älter man wird, desto häufiger entdeckt man an sich genau die Eigenschaften der eigenen Eltern, die man niemals annehmen wollte: je nach Veranlagung wird man rechthaberisch, engstirnig oder jähzornig. In „Repeater“, seinem neuen Tanzstück mit Vater, geht es Martin Nachbar allerdings nicht um die Frage, inwiefern er ungewollt das Verhalten seines Vaters wiederholt. Stattdessen hat Nachbar seinen Vater dazu eingeladen, gemeinsam mit ihm ein Stück zu machen, in dessen Mittelpunkt neben dem Vater-Sohn-Verhältnis vor allem die Verwandtschaft der Bewegung steht.
Klaus und Martin Nachbar, die einander in den vergangenen Jahren kaum zu Gesicht bekommen haben, stehen also gemeinsam auf der Bühne: der Sohn, geboren 1971, international umtriebiger Choreograph mit Wohnsitz in Berlin. Der Vater, geboren 1938, pensionierter Kaufmann aus Köln, den es im Leben gerade mal zum Wehrdienst und später zum Arbeiten nach Düsseldorf verschlagen hat. Der Sohn ist einen guten Kopf größer als der Vater, was jedoch nicht drüber hinwegtäuschen kann, dass von seinem Haupthaar eines Tages auch nur ein weißer Haarkranz übrig bleiben wird. Gleichzeitig legt der Anblick des für seine 69 Jahre erstaunlich schlanken und beweglichen Vaters die Vermutung nahe, dass auch der Sohn im Alter noch körperlich fit sein wird.
Gegenseitiges Abtasten
Beide treten so auf die Bühne, wie wir sie vermutlich auch zu Hause antreffen würden: in Hemd, Hose, Halbschuhen und Pullunder. Zu Beginn richten sie sich auf der Bühne häuslich ein, indem sie auf dem schwarzen Tanzboden bunte Teppiche auslegen. Ein Patchwork aus Berber-, Zottel- und Kinderteppichen unterschiedlicher Art und Größe bildet den weichen, aber unebenen Grund für einen getanzten Dialog dieser beiden Männer, der ganz ohne Worte auskommt. Anfangs will keiner von beiden beginnen. Mit präsentierenden Armgesten in Richtung des anderen fordern sie einander auf, den ersten Schritt zu tun.
Dies wiederholt sich so lange, bis aus der Geste eine Umarmung und aus der Umarmung wiederum ein kleiner Paartanz wird - und schon hat sich aus dem Nichts heraus eine Bindung in der und durch die Bewegung etabliert. Dann tasten sich die beiden gegenseitig ab. Sie inspizieren einander wie der Viehhändler einen gekauften Gaul, bis sie das Eigene am anderen wieder gefunden haben und sich der unabänderlichen Verbundenheit ganz sicher sind. Erst jetzt kann der Tanz so richtig losgehen: es werden Situationen des Kräftemessens beim gemeinsamen Fußballspiel demonstriert, Szenen des Suchens und Verbergens angedeutet und Momente der Spiegelung und Annäherung zweier Körper vorgeführt.
Vaters Solo
Erstaunlich ist, dass es Nachbar und Nachbar gelingt, dies nicht durch Narration oder Repräsentation, sondern durch kleine Bewegungsstudien zu tun. Während Martin Nachbar mit dem für ihn typischen Bewegungen im zeitgenössischen Freestyle über den Teppichboden fegt, schaut ihm der Vater in aller Ruhe von der Seite zu. Einen Moment später nimmt Klaus Nachbar einzelne Armbewegungen und Raumorientierungen aus dem Tanz seines Sohnes auf, um sie sich für sein eigenes (äußerst virtuoses und zeitgenössisches!) Solo anzueignen. Was man im Vorfeld für unmöglich hielt, kommt somit trotzdem zustande: der Vater wird weder als solcher noch als Nicht-Tänzer ausgestellt, sondern übernimmt neben dem professionellen Tänzer eine ebenbürtige Rolle.
Visuell gerahmt wird dieser Tanz der Nachbars durch eine Art Familienaufstellung: sieben lebensgroße Silhouetten, die die Mitglieder einer Familie vom kleinen Kind bis zur alten Greisin repräsentieren, werden von den beiden im Raum hin und her getragen und zu wechselnden Anordnungen gruppiert. Diese Aktionsebene wirkt etwas behelfsmäßig, überfrachtet sie den eigentlich abstrakten und doch assoziationsreichen Tanz mit einer allzu eindeutigen Symbolik. Dennoch ist „Repeater“ weniger ein Stück über das Verhältnis von Vater und Sohn, als vielmehr eine stille und poetische Studie darüber, was zwei Körper unterschiedlichen Alters trotz aller Distanz und Differenz miteinander verbindet.
HINWEIS: Vom 14. bis zum 16. November 2007, jeweils um 20 Uhr, ist „Repeater“ auch im Wiener brut Konzerthaus zu sehen.
(11.11.2007)
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