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Tanz des Dirigenten

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"LE SACRE DU PRINTEMPS" VON XAVIER LE ROY BEI TANZ IM AUGUST 2007

Von Pirkko Husemann

 

Nachdem Xavier Le Roy sich schon in „Theater der Wiederholungen“ (2003) und in „Mouvements für Lachenmann“ (2005) mit den choreographischen Aspekten des Musizierens auseinandersetzte, wagt er sich mit seinem neuen Solo „Le Sacre Du Printemps“ an einen Star der zeitgenössischen Musikszene und an einen Klassiker der Tanzgeschichte heran. Auf einem Bonus-Track der DVD des erfolgreichen Dokumentarfilms „Rhythm is it!“ entdeckte er Aufnahmen von Sir Simon Rattle beim Dirigieren von Strawinskys „Sacre“. Da Le Roy 2006 schon einmal für das Education-Projekt der Berliner Philharmoniker choreographiert hatte, waren ihm die spektakulären Auftritte Rattles vor dessen begeistertem Stammpublikum noch lebhaft in Erinnerung. Bei der Sichtung der DVD setzte dann quasi unweigerlich seine analytische Arbeitsweise ein. So fragte er sich, welche der eigenartigen Bewegungen Rattles tatsächlich eine leitende Funktion für die Musiker und welche eher einen performativen Charakter haben.

Ergebnis seiner Beschäftigung mit dem Tanz des Dirigenten ist eine äußerst präzise und humorvolle Studie des Verhältnisses von Musik und Bewegung. Le Roy steht ganz alleine auf der kahlen Bühne. Er trägt schwarze Hosen und Schuhe sowie ein knallrotes Hemd, dessen Ärmel er immer wieder über die Ellenbogen schiebt. Damit steht genau der Körperteil im Mittelpunkt, den er schon in seinen früheren Arbeiten wie dem Triptychon „Narcisse Flip“ (1997) oder auch in seiner Lecture-Performance „Product of Circumstances“ (1999) zum Thema machte: seine ungewöhnlich langen und beweglichen Unterarme. Anfangs steht Le Roy noch mit dem Rücken zum Publikum, während er ins Leere dirigiert. Dann dreht er sich um, und mit dieser simplen Wendung erhält die Inszenierung ihre volle Tragweite: das Publikum wird zum Orchester, und Le Roy alias Rattle spielt mit den Zuschauern, als seien sie seine Musiker. Dieses unerwartete Zusammenspiel wird noch durch ein ausgefeiltes Sounddesign unterstützt, denn Strawinskys Komposition ertönt aus 24 Lautsprecher-Boxen, die unter den Sitzreihen im Zuschauerraum verteilt sind.

Verlust der Bodenhaftung 

Bis ins kleinste Detail der Mimik und Körperhaltung mimt Le Roy Rattles expressive Bewegungen, die den Virtuosen im Gegensatz zu anderen Dirigenten auszeichnen. Mal werden Streicher mit aufgeblasenen Backen und einem ausgreifenden Armschwung Richtung Boden aus der Reserve gelockt. Dann leitet ein filigranes Fingerspiel samt hochgezogenen Augenbrauen die Triller der Bläser oder ein heftiger Fausthieb gen Himmel die Percussionisten an. Aber erst beim „tutti crescendo“ erreicht das tänzerische Potenzial des Dirigenten seinen Höhepunkt. Hier scheint er von der Macht der Musik überwältigt und in einen ekstatischen Tanz gerissen zu werden, bei dem er für Momente den Boden unter den Füßen verliert und den Blick entrückt nach innen richtet. So führt er die Musik an, um sich im nächsten Moment auch schon von ihr entführen zu lassen. Meist sind es Pausen oder Ruhepunkte der Komposition, die ihn wieder ins Hier und Jetzt der Theatersituation zurückkehren lassen. So schafft es Le Roy mit einfachsten Mitteln, die Aufmerksamkeit auf die schillernden Facetten eines Geschehens zu lenken, das sich üblicherweise im verborgenen Bereich des Orchestergrabens abspielt. Und nur wenige minimale Eingriffe wie eine Wiederholung, ein Moment der Stille oder Stasis genügen, um sein Stück zu einer Reflexion über die Macht und Ohnmacht des Dirigenten im Spiel mit der Musik zu machen. Ein bestechender Coup. Da capo!

(28.8.2007)

Siehe auch „Xavier Le Roy und die Ionisation“

Aufführung von „Le Sacre du printemps“ im Tanzquartier Wien vom 13. bis zum 15. Dezember 2007, 20.30