Tanz mit Proust

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LAURENT CHÉTOUANES "TANZSTÜCK #4: LEBEN WOLLEN (ZUSAMMEN)" IN DEN BERLINER SOPHIENSÆLEN

Von Franz Anton Cramer


Nach und nach kommen die fünf Tänzer auf die Bühne, anfangs in Zweier-Konstellationen. Dabei scheinen sich ihre Bewegungen irgendwie zu ähneln, ohne doch bloß imitiert zu sein (vielleicht sind sie Zeichen einer gemeinsamen Idee oder eines spielerischen Vorschlags). Nach und nach agieren die fünf als Gruppe und in einer Gruppe. Sie beschreiben eine mögliche Landschaft - sie „wären Bäume“, die wachsen. Diese Möglichkeit zur Konstruktion im Erzählen und im Verkörpern wird dann zur Möglichkeit an sich: „There would be many possibilities“, lautet der letzte Satz in dieser Szene.

Über Möglichkeiten handelt das einstündige „Tanzstück #4 : leben wollen (zusammen)“, eine Art Abschluss in Laurent Chétouanes Serie, die vor drei Jahren mit „Bildbeschreibung“ nach Heiner Müller begann. Als Theaterregisseur war sein Interesse am Körperlichen und seinen Choreographien stets und gewissermaßen ausdrücklich von der sprachlichen Konstitution der Bewegung geprägt und an ihr auch interessiert. Doch wo die Begegnungen zwischen Tanz und Sprache bislang eher an der Textualität interessiert waren, also an den Prägungen von Darstellungsvorgängen und ihrer Wahrnehmung durch sprachliche „Ergänzung“ oder „Erweiterung“, geht Chétouane gerade in „Tanzstück #4“ einen anderen Weg. Er wendet sich der Textur von Bewegung zu, ihrer Eigengesetzlichkeit im Kontext eines gemeinsamen Paradigmas.

Öffnung und Mobilisierung

Dieses Paradigma kann man „Bühne“ nennen oder „Tanz“ oder „Individualität“. Aber es will nicht „sich“ ausdrücken, noch nicht einmal „etwas“ (zum Beispiel eine Kritik von Repräsentationsmustern). Sondern es will die Möglichkeiten aufspüren, das Zusammensein als ein zusammen, ein gleichzeitig, ein bezogenes Agieren sinnlich erscheinen zu lassen. Es geht also nicht um ein Postulat. Was Chétouane anstrebt, ist sowohl die Öffnung des geschlossenen Kunstuniversums als auch die Mobilisierung des geschlossenen Tanzkosmos.

Die fünf Akteure - Sigal Zouk und Joris Camelin aus dem Umfeld von Meg Stuart, Lisa Densem von der Company Sasha Waltz, Mathieu Burner, der schon in „Tanzstück #3“ mitwirkte, und schließlich Jan Burkhardt - folgen dabei zwar den Szenen (eigentlich sind es eher atmosphärische Abschnitte), die gleichsam von außen als Struktur vorgegeben scheinen, sind aber in ihren Bewegungen auf verblüffende Weise frei. Die Bezogenheit ihrer einzelnen Aktionen auf den Gesamtverlauf des Stücks illustriert den konzeptionellen, aber eben vor allem auch den funktionalen Zusammenhang von Tanz und Choreographie: Tanz als die Textur der Bewegtheit, Choreographie als die Anordnung des Einzelnen zu einem Ganzen.

Das betrifft auch die Einspeisung in die räumlichen Verhältnisse. Wie beiläufig werden einmal die Saaltür, einmal ein Fenster geöffnet und nach einer Weile wieder verschlossen. Auch gehen alle fünf Tänzer nach etwa zwei Dritteln der Vorstellung in unterschiedliche Richtungen ab. Der Raum, den wir sehen, ist ebenso wie die Bewegungen, die uns gezeigt werden, nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was möglich ist.

Klar bleibt, dass die Aufführung nicht vorbei ist. Und richtig kommt das „Ensemble“ (être ensemble) wieder zurück. Während hinten eine kalte Schneelandschaft auf den wie beiläufig gestellten Projektionsschirmen erscheint, nehmen die Tänzer wieder die angewandelten Bewegungen auf, die wie ein Echo von einem zum anderen hallen. Dann stehen sie, in goldenes Licht gebadet, in einer Reihe vor dem Publikum, sie lächeln und strahlen, als sei es ein großes Glück, hier und jetzt von allen diesen Augen gesehen zu werden. Im Auflösen dieser Formation fällt der Satz „It‘s good to be alone“.

Unpathetische Form des Wir

„Tanzstück #4“ tritt mit einem kühnen Vorhaben an. Die Möglichkeit, im Sinne von Roland Barthes' Vorlesungen über „Être ensemble“ das Ich-Paradigma zu umgehen, um eine unpathetische Form des Wir zu formulieren, die nicht ins Spektakuläre oder Repräsentative abgleitet: Damit steht viel Zeitgenössisches in Frage. Aber es geht nicht um Abgrenzung, sondern um einen Beginn. Wobei immer deutlich ist, daß dieser Beginn kein Neuanfang sein kann. Die auf der Rückwand zu lesenden Auszüge aus Marcel Prousts Romanwerk widmen sich in gleicher Weise der Erinnerung wie der gesteigerten Gegenwartserfahrung; bekanntlich ist die „Suche nach der verlorenen Zeit“ genau dieser Frage gewidmet.

Und die nonchalanten, ja naiven Zeichnungen im Stile der ligne claire belgischer Tradition („Tim und Struppi“) , mit denen Anna Henckel-Donnersmarck visuelle Kommentare einspielt, unterstreichen jenen spielerischen Charakter des Geschehens, der subtile Innerlichkeit mit theatraler Stringenz verbindet.

Es geht hier nicht um die Gemeinschaftsutopien aus der heroischen Frühphase des modernen Tanzes, auch nicht um die „Demokratisierung“ von Bewegungskunst wie in Contact Improvisation oder Judson Church. Es geht darum, mit den Mitteln des individuellen tänzerischen Agierens eine Form des Miteinander zu zeigen, die weder modellhaft noch verbindlich sein will, sondern einfach anschaulich.


(19.11.2009)