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Tanzen als politischer Aktivismus

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EINE LECTURE PERFORMANCE UND EIN SOLO VON DEBORAH HAY IM TANZQUARTIER WIEN

Von Sabina Holzer


Deborah Hay gehörte zu den Mitgliedern des New Yorker Judson Dance Theater, das in den 60er Jahren Formen und Paradigmen von Tanz und Choreografie wesentlich hinterfragten und erweiterten. Diese Befragung führte letztlich nicht nur zu einer Transdisziplinarität des Tanzes, durch die sich neue kompositorische Konzepte entwickelten, sondern propagierte auch wesentliche neue tanztechnische Ansätze. Diese Ansätze – zum Beispiel Release Technique, Body-Mind Centering, Contact Improvisation oder Somatic Movement – waren oft Weiterführungen von Modellen aus der Körper- und Gesundheitstherapie.

Die KünstlerInnen untersuchten unterschiedliche Bewegungsansätze auf Basis von anatomischem Wissen, mit Hilfe von Bildern und Metaphern und indem sie die Aufmerksamkeit auf verschiedene Aspekte der Wahrnehmung lenkten. Dabei stellten sie oft einen experimentellen Umgang mit der Anatomie sowie Forschungen an Bewegungszusammenhängen in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzungen. So entwickelten sich neue ästhetische Konzepte, die in weiterer Folge auf den Umgang mit Raum und Zeit übertragen wurden. Auch das Verhältnis zum Publikum wurde neu befragt.

Absage an hierarchische Strukturen

In dieser künstlerischen Praxis spiegelte sich oft eine nicht als solches wahrgenommene politische Praxis, in der Begriffe neu gedeutet und angewendet wurden. Diese implizierte meist eine radikale Absage an Hierarchien und erbrachte Modelle von alternativen Formen eines produktiven Miteinanders. In diesem Sinne sollten auch Dichotomien zwischen Geist und Körper, zwischen Choreografen und Performern, zwischen Professionellen und Amateuren, zwischen Establishment und Avantgarde aufgelöst werden.

Deborah Hay entwickelt ihre Arbeit seit den 70er Jahren in Form von Performances, Unterricht und Publikationen entlang der Ideen des Judson Dance Theater konsequent weiter. Sie erarbeitete Gruppenchoreografien mit nichtprofessionellen Tänzern, die nicht für ein öffentliches Publikum gedacht waren, und entwickelte daneben auch Soloarbeiten. Diese gibt Deborah Hay mittels spezifischer Handlungsanweisungen weiter. [1]

Ihre aktuellen Arbeiten, eine „Lecture on the Performance of Beauty“ und ihre Soloperformance „No Time To Fly“, die im Studio 2 des Tanzquartier Wien zu sehen waren, geben einen ausgezeichneten Referenzrahmen, um diese Fragestellungen neu zu reflektieren.

Widerstand und Schönheit

In ihrer Lecture thematisiert Hay den Konflikt des politischen Handelns im Tanz. Gerade während der Bush-Administration und dem Irakkrieg verspürte sie das Bedürfnis nach einer konkreten Stellungnahme. Sie wollte ihrem Widerstand mit tänzerischen Mitteln Ausdruck verleihen. Die Hymne „America The Beautiful“ schien ihr ein guter Ausgangspunkt dafür zu sein.

Hay arbeitete ein Jahr lang mit einer bestimmten Raumstruktur und einigen Leitfragen: Würde durch die Praxis einer täglichen Begegnung mit dieser Raumstruktur ein Tanz entstehen, ohne dass sie einen solchen konstruieren müßte? Und: Was würde geschehen, wenn jede einzelne Zelle ihres Körpers Schönheit aufnehmen könnte? „Würden sie mich zu Schönheit befragen, könnte ich sicherlich keine Antwort geben“, sagt Deborah Hay. „Wenn ich aber meinen zellulären Körper mit dieser Annahme konfrontiere, vielleicht würde ich dann etwas über Schönheit erfahren.“ Aus diesen Fragen entfalten sich während der Lecture-Performance  hintergründige und witzige Positionen zur Repräsentationsästhetik wie diese: „Bin ich ernsthaft genug, um aus mir einen Narren zu machen?"

Die Künstlerin thematisiert Statements zu Konstruktionen von Körperbildern, Altern und Verhaltensregeln in ihrem Tun. (Der Einsatz dieser Konstruktionen als politische Unterdrückungsstrategie wurde während des Nationalsozialismus vorgeführt und ist jetzt in Form etwa von „Anti-Aging“, Schönheitschirurgie und Gesundheitswahn fixer Bestandteil des neoliberalen Lebensgefühls.) Deborah Hay betont: „To dance is my way of political activism. It is not why or what I dance, it is that I dance.“ Diese klare Aussage ist vielleicht durch einige kurze Betrachtungen zu ihrer Performance „No time to fly“ besser zu verstehen.

Sie fordert Bilder zum Tanz auf

Bezeichnend für Hay ist sicherlich der konsequente Dialog zwischen konzeptuellem Entwurf und körperlicher Bewegung, durch den eine – sich unter Umständen in ihrer Kausalität nicht sofort erschließende – Komposition entsteht.

In erster Instanz entfaltet Deborah Hays Tanz vielschichtige Intensitäten. Mit der Eleganz einer Grande Dame entwickelt sie ein schelmisches Spiel von Distanz und Nähe zu sich selbst und dem Publikum. Bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit an vertraute Bilder rührt, ohne diese zu penetrieren, sie zu besetzen oder sich an sie als psychologisches oder ästhetisches Versprechen zu binden. Sie fordert sie sozusagen zum Tanz auf.

Und so entsteht unter anderem eine Serie unterschiedlicher Funny Walks, ein Murmeln, aus dem sich ein Singen entwickelt – ein Lied, auf unterschiedliche Weise gesungen, als eine Art Beschwörungsritual. Nichts ist eindeutig zu benennen, sondern oszilliert in  flexiblen und dynamischen Verhältnissen. Diese Verhältnisse sind weder schnell zu identifizieren noch identitätsstiftend. Deborah Hay scheint dem „Material Körper“ Fragen zu stellen und sich in großer Aufmerksamkeit und Unvoreingenommenheit auf dessen Antworten einzulassen.

Sie konfrontiert den (eigenen) Körper als offenes System, als Fremdes und Unerwartetes mit kulturellen Dispositionen, wie ihrem „Written Dance Score“ [2] zu entnehmen ist: aus den drei Romanen Quarantine, Gift of Stones und Pesthouse von Jim Crace über prä- und postgesellschaftliche Gemeinschaften entwickelte sie imaginäre Spuren zu Gefühlen von Freude und Trauer (Joy and Sorrow), zu einer Shopping Mall, eines „5000 Jahre alten Marktes“ sowie zu einem American Indian Chant und dem Zitieren eines Satzes von Samuel Beckett: „Strictly speaking I believe I have never been anywhere.“

Dieses Eingeständnis des Niemals-Ankommens, des Niemals-Daseins ist in seiner formalen Flüchtigkeit brisant, zumal  es Teil einer außerordentlichen Praxis der Nachhaltigkeit ist. Nachhaltigkeit in dem jahrzehntelangem Aufrechterhalten einer künstlerischen Arbeit, mental, strukturell, und last but not least auch körperlich.

Deborah Hays Arbeit erhält durch den Kollaps des Wirtschaftssystems zusätzliche Aktualität: „No time to fly"  – Not to lose ground: dass eben eine solche künstlerische Praxis nicht an Einfluss und nicht den Boden unter den Füßen verlieren darf, was ihre Währung – also ihren Wert in der Realität des gesellschaftlichen Diskurses – betrifft. Selbst wenn ihre Repräsentation als flüchtig erscheint.


Fußnoten:
[1] In ihrem Solo Performance Commissioning Project
[2] „No time to fly 2010. A Solo Dance Score written by Deborah Hay“, Publikation zur Premiere in der St. Mark’s Church, New York, 25.-27. März 2010.


(27.5.2010)