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KÖRPERFRAGMENTIERUNGEN – AUFGEBROCHENE KREISE – ABGEZIRKELTE SCHWUNGFORMEN
Von Rose Breuss
Tanzschrift – zum besseren Verständnis der Wirklichkeit und eine Möglichkeit, ermüdetem Tanzmaterial zu begegnen:
First, when does notation appear? … Superficially speaking, it appears either when you cannot do without it or when you really need it functionally. Second, it appears when the communication possibilities increase, and the need for communication asks for a mean of communication. Third, it appears when a certain element is exhausted or close to being exhausted. Then the people who deal with it look for a better understanding of the reality in order to create new things. Nobody needs movement notation in order to move; we all move. [1]
Abraham Wachman, Architekt und Miterfinder der Eshkol Wachman Tanznotation [2], sieht die Notwendigkeit der Tanzschriften allgemein in einer durch sie realisierbaren spezifischen Form von Kommunikation in der Bearbeitung und Komposition von Bewegungen. Wachmans Intentionen und die von Noa Eshkol in der Eshkol/Wachman Notation verfassten Bewegungskompositionen liegen dem traditionellen Einsatz der Tanzschriften diametral gegenüber.
Bestrebungen, Schriften zu erfinden und zu praktizieren galten aus historischer Sicht als Versuch und möglicher Weg, für den Tanz die Anerkennung als transitorische und ephemere Kunstform zu erreichen. Im Bemühen der Tanztheorie, die Komplexität tänzerischer Aktionen in linear-logische Zeichenfolgen zu zerlegen, ging es also stets auch (wenn nicht gar primär) um die Anerkennung als Kunst und Wissenschaft, die dem Tanz – wie anderen oralen Ausdrucksformen – immer wieder vorenthalten wurden. [3] Die Tanzschriften, ihre Schriftzeichen und Schriftsysteme wechseln durch die Jahrhunderte mit dem Wechsel der Tanzstile und Tanztechniken. Anders als in der Musik hat sich keine verbindliche Schrift herausgebildet.
Schriften enthalten generell Formulierungen zum Gebrauch
des Körpers (Körpersementierung, Koordination, Stellung und Bewegungen der Körperglieder),
des Raumes (Raumwege, Raumperspektiven, Raumorte, Körperraum, Raumachsen, -ebenen, -punkte) und
der Zeit (metrische Zeit, Zeitklammern, an Musik geknüpfte Rhythmik, Geschwindigkeiten und Phrasierungen).
Tanzschriften sind damit Bewegungsspeicher und repräsentieren erinnerungsfähiges Bewegungsmaterial. Die Zeichensysteme für Körper, Raum und Zeit sind vielfältig. Sie enthaltenWortkürzel für bestimmte Tanzschritte (Arbeau) [4], zeichenhafte Abkürzungen von Schritten und Schrittbewegungen (Feuillet) [5], Musiknoten (u.a. Nijinsky) [6], Strichfiguren (Carlo Blasis) [7] bzw. Strichfigurensegmente (Zorn) [8], abstrakte Zeichen (u.a. Labanotation) [9] und Zahlen (Eshkol Wachman) [10]. Die Zeichen repräsentierten in den Anfängen der Entwicklung der Tanzschriften Schritte, Schrittarten, Schrittempi, Schrittwege, ab dem 19. Jahrhundert ästhetisch-piktoral dargestellte Positionen und Körperlinien und im 20. Jahrhundert Bewegungszeichen, die anatomisch fundierte bzw. raumtheoretische Konstruktionen wiedergeben. Möglich wird eine Prozesshaftigkeit des geschriebenen Bewegungsmaterials, das jenseits stilistischer Vorstellungen und fixierter bzw. tradierter Bewegungs- und Tanzmaterials liegen kann. Als choreographisches Instrument eignen sich Tanzschriften, weil sie wie in Musik und Literatur spezifische Formungen des gewählten Materials, die Charakter und Identität eines Werkes bestimmen, [11] prinzipiell darstellen können.
Eigene Tanznotationen – choreographische Skizzen für Probenprozesse
Unter dem Aspekt der Suche nach besserem Verständnis des verwendeten Materials und bzw. der Komposition spezifischen Materials sind meine Tanznotationen zu sehen. Körperzeichen (Körpersegmente, -teile, -oberflächen usw.), Zeichen für Bewegungen wie strecken/beugen/(ver)drehen, Raumzeichen (Ausrichtungszeichen, Raumachsen, Raumwege) sind der Labanotation entnommen. Der Schriftaufbau meiner Notationsskizzen ist dagegen in eigene Graphiken aufgelöst. Der Grund dafür ist, dass in der Labanotation die Informationen zu Körper, Raum und Zeit innerhalb eines Zeichens aneinander gekoppelt sind und nur als zu fixierende Größe geplant sind. In dieser Form sind Körper, Raum und Zeit nicht mehr dialogisch zueinander. Als drei getrennt strukturierte Elemente verhalten sie sich aber als offene und in dynamischen Beziehungen stehende Möglichkeiten, die vorerst ein Material „aufmachen" können, Bewegungsspektren eröffnen und so ein „offenes" Ausgangsmaterial darstellen. Die konkrete Bewegungsform bildet sich im Verlauf der individuellen Probenarbeit der TänzerInnen aus. (Das Ergebnis dieses Prozesses wäre dann einwandfrei in der Labanotation notierbar, weil Bewegung als eine in Körper, Raum und Zeit fixierte Form vorliegt.)
Der Notationsraum, der mich besonders interessiert, ist die Luft, der „leere" Ort, das in die Luft schauen und in die Luft hinein Choreographie denken und vorzeichnen können, die Luft als leeres Blatt.
Die Luft: der physisch-reale Ort, der Ort des Imaginären und des Tanzens
Als Ort, in dem sich der Körper bewegt, scheint die Luft fließend und unkonkret. Die Orte in der Luft drehen und bewegen sich mit dem Körper mit, sind über oder unter ihm oder seitlich oder rechts oder links, auf Schulterhöhe oder in Bodennähe, oder in möglichst großer Entfernung des Körpers und dergleichen. Als Substanz atmen wir dieselbe Luft ein und gewinnen Energie, sie ist als konkreter Ort und als Substanz also gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Körpers. Im Tanz wird die Luft imaginär an bestimmte Körperorte geleitet, um an besondere Energien und Qualitäten heranzukommen.
Sichtbar wird die Luft, indem Bewegung darin stattfindet, aber wieder nicht als Substanz, sondern als Veränderungen an Körpern und als Dimensionierung, als Distanzen und Größen von Körpern. Die Luft ist der Raum der Kommunikation, der Vermittlung, der Übertragung, aufgeladen mit Elektrizität und gefüllt mit Schwingungsphänomenen weiter und enger Frequenzen, nicht nur technischer und physischer, besonders menschlich spezifischer Arten. Davon erzählt das „Knistern" der Luft, das Menschen miteinander in besonderen Situationen spüren können.
Die Luft als leerer Raum, als Raum ohne konkrete Objekte und Situationen, scheint unbekannt, nicht vorhanden, nicht sichtbar. Doch wie im Gegensatz dazu ist sie ein schimmernder, jenseitiger oder auf einer anderen Seite liegender Spiegelgrund. Ein Luftspiegel, der sich aufrichtet an konkreten Ereignissen und Bewegungen, die er als Abdruck oder wellende Schwingung oder nebelhafte Kontur oder als Flimmern in verschiedenen Körpersinnen abbildet. Diese fast separaten Wahrnehmungen verhalten sich als Kontinuum, als ständiger Spiegel-Leuchtgrund menschlich-physischer Spuren.
Körper/Raumskizzen
• Körperfragmentierungen
- Die Abbildungen 1 – 6 bezeichnen verschiedene Skalen (aus der Choreographie Nicht im Traum). Die sternförmigen Gebilde lassen es zu, auf einem relativ kleinen Körperausschnitt (z.B. der Hand) genaue Punkte auf der Oberfläche der Hand aufzutragen. Durch die Ausdifferenzierung eines Körperortes ergeben sich spezifische Artikulationsmöglichkeiten in der Bewegung. 5 Skalen stehen für Hände, Gesicht, Beine, Bewegungsaktionen wie berühren, greifen, stützen und schwere und leichte Akzente zur Verfügung. Sie werden einzeln und in bestimmten Kombinationen erprobt.
• Aufgebrochene Raumlinien
- Die Abbildungen 7 – 10 zeichnen die Bodenwege einzeln, in Schritten und im Zusammenhang auf. Diese Wege bilden die Raumstruktur eines Solotanzes. (Versuche aus der Enge, Tanz: Anna Nowak) Charakteristisch ist, das ständige Brechen der Raumlinien durch Drehen in eine neue Richtung – ein Bewegungsverhalten, das als Verlust der Orientierung und als ständiges Wegdrehen der Tänzerin aufgezwungen ist.
Notation 1 – einzelne Wege
• Abgezirkelte Schwungformen
Viertelkreise im/und gegen den Uhrzeigersinn und in verschiedenen Größenordnungen sind die Grundform des Schwunggebildes in Abbildung 11. (Notation für Drift). Jede Körperbewegung erzeugt bedingt durch die Gelenksstrukturen als Spurform im Raum Kreisformen. Ein Viertelkreis ergibt eine fragmentierte, schnell gestoppte Bewegung bzw. bei langsamer Bewegung eine wenig Raum einnehmende Bewegung. Übertragen auf den ganzen Körper und aufgefächert in verschiedene Koordinationen ergibt sich ein fein gesponnenes Bewegungsnetz.

Fußnoten
[1] Wachman, Avraham: in einer Diskussion über Philosophical Issues Related to Notation and Reconstruction in Choreography and Dance, Notation Issue Volume 1, London 1986, S. 47.
[2] Eshkol, Noa/ Wachman, Abraham: Movement Notation, London 1958.
[3] MGG, Tanz, Kassel 2001, S.11.
[4] Arbeau, Thoinot: Orchésographie et traité en forme de dialogue. Langres 1588. Nachdruck Hildesheim 1980.
[5] Feuillet, Raoul Auger: Choréographie ou l´art de dècrire la danse, par caractère, figure et signe démonstratifs, Paris, 1700. Reprint: Bologna 2004.
[6] Jeschke, Claudia: Tanzschriften, Ihre Geschichte und Methode, Bad Reichenhall 1983.
[7] Blasis, Charles: Traité Elémentaire, Théorique et Pratique De L´Art De La Danse. Milano 1820.
[8] Zorn, Friedrich Albert: Grammatik der Tanzkunst, Leipzig 1887.
[9] Hutchinson-Guest, Ann: Labanotation. The System of Analysing and Recording Movement. New York 1991.
[10] Eshkol, Noa / Wachman,Abraham: Movement Notation. London 1958.
[11] MGG, Tanz, S. 10.
(15.11.2007)
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