Thema Dancing the Dance, Teil IV: EROSIONEN DER FORM

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So etwas kann passieren. Eines Nachmittags aufgewacht, neben dir steht die Zukunft. Du greifst natürlich sofort nach deinem Apfel – und gleich ins Leere. Denn wo immer dein Apfel war, glitzert jetzt die Geisterameisenzucht deiner Nachbarn von unten. Nun weißt du, dass du in einem Paralleluniversum gelandet bist, und hoffst, dass das etwas Gutes bedeutet.

Und da ist eine Stimme nah an deinem Ohr. Sie flüstert: „Willkommen auf corpus.“ Du erschrickst nicht, denn corpus erkennst du. Du sortierst deine Arme und Beine neu. Dir entgeht trotzdem nicht, dass sich an den äußeren Rändern deines Blickfeldes etwas verformt. Erst achtest du nicht darauf, weil da vor dir Sabina Holzer, Philipp Gehmacher und Jeroen Peeters in ein Gespräch vertieft gehen und Susanne Foellmer ihre schimmernden Karten mischt. Du bist ein leichter Tänzer auf schweren Brettern und zugleich eine starke Tänzerin auf dünnem Eis. Vor dir filtert einer das Terrain, der sich dir zweimal als Hausmeister 23 vorstellt.

Du weißt, dass sie auf dich gewartet haben, und spürst, wie erleichtert sie darüber sind, dass du gekommen bist. Ah, da ist Franz Anton Cramer. Er macht eine gewagte Geste, die sich vor deinen Augen invertiert, was du als Warnung wahrnimmst. An der Hand nimmt dich, ohne lange zu fragen, Agnieszka Ryszkiewicz, die dir eine lange Matte zeigt, auf die äußerst coole Muster von frappierender Vergänglichkeit gedruckt sind. Auf die, deutet sie, sollst du dich legen. Du willst nicht spielverderberisch wirken, tust, wie dir geheißen und versinkst sehr, sehr langsam in den Mustern.

Die Nachbarn von unten aus dem Studio 5 erkennst du sofort als Andrea Maurer & Thomas Brandstätter, auch wenn du die beiden noch nie gesehen hast. Sie haben mit Geisterhänden einen Film geschrieben. Nur für dich. Du liest den Film und vergisst die Zeit, und du bist froh, diese Momente gehabt zu haben, sobald du Helmut Ploebst ausmachst, der dich in ein Planetarium lockt, in dem dunkle Energien auf kalten Regimes treffen. Also bist du ganz froh darüber, dass Johannes Birringer mit dir in die Welt der tanzenden Virtualität begleitet, bevor du in einiger Entfernung Boyan Manchev ausmachst. Er winkt und sagt melodisch: „Ich bin jetzt da.“

Am Punkt dieses Nochnicht angelangt, nach all der Lektüre, beginnst du den Rändern deines Blickfeldes wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Diesem Flackern und Flimmern, in das sich dein Gelesenes schiebt, und du bemerkst, dass du die Regie in diesem Szenario führst. Dass dein Nachmittag diese Figuren hat tanzen lassen auf deinen schweren Brettern, also auf hauchdünnem Eis. (corpusRed)

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Anmerkung 1: Einige der Links in dem Text von Agnieszka Ryszkiewicz sind auf immer in den Tiefen des Internet verschwunden. Das finden wir einerseits natürlich schade, aber zugleich auch wirklich schön. Das Internet ist ephemer und hat damit eine ganz besondere Poesie.
Anmerkung 2: Boyan Manchevs Text heben wir noch ein wenig auf. So in etwa bis Ende November.
Anmerkung 3: Jeroen Peeters’ Betrachtung über Philipp Gehmachers walk + talk in Brüssel steht zwar ausserhalb dieses Themenschwerpunkts. Aber er ist ihm doch sehr nah.


(10. 10. 2011)