Terroranschlag in Norwegen |
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ISLAMISMUSREFLEX ALS MEDIALES PERFORMATIV
Von Helmut Ploebst
Der zweifache Terroranschlag in Norwegen ist doppelt tragisch. Erstens vor allem wegen der vielen Toten und Verletzten und zweitens aber bereits aufgrund der sofort einsetzenden Berichterstattung. Die mediale Tragödie am 22. Juli 2011 hat bei den Nachrichtensendern begonnen, die ihre Informationen sofort in Berichte und Bilder umsetzen müssen.
Was ist passiert?, lautet deren erste Frage, und die zweite: Wer hat es getan? Der neoliberale Nachrichtensender n-tv (ein Referenzmedium für diesen Text) zeigte den fatalen Mechanismus, der durch diese beiden Fragen in Gang gesetzt wird, wieder einmal sehr deutlich. Denn auch bei dürftiger Faktenlage muss ein solches Medium füllen, was das Zeug hält. Und so kamen bereits sehr schnell nach dem ersten Anschlag in Oslo um 15.52 Uhr und auf der Ferieninsel Utøya wenig später, gegen 18.30 erste Vermutungen auf, dass hier islamistische Terroristen am Werk gewesen sein müssten, und n-tv brachte schon den hetzerischen Prediger Mullah Krekar ins Spiel.
Bekannt war zu diesem Zeitpunkt jedoch nur: erstens, Autobombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt explodiert und zweitens, Schießerei-Attentat in einem Feriencamp der sozialdemokratischen Jugend auf Utøya. Ins Visier geriet bereits konkret ein „Hassprediger“, der demnächst aus Norwegen ausgewiesen werden sollte. Wenig später hieß es, ein Verdächtiger sei auf der Insel festgenommen worden.
Doch bereits im Rohzustand des bei n-tv erstellten Performativs der beiden Anschläge zeigte sich, dass die blinde Spekulation in Richtung Islamismus nicht in den Umriss des Rahmens passte. Denn sehr schnell wurde sickerte durch, dass die beiden Anschläge miteinander in Verbindung stehen könnten. Wenn dem so sein sollte, musste man aber am Abend des Tages, an dem der Anschlag passierte, fragen: warum ausgerechnet ein Lager der sozialdemokratischen Jugend? Das passte überhaupt nicht.
Verdrängen des Rechtradikalismus
Warum daher nicht sofort auch mit in Betracht ziehen – wenn schon Spekulationen sein müssen –, dass ein rechtsextremer Zusammenhang gegeben sein könnte? Nun wurde also ein Verdächtiger verhaftet, von dem es erst hieß, er sei 32 Jahre alt, und dann, er sei „Norweger“. Die Zuschauer sollten verstehen: kein zugewanderter, sondern ein „echter“ Norweger. Einen Tag später ist der volle Name des Mannes bereits in vielen Medien zu lesen, obwohl er immer noch als Verdächtiger gelten muss.
Vor dem Hintergrund der hochkriminellen Mobiltelefon-Abhör-Affäre des Medienmafia-Imperiums von Rupert Murdoch wirkt das Desaster um die Fehleinschätzung nach den Anschlägen in Norwegen zwar beinahe unscheinbar. Doch was wäre gewesen, wenn sich nun nicht so schnell ein Verdächtiger gefunden hätte, der, wie es heißt, „rechts-nationalistischen Kreisen“ zuzuordnen ist? Dem Vernehmen nach ein „Kulturkonservativer“ – wie übrigens Murdoch auch. Und nicht zu vergessen, ebenso die Anhänger des Islamismus.
Der wachsende Rechtsradikalismus in Europa wird weiterhin nach Kräften unterschätzt, und das ist gefährlich. Die reflexartige Vermutung, die Anschläge in Norwegen könnten einen islamistischen Hintergrund haben, weist darauf hin, dass die Lektüre von Performativen in unserer Informationsgesellschaft immer mehr Probleme bereitet. Das ist noch gefährlicher, nicht nur, weil es dem Rechtradikalismus in die Hände spielt, sondern auch, weil viele wichtige Formen der Kritik an den gegenwärtigen politischen Verhältnissen nicht mehr rezipiert werden. Und, weil auch diese Kritik sich zu oft elitär gebärdet und auf vereinfachende Scheingewissheiten zurückzieht, was sie letztlich desavouiert.
Norwegen ist großartiges Land mit einer offenen, sozialdemokratischen Politik. In diese setzt das Ereignis vom 22. Juli nun ein Zeichen, das alle entsetzt. Ist dieses Zeichen aber auch der Hinweis auf eine Schwachstelle, auf etwas, das die norwegische Politik bisher übersehen hat? Wurde der Rechtsradikalismus etwa zu sehr verdrängt? Hätte es eine Möglichkeit der Prävention gegeben?
(23.7.2011)
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