Thema: Performance Collider

Von CORPUS

1. Einführung

 

„Das Spektakel kann nicht als Übertreibung einer Welt des Schauens, als Produkt der Techniken der Massenverbreitung von Bildern begriffen werden“, schrieb Guy Debord vor einem halben Jahrhundert in Die Gesellschaft des Spektakels. „Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat.“

 

Diese Weltanschauung hat sich als neoliberale Performance durchgesetzt und durchtränkt die Kommunikationsdynamik aller großen Gesellschaften als „ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität“ (Debord über das Spektakel). Diese Form der Performance sickert aus allen Regimes und deren Mitspielerınnen, die sich in der weltweiten Medienmaschinerie wirtschaftlich, politisch und sozial positionieren. Ihr politisch-ästhetischer Anspruch wird aktuell in einer Werbekampagne des Autoherstellers Jaguar am deutlichsten auf den Punkt gebracht – mit deren Slogan „The Art of Performance“. [1]

 

Der Begriff Performance

 

Als Gegensatz zu dieser ökonomisch-technologischen und organisatorischen Bedeutung der Darstellung von „Leistung“ scheint der Performancebegriff seit Ende der 1980er Jahre in seiner emanzipatorischen Setzung im Genderdiskurs der Philosophin Judith Butler auf. Performance als kritische Kunst dehnt sich seit den 1960ern in den darstellenden und bildenden Künsten, im Film und in der Musik aus. Dieser Kunstkomplex holt sein Publikum in eine reflexionsorientierte Erlebniswelt und bildet die weitestgehende Antithese zu den psychotropen Simulakren im globalen Propagandasystem der neoliberalen Performance.

 

Um sich der Widersprüchlichkeit dieses Begriffs neu anzunähern und das von ihm bezeichnete Phänomen als Operator im System der sozialen Kommunikation näher untersuchen zu können, speist corpus etwas von deren Diskursmaterie in einen Performance Collider. Das ist ein – immaterieller – Apparat, in dem diskursbildende Kommunikationselemente miteinander in Kollision gebracht werden sollen, um Beobachtungen darüber anzustellen, woraus sie zusammengesetzt sind.

 

Modell des Colliders

 

Zur Einführung der Neuedition von corpus stellen wir Ihnen hier erstmals sozusagen die Testversion eines Prototyps vor. Abgeleitet ist diese Apparatur von der technologischen „High-Performance“-Maschine Large Hadron Collider (LHC) der Europäischen Organisation für Kernforschung CERN, um die sich Narrative von technischer Höchstleistung („Weltmaschine“) bis hin zu globaler Gefährdung („mikroskopische Schwarze Löcher“) gebildet haben. Ebenfalls am CERN wurde 1989 von Tim Berners-Lee das World Wide Web entwickelt.

 

Der LHC, als Grafik in die Landschaft seiner Verortung (links der Schweizer Ort Meyrin) projiziert; die Bezeichnungen im Bild sind die der wichtigsten Detektoren der Anlage.                                                                                                                                                     Foto © CERN

 

In Übersetzung des LHC-Materiebeschleunigers auf Diskursverfahren konstruiert corpus mit seinem von Helmut Ploebst entworfenen Performance Collider eine über das Medienmodell der eigenen Website generierte queere Anlage aus medialem Thema und Diskursexperiment. Sie ist in die vier corpusBereiche Performance / Kunstreflexion, Philosophie / Wissenschaft, Politik / Gesellschaft sowie Praxis / Kunst eingebaut. Sie übernehmen die Aufgaben der Einspeisung von Diskursmaterie in Form von Texten und Text-Bild-Beiträgen, die direkt oder indirekt auf den Begriff Performance bezogen sind. Ausschlaggebend für die Struktur dieser Thematisierung ist die Heterogenität der Beiträge.

 

Zur Orientierung

 

Der einleitende Navigator, in dessen Einführungsteil Sie sich gerade befinden, ist hier im fünften corpusBereich – Projekte – installiert, der den Bauplan des Performance Collider-Projekts erkennbar macht und zur Orientierung bei der Lektüre dient. An einem Detektor, in dem die Kollisionen der im Beschleuniger entstandenen Diskursmaterie von Mitgliedern des corpusKollektivs beschrieben und ausgewertet werden, wird noch gebaut. Erste Ergebnisse von mit der nun erstellten Apparatur durchgeführten Experimenten werden im März 2017 vorgestellt.

 

Bis dahin wollen wir Sie dazu einladen, die an den nachfolgenden Navigatorplänen zu orientieren, etwa einen beliebigen Beitrag zu lesen und diesen wie in einem „Parcours“ nach persönlichem Interesse mit der Lektüre anderer Beiträge zu verbinden. Wer den gesamten Performance Collider nutzen möchte, gewinnt erstens ein Gesamtbild zum Thema und aktiviert zweitens in sich einen eigenen, jeweils individuellen Diskursapparat, in dem die Dynamiken unseres Colliders mit dem eigenen Wissen des oder der Lesenden in produktive Kollision geraten.

 

In diesem Projekt testen Sie mit corpus ein Diskursformat, das einerseits bestimmte Dimensionen des Performancebegriffs und seiner gesellschaftsformenden Anwendung ausleuchtet und andererseits auch die neue Struktur der Website CORPUSweb.net mit ihren Potentialen anschaulich macht.

 

HINWEIS: Nach der Veröffentlichung dieses Colliders werden wir die einzelnen Kategorien in den verschiedenen corpusBereichen mit weiteren Beiträgen füllen und so dessen Bestandteile in die wachsende Inhaltsstruktur der Website integrieren. Über die nun folgenden beiden Navigator-Pläne können die einzelnen Collider-Elemente auch dann noch problemlos als solche identifiziert und rezipiert werden.

 

Dank: Dieser Performance Collider wird gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien / MA 7, Referat Film, Kino, Neue Medien.


2. Navigator-Pläne

 

Der Performance Collider in zwei Darstellungen: einmal als LISTE mit Links zu den einzelnen Beiträgen und darunter als GRAPHIK. Diese Anlage weist als Besonderheit zwei „Subcollider“ auf, die in den Bereichen Performance – mit der „Rakete“ Temporary übergreifend auf Praxis – („Postcontemporary“) sowie Praxis („Erskine-N-Collider“) installiert sind.

 

In „Postcontemporary“ wird als Thema-im-Thema in Form eines sechsteiligen Essays die Verunsicherung um das Performativ der Zeitgenossenschaft verhandelt.

Der „Erskine-N-Collider“ wird hier als Dokumentation jener Live-Performance publiziert, mit der corpus das Prinzip des Colliders erstmals getestet hat.

 

Performance Collider, Darstellung 1: LISTE

 

Performance

Analysen:
• Lina Paulitsch: Alain Platel kann nicht schlafen
• Astrid Peterle: Leichtigkeit proben
• Helmut Ploebst: Donnie Rotten, The Apprentice

Essays:
[Subcollider1] „Postcontemporary“ (Autorınnen: Astrid Peterle, Nicole Haitzinger, Heidi Wilm, Helmut Ploebst, David Ender, Sabina Holzer; Captain Carey Collider): Posting / Eine Kritik / enthauptungsphilosophie / Big Chill / Das Post ist da / Keine Zeit / Temporary
• Rainer Nägele: Körper-Szenen [aus dem corpusArchiv]


Philosophie

Analysen:
• Federica Romanini: Freiheit bedeutet Verunsicherung
• Sabina Holzer: Kunst muss moralfrei sein

Interviews:
• Elisabeth Schäfer, Tanja Traxler: An Inter-View with selected Works by Karen Barad

Essays:
• Tanja Traxler: Die Physis der Physikerınnen
• Bojan Manchev: Pornoscopy – Performance [aus dem corpusArchiv]


Politik

Essays:
• Michael Hagner: „Anything goes“ als Rechtspopulismus

Glossen:
• Helmut Ploebst: Keine Garantie auf Freiheit

Analysen:
• Helmut Ploebst: Latifa Laâbissi – Politik der politischen Kunst [aus dem corpusArchiv]


Praxis

• Elisabeth Bakambamba Tambwe: Chirurgie Esthétique and IN//OUT
• Captain Carey Collider [Extra zu „Postcontemporary“]: Temporary
• Jack Hauser und David Ender: Cor.puste.x
[Subcollider2:] „Erskine-N-Collider“ (Helmut Ploebst; Heidi Wilm, Lisa Hinterreithner, Andrea Maurer, Rotraud Kern, Paul Wenninger)


Performance Collider, Darstellung 2: GRAPHIK

 

 

Der Performance Collider auf den corpusBereichen Performance, Philosophie, Praxis, Projekte und Politik.            Graphik © Helmut Ploebst

 

Fußnote:

  1. ^ Zur Illustration das folgende Bild aus der Kampagne. Ein Beispiel für kommunikativ massereiche Diskursmaterie im Begriffsbereich „Performance“. 

 

 

 

(7.2.2017; Ergänzung: 9.2.2017; Konzept Performance Collider: Helmut Ploebst)

  • impulstanz research projects