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Thomas Ballhausen: Kunst des Kartenlesens |
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ANWEISUNGEN UND FRAGMENTE AUS EINEM REISETAGEBUCH
„Could it stay with me the whole day long Fail with consequence, lose with eloquence and smile I’m not in this movie I’m not in this song“
The Notwist: Consequence
(Anweisung 1: Lassen Sie sich überfallen. Leisten Sie erst Widerstand, wenn Sie sich über die Umstände zu ärgern beginnen.)
stehe ich mit den anderen, mir völlig fremden Mitreisenden etwas abseits von dem langsam ausbrennenden Gefährt
Man hat uns aus herausgezerrt, hier wie Spielfiguren positioniert. Schatten umkreisen uns mit schnellen und präzisen Bewegungen, sie sind mit freiem Auge kaum zu erfassen, doch die klirrenden, metallischen Geräusche, die sie machen, lassen zumindest ungefähr erahnen, wo sie ihre enger werdenden Bahnen um uns ziehen.
Diese Wesen haben ihre Namen durchaus verdient.
Ich muss das alles nicht verstehen, das Niemandsland nicht, seine ihm innewohnende Regellosigkeit – oder vielmehr die hier gültigen, von allem Bekannten abweichenden Regeln.
sie lassen von mir ab, nachdem sie mich berührt, wie Tiere an mir geschnüffelt haben
ohne aktuelle Karten oder Passwörter wende ich mich nach Süden, befingere die Tarotkarte in meiner Jackentasche
Der schlechte leitende, verleitende Stern als wiederkehrendes Motiv, ein Fixpunkt meiner Gedanken: „sidera“, also: schlechte Sterne, die die Eigenschaft besitzen, einen zum Abgrund zu locken
(Anweisung 2: Gehen Sie durch das Niemandsland. Bewundern Sie die Öde.)
der Griff um den Manuskriptkoffer, ein Zielen auf das Jenseits, auch ein Jenseits der Sprache
eine Gegend, in der es nur das Jetzt zu geben scheint, ihre endlose Ausdehnung, meine Grobheit kommt mir hier entgegen
sich verwirrt vorantasten, mein Nichtwissen, mein Gehen auf etwas zu, das ich noch nicht kenne
die Aussicht, ein täuschender Eindruck von Ordnung, von vollkommen plangemäßen Strukturen, die mit der angeblich abgebildeten Wirklichkeit so gar nichts zu tun hat
kein Kompass, nur eine alte Karte, die darauf verzeichneten Gegenden waren einer Wüste gewichen, eine durch und durch verwischte Landschaft, einen Pass bei mir, der mich als Revisor des Kombinats ausweist, ein Stück Papier, das mir hilft, mich zu erinnern, wie ich mich zu verhalten habe, wie ich mich zu bewegen habe, ein Stück Papier, das mir sagt, wer ich zu sein habe, wer ich angeblich bin
gehen wie auf Stelzen, dem Tod entronnen oder weiterhin auf ihn zu
Ich könnte nun tot sein, es würde im Moment keinen Unterschied mehr machen, das Gefühl der Unsicherheit, denn die Welt weicht zurück und ich habe das Gefühl, ich könnte endgültig fallen, könnte stürzen, ohne mich je wieder zu erheben.
Also. Kriegslandschaft: eine Zone, anfänglich begrenzt, mit klaren Verläufen, Gefahrenzonen, Gefechtszonen, eine wandernde Landschaft, die sich überall dort finden lässt, wo die Front verläuft, wo gekämpft wird, wo sich Stellungen zumindest für kurze Zeit manifestierten, der Verlauf der Gefechte und die Verfestigung der Landschaft, bestimmt von der Dynamik aus Feuer und selten aufgehobener Unbeweglichkeit, eine künstlich zerklüftete, eine gegerbte Landschaft, Gefechtslinien, die nicht wirklich sichtbar sein müssen, kleine Flecken, in denen sich der Krieg niederlässt, manifestiert und einnistet, sich über die Landschaft hinweg ausbreitet, eine verdorbene, vollkommen ausgeblutete Gegend
Mein Griff nach unten bestätigt es mir, die Erde fühlt sich wie tot an.
ein Feld aus Trichtern bezeichnet, wo einmal Gebäude gestanden hatten, nur noch zu erahnen, wo die Mauern verliefen, ein fremder Planet, ganz gewiss
(Anweisung 3: Machen Sie eine kurze Pause. Ordnen Sie ihre verbliebenen Gegenstände und Gedanken.)
mein erbärmlicher Versuch der Orientierung
abgestürzte Drohnen wie verendete, überdimensionierte Insekten, ein Anblick, eine Erinnerung aus meiner Kindheit, hier hat fast immer schon Krieg geherrscht und nichts als Schrott, Rost und eine überraschend bunte Wüste zurückgelassen
Heimsuchung. Wie aus der Macht Mord geworden ist, wie das Recht der Ausnahme in eine Folge von Verbrechen übergegangen war
Die Verwüstung der Landschaft, ein erst stark begrenztes sich aber rasch ausbreitendes Gebiet des permanenten Ausnahmezustands
Geschichte macht Propheten, kein Mangel an Opfern zu verzeichnen
Ich erinnere mich. Eine Schlacht ging in die nächste über, man verlor den Überblick und die Lust, sie weiterhin zu zählen, der Begriff des Arsenals
wer alles ist hier vor die Hunde gegangen, wir haben irgendwann die Nachrichten ignoriert, einfach weitergeblättert als würde uns all das nicht wirklich etwas angehen
es war und ist, so macht man uns glauben, alles immer nur eine Frage der Reserven
eine Kaste, die wir hervorgebracht haben, ein Stand, den wir angeblich nötig hatten, Spezialisten des Todes, die wieder Dynamik in die Bewegungslosigkeit bringen sollten
Die Spiele müssen doch weitergehen.
Bewegung und Geschwindigkeit verleihen dem Krieg neue Dimensionen, aber sie verkürzen ihn nicht wirklich, eine Reihe verdichteter Konflikte war die Folge gewesen, mehr Opfer und weniger Überblick als schon zuvor
die irrige Annahme, Geschwindigkeit und Wahrnehmung würden sich positiv verbinden
fühle mich angesichts der Materialberge noch kleiner und unbedeutender als schon zuvor; mechanische Ungeheuer, wie riesige gepanzerte Tiere, Reste des Konflikts, der eine durch und durch lebensleere Gegend erzeugte
nach all dem Lärm der hier ... nun vollkommen ruhig, von gespenstischer Stille
mitten in dieser Wüste liegt ein Schiffswrack, darauf bin ich also zugegangen
(Anweisung 4: Halten Sie auf ein Gebäude zu, das Sie plötzlich entdecken, das mangels guter Tarnung sichtbar wird.)
Alles ist geborgt, das ist eine mögliche Erkenntnis. Auf die Erneuerung, auf die Erfahrung kommt es an. Der Prozess kommt vor dem Werk, der Prozess wird das Werk, Schritt für Schritt.
Ein Meister der unabgeschlossenen Werke, in Teilen vorab veröffentlicht, sodass sie nach und nach zum Gemeingut wurden. Er kannte die Begriffe aus eigener Erfahrung, von ihm konnte ich viel lernen, war er auch noch so verpönt.
und warum ich Dir immer noch meine besten Zeilen geben würde, was aus mir geworden wäre, gäbe es Dich nicht, hätte ich Dich nie getroffen, niemals angesprochen, zufällig den Heimweg geteilt
dachte immer, eine wüste Landschaft wie diese sei am besten für eine finale, entscheidende Konfrontation geeignet
ich gehe wie ein weiterer nutzloser Tourist durch die Menschleere, hier werde ich also auch nicht gebraucht, den Blick nicht abwenden können, ich will das Allerschlimmste auch noch sehen, ich will mich vergewissern, ich muss es selber gesehen haben, auch um meinetwillen
eine so verwüstete Gegend, dass nicht nur alle Gebäude eingeebnet wurden, sondern auch die Sprache ganz aus ihr verschwunden ist, kein Name kann hier noch benennen
eine Landschaft, die von keinem Sieg kündet, nur von einem schrecklichen Triumph
die Karten stimmen nicht mehr, die Wirklichkeit hat sich verändert
eine trockene, kahle Gegend, Lebendigkeit als Geschwindigkeit, Stillstand als Tod
erinnert mich an die zahllosen Bilder der gescheiterten Raummissionen, jeder Planet, der betreten wurde, war verdorben und tot, eine vergebliche Suche nach einer neuen Heimat, die man eher früher als später wieder einstellen würde, wir werden hier verenden und keiner wird uns vermissen
mich den Menschen gegenüber ausschweigen, als könnte ich verhindern, dass man etwas über mich zu wissen glaubt, etwas tatsächlich über mich weiß
als die Sonne untergegangen war: ein letztes Lichtecho aus dem Westen
(Anweisung 5: Richten Sie sich für die Nacht ein. Denken Sie über Vorzüge und Gefahren des Feuermachens und des Feuers nach.)
eine Bunkerzeile, wie die verfallene Tempelstadt eines einst mächtigen Gottes
der ursprüngliche Kontrast zwischen Umwelt und Bauten, nun sind beide gleichermaßen Ausdruck des Krieges
auch hier keine Körper, die auf Bewohner oder Besetzer schließen lassen
In dieser Region ist es die wesentlichste Regel, mit allen verfeindet zu sein.
das sind nicht meine Worte, das sind nicht meine Sätze, aber nun spreche ich sie aus und sie werden dazu, erkennen, was in mir verborgen ist, was mir fremd ist und doch zu mir gehört, verstehen, dass da auch etwas aus mir spricht, dass ganz und gar ich bin
höre mich deutlicher als sonst, spreche ich doch mit verstellter Stimme, mit geliehenem Tonfall
eine Gegend, in der ich mich fast schon menschlich anhöre
ein Außerhalb, ein Kollaps von Kategorien, keine eindeutig identifizierbare Grundstimmung mehr, eine Diffusion der Zuschreibungen
eine gänzlich neue Form des Krieges, in der auf Technik nur mit noch mehr Technik geantwortet werden kann
die Geschichte schleicht durch diese Gebäudestrukturen, die kauernden Geister beginnen sich an mich zu klammern, mich zu beschweren
Man muss erwarten, dass die verborgenen Geister aus der Erde hervordringen, dass sie, wie in manchen durchaus glaubwürdigen Legenden, emporsteigen und man ihre Zähne an den Sohlen spüren kann.
(Anweisung 6: Hören Sie aufmerksam hin. Wenn Sie sich konzentrieren, werden Sie bemerken, dass Sie unser Lied spielen. Lassen Sie sich auffordern.)
die Geister bewegen sich schneller, ich sitze wie gebannt und unbeweglich in der Mitte, möglichst nahe beim Feuer
die Sichtbarkeit der Flammen; die Schatten, die sie werfen und die nicht nur meine sind
Endlich wieder einmal Angst haben, doch der erwartete Schmerz bleibt aus, selbst als sich die Schatten über mich beugen, mich durchdringen.
Medien, die die letzte Grenze, die des Körpers, durchbrechen, da ist nun kein Unterschied mehr zwischen Innen und Außen, das also ist der Moment, wo wir auf jede Selbstkontrolle verzichten, die Klinge an der Kehle
ein Ausnahmezustand: wenn durch mich gesprochen wird, als wäre ich ein Verstärker
wie unfassbar glücklich ich bin, wenn ich tanze, ich will berührt, verführt werden, jedes Abweichen vom vorgezeichneten Weg ist mir in diesen seltenen Momenten willkommen
Was also ist das Konzept der Geisterrede?
die Versuchung, ihre Stimmen wie ein leises Summen, die Einflüsterungen, aber wer spricht tatsächlich
die Maschinenhaftigkeit der Geister, ihre Anmut und doch auch: das Klirren der Rüstungen, das Schaben des Metalls, der Harnische, der Klingen, der Geruch nach schwerem, zähen Flüssigkeiten
erst Formationen, dann wieder irrationale Auflösungen
Diese Geister unterliegen Fehlfunktionen und doch können sie weder aufhören noch sterben. Doch nicht, wie man vielleicht annehmen möchte, weil sie etwas wirklich richtig gemacht haben. Sie sind um mich herum, um mich von etwas abzubringen, um mir ihre Geheimnisse weiter zu verschleiern.
Wir erkennen uns wie Verwandte, die einander lange nicht gesehen haben. Wir sind einander nicht so unähnlich, wie ich es mir wünschen würde.
aber jeder Maschine sind die Widerstände schon eingegeben, sie sind Teil des Schaltplans, ohne sie kann es nicht gehen
wie ich also nie ein anderer sein kann, niemals werden kann, auch in der Kundgabe ist mir mein Selbst gegenwärtig, denn ich bin vorhanden wie ein Transmitter, ein organisches Gerät
die Symbole sind uneinlösbar geworden, haben sich in ihrer Funktion vom Garanten der Erneuerung zum Zerstörer verschoben, wird sind aller Welt Feind geworden
(Anweisung 7: Erwarten Sie einen weiteren Überfall. Machen Sie sich Gedanken über die Zukunft.)
Die Auseinandersetzung mit dem unvermeidlichen Thema, die Erinnerung an die Tatsache, dass die Lichter im Saal nicht einfach wieder angehen werden, es wird dunkel bleiben
als würde ich Wache halten
Die Dichtung entstammt der Dämmerung, einer Zeit des Übergangs. Wir finden darin kurze Phasen der Befreiung, des Dazwischen. Was danach unerträglicher wird, soll später gefragt werden.
Jetzt, ja, jetzt muss dieser Kampf, dieses Gefecht enden, auf die eine oder andere Weise.
die letzten, kleinen Flammen, die Glut fällt in sich zusammen
das schlussendlich Unbeschreibbare meiner Erfahrung, doch die Notwendigkeit meine Stimme, meine Worte dem Chor entgegenzusetzen, auf die Worte und ihre Macht zu bauen, diese begrenzten Räume zurückzufordern, sie zu benennen als hätten sie zuvor keine Namen gekannt, als würden sie einer Ordnung wie Untertanen harren
ungeachtet der Tatsache, dass man selbst in diesem Bunker keine Zuflucht mehr finden kann, wie auch, in einem allgegenwärtig gewordenen Zustand, wie auch, in einem Gebäude wie diesem, das in seiner überholten Form aufgebrochen daliegt
Wie soll jemand zur Ruhe kommen, der nicht begraben werden kann. Es ist unerträglich zu warten, es ist unerträglich, heimgesucht zu werden.
was macht diese neue Erfahrung aus mir, eine weitere grundlegende Verletzung, noch eine
Ich konsultiere die Karte, wenige Klicks von hier sollten die Fundamente einer ausgelöschten Stadt zu finden sein. Das Salz, das von den Siegern damals überall verstreut wurde, damit dort nichts mehr wächst, dieses dauerhafte Vernichten, diese Sicherstellung, dass auf diesen Ruinen keine neue Stadt mehr entstehen würde, könnte jetzt zu meiner Zuflucht werden.
draußen aber werden sie weiterhin lauern und erst von mir ablassen, wenn ich aufhöre, mich zu ergeben
(Anweisung 8: Halten Sie durch, bis der Vorhang fällt.)
© 2011 (18.11.2011)
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| Elijah Snow & Jakita Wagner / aus Planetary (1999 – 2009) von Warren Ellis & John Cassaday |
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