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Toygopop mit Hula-Barbie

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DAS "MODIFIED TOY ORCHESTRA", "KAPOTSKI" UND "MAXIME DE LA ROCHEFOUCAULD" IN DER REIHE "INTO THE CITY" DER FESTWOCHEN IM WIENER RADIOKULTURHAUS

Von Martina Ruhsam

Die Konsumkultur wird am besten durch ein Übermaß an entfremdeten (oder besser: zu sich gekommenen) Trashartikeln irritiert. Sub-Version!? „Into the City“ ist eine eigenständige Musik-Reihe der Wiener Festwochen, für die Wolfgang Schlag ganz im Sinn der „Küss die Hand-Verweigerung" spannende subkulturelle Musik- und Kunstprojekte ins Festwochenprogramm eingliedert. Neben einem Tribut an den Wiener Mädchen-Rock und einer Dokumentation über Peking Punk sind am Abschlussabend unter dem Titel „Under Construction“ das „Modified Toy Orchestra“, „Kapotski“ und „Maxime de la Rochefoucauld“ zu Gast.

Dass Plastikspielzeug, einem der beliebtesten spätkapitalistischen Konsumgüter, erstaunliche Musik entlockt werden kann, lernt man im Musikunterricht nicht. Fünf Herren in „Kraftwerk“-Look betreten auf der Bühne einen überschaubaren Kabelsalat und posieren in Anzug und Krawatte vor Equipment, das den Eindruck erweckt, als hätte die Band einen 1€-Shop oder einen Flohmarkt geplündert: Spielzeug-Keybords, Plastikfotoapparate, eine „Pink Jazz Drum"-Maschine, eine Spielzeuggitarre und andere Ausgeburten der Spielzeugindustrie. Das britische „Modified Toy Orchestra" spielt mit und auf den elektronisch verstärkten und neu verdrahteten Spiel- und Spaßartikeln der Trashkultur und nutzte die hervorragende Akustik des RadioKulturhauses, um dem kleinen Publikum das Klangspektrum von Kinderglück aus Kunststoff zu eröffnen.

„If we would just use normal instruments, that would make life so much easier“, sagt Brian Duffy, der Bandgründer, Showman und Philosoph, als sich das Pfeifen eines Spielzeuges wieder einmal verselbständigt. Vor dem Orchester thront eine blonde Hula-Barbiepuppe, deren Glieder bei jeder Bewegungsmanipulation elektronische Sounds hervorrufen, während auf einer Videowall der Alltag von batteriebetriebenen Plastikspielzeugtieren in einem Flughafen zu sehen ist. Was also die „Bee Gees“ 1978 mit dem Einsatz eines Spielzeug-Keybords begonnen haben, führt das „Modified Toy Orchestra“ vorerst zu einem Höhepunkt. Mit dem letzten Song, einer Coverversion von Kraftwerks „Pocket Calculator“ beendete das Orchester seine durchinszenierte Musik-Show, die alle klassischen Showelemente auf eine angenehm unklassische Weise beinhaltet: angefangen bei den Kostümen und der aufsteigenden Dramaturgie bis zu humoristischen Kommentaren und E-Gitarrensolo. An Ironie mangelt es der Gruppe aus Birmingham wahrlich nicht.

Im Zuge eines mehrjährigen Spielzeugstudiums („collaborating with the third mind of the machine“) und durch die Manipulation der Elektronik in den einzelnen Objekten erzeugen die Bandmitglieder ein im besten Sinne kakophones Klangerlebnis. Beeindruckend sind vor allem die neu verdrahteten „Touch-and-Tell-Apparate“ und ein modifizierter Apparat des Kindererziehungsspiels „Speak and Spell“. Mit diesem Lernspielzeug und seinen fünf Sprech- und Buchstabierspielen stellte Texas Instruments in den 80ern die erste Apparatur her, die die menschliche Stimme auf einem einzigen Silikon-Chip duplizieren konnte. In den Kompositionen des „Modified Toy Orchestras" spucken genau diese Automaten eine alphabetische Code-Poesie aus, die ein dadaistisches Vergnügen der elektronischen Art bereitet. Kein Wunder also, dass die Musiker John Cage, Buckminster Fuller und Texas Instruments zu ihren wichtigsten Inspirationsquellen zählen.

Der Show- und Funfaktor des ersten Konzerts zieht sich jedoch nicht durch das gesamte „Under Construction“-Programm. „Kapotski“ eignen sich Haushaltstechnologien zum Zweck der Musikproduktion an, was ihrer Überzeugung entspricht, dass jedes Objekt für einen Zweck verwendet werden könne, für den es nicht produziert und designt wurde. So ähnlich die verwendeten Objekte denjenigen des „Modified Toy Orchestras“ zum Teil auch sind, so unterschiedlich ist doch das klangliche Resultat. Die Performance von „Kapotski“ ist improvisiert, die beiden Musiker verzichten auf jegliches Show-Gehabe, und das dunkle, monotone Soundscape ist frei von Discoanspielungen. Auf dem musikalischen Schrottplatz der Belgier wird bewiesen, dass banale alte Gebrauchstechnologien für ein intensives musikalisches Erlebnis sorgen können.

Ein solches ging von dem Konzert von „Maxime de la Rochefoucauld", in dem man das Gefühl hatte, einer Vorführung perfektionistischer Automatisierungsexperimente beizuwohnen, nicht aus. Dass sich die Instrumente bei „Maxime de la Rochefoucauld" selbst spielen, erstaunt zwar in den ersten Augenblicken, dann entpuppt sich das automatisierte Orchester jedoch als technisches Mini-Spektakel, das aufgrund seiner langweiligen Klangresultate sehr bald müde macht.

 

Mehr (Pics, Blogs, Programm) zu „Into the City“ gibt es hier .

(31.5.2007)