TQW I: Wilder Tanz um das Quartier

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DER KONFLIKT ÜBER DIE KURATORISCHE POLITIK DES TANZQUARTIER WIEN

Von Helmut Ploebst

 

Unsanft schreckt die Wiener Tanzpolitik aus einer trügerischen Ruhephase. Als bekannt wurde, daß das der Intendantin des Tanzquartier Wien (TQW) Sigrid Gareis beigestellte fünfköpfige Kuratorium am 25. Jänner 2008 darüber entscheiden würde, ob deren Vertrag noch einmal verlängert wird, entstand Bewegung in der Szene.

Ende November meldete sich eine Künstlerplattform mit dem Label „tanzunit[ed]“ mit einer Petition an den sozialdemokratischen Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, in der dessen Theaterreform als Verursacherin eines „Vakuums“ abgekanzelt wurde: „Klassische Parameter des Kunstschaffens wurden hinterfragt bzw. aufgehoben zugunsten neuer Schnittstellen. Dabei sind die Möglichkeiten eigenständigen Tanz- und Performanceschaffens unter Druck geraten.“ Man forderte unter anderem eine „fristgerechte Neuausschreibung der künstlerischen Intendanz von Tanzquartier Wien“ und die „Mitwirkung von Kunstschaffenden bei der Erstellung der Ausschreibungskriterien“ für die Tanzquartier-Leitung. Außerdem eine „Evaluierung der Förderstrukturen“.

Ein Austritt

Zu den Initiatoren gehören die in Wien wohl bestgeförderten Choreografen, darunter Manfred Aichinger und Nikolaus Selimov des Tanztheaters „homunculus“, Elio Gervasi und Sebastian Prantl. Eine der Unterzeichnerinnen, Silvia Both, die bereits mit einem mittlerweile nicht mehr existierenden Festivalformat eigene kuratorische Ambitionen gezeigt hat, ist Mitglied des aktuellen TQW-Kuratoriums. Bernd Bienert, der vor wenigen Jahren nach Österreich zurückgekehrt ist und seitdem hier als Künstler Fuß zu fassen versucht, unterstützte die von mehreren Mitgliedern der Tanzszene gezeichneten Petition ebenfalls.

Wenige Tage nach Aussendung derselben traten Bienert, Both, Prantl und Selimov aus dem Arbeitskreis „Round Table Tanz“ aus. Der „Round Table“ war nach dahingehenden Überlegungen, die bei einer Veranstaltung im Kosmostheater geäußert wurden, im Tanzquartier Wien gegründet worden und vereinigt Tanzschaffende und -kuratoren mit dem Plan, die Infrastrukturen für die freie Choreografie in Österreich zu verbessern. Der Austritt wurde mit dem Argument begründet, eine „VeranstalterInnenlobby“ in der Arbeitsgruppe würde „eigenständige, kreativ unabhängige Produktionen der KünstlerInnen zunehmend verhindern und weiter Abhängigkeiten von Trends, diktiert seitens der VeranstalterInnen, erzeugen“.

Aufs Korn genommen

Mit Silvia Both wurde auch die Theoretikerin mit künstlerischen Ambitionen und kulturpolitische Sprecherin bzw. Öffentlichkeitsarbeiterin der IG Kultur Österreich, Marty Huber, nach einer Wahl im Juni 2007 von der IG Freie Theaterarbeit ins TQW-Kuratorium entsandt. Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ schreibt am 21. Jänner 2008: „In einem Brief an Mailath-Pokorny appellierte die ,Interessengemeinschaft Freie Theaterarbeit‘ gemeinsam mit einigen Choreografen, den im Sommer 2009 auslaufenden Vertrag von Gründungsintendantin Sigrid Gareis nicht zu verlängern, sondern die Stelle neu auszuschreiben. Auch im Sinne der Wiener Theaterreform, die begrenzte Intendanzen vorsieht.“ Jene Theaterreform, die die Künstlervertretung der freien Szene allerdings während der vergangenen Jahre auch entschieden aufs Korn genommen hat.

Nach dem Austritt der vier Choreografen, deren Arbeit kaum in den etablierten österreichischen oder europäischen Institutionen zu sehen ist („homunculus“ kann aber doch auf einen Auftritt im Tanzquartier verweisen und Prantl war etwa 2005 bei ImPulsTanz vertreten), aus dem Arbeitskreis des „Round Table“ begann es in der Gerüchteküche zu brodeln. IG und „tanzunit[ed]“ hätten vor, Gareis, deren Vertrag mit der Stadt Wien angeblich eine weitere Verlängerung ihrer Funktion durchaus vorsieht, in einer gemeinsamen Aktion zu stürzen. Man wolle das ausgezeichnete Standing des Hauses dazu nützen, ein lokal ausgerichtetes Modell einzuführen, in dem Heimatrechte vor Qualität stehen würden. Die Wiener Tanzkritikerin Andrea Amort hatte es während eines Vortrags im Juni 2007 in den Räumlichkeiten von Sebastian Prantl auf den Punkt gebracht: „Aus meiner Sicht ist dort heute bei all dem Standing, den das Haus international erreicht hat, nicht vielgestaltiger und stilpluralistischer Tanz im Mittelpunkt des Interesses, sondern auf Entscheidung der Leitung, und das Tanzquartier wird von der Stadt als Intendanten-Modell geführt, das zu respektieren ist, das Vorantreiben innovativer Ansätze. Das ist wichtig und legitim und soll hier nicht klein geredet werden, aber es reicht für die lokale Realität nicht aus.“

Die andere Seite

Das Statement von Sebastian Prantl anläßlich seiner Kandidatur für das TQW-Kuratorium (er erhielt 10 Stimmen; 92 Personen haben laut IG gewählt, die Summe der ausgezählten und gewerteten Stimmen betrug 175) versprach „Engagement auf politischer und administrativer Ebene - Reformierung und Neuausrichtung des TQW hinsichtlich breit gefächerter Anliegen“ und, sollte er hinter andere Kandidaten gereiht werden, „Backup-work für die designierten KuratorInnen“. Prantl werden ausgezeichnete Kontakte zur politischen Ebene nachgesagt.

Und vielleicht war es genau dieser Austritt aus dem „Round Table“, der einen anderen Teil der Wiener KünstlerInnenschaft aufmerksam machte. Jene, die die kuratorische Politik des TQW im Prinzip als die richtige Richtung ansehen, die Prämisse der Innovation eher schätzen als fürchten und nicht erfahren, daß ihr „eigenständiges Tanz- und Performanceschaffen unter Druck“ gerät. Anfang Jänner richteten auch sie ein Schreiben an den Kulturstadtrat, in dem sie sich von der „tanzunit[ed]“-Petition distanzierten: „Das Tanzquartier Wien hat sich zu einem Ort für Produktion und Präsentation von Arbeiten und Prozessen im Kontext eines transdisziplinär offenen, theorie- und praxisbezogenen Rahmens des zeitgenössischen Tanz- und Performanceschaffens profiliert. Wir finden diese Profilierung auf entsprechend hohem Niveau sehr wichtig und konsequent und fordern eine Weiterführung des Hauses auf der Basis eines international vernetzten, diskursbasierten Kuratierungsansatzes." Weiters wird vorgeschlagen, Gareis' Intendanz um zwei Jahre zu verlängern. „Bis dahin können die notwendigen Diskussionen geführt werden, um ein für alle Betroffenen möglichst akzeptables Kuratoriumssystem zu erarbeiten.“ Unterschrieben haben dies unter anderen: Milli Bitterli, Rose Breuss, Julius Deutschbauer, Philipp Gehmacher, Chris Haring, Saskia Hölbling, Barbara Kraus, Fritz Ostermayer, Frans Poelstra, Berno Polzer, Michael Stolhofer und Paul Wenninger.

Nun wurden die Medien aufmerksam. Im „Kurier“ wird IG-Geschäftsführerin Sabine Kock zitiert: „Das ist ja keine Erfindung der Stadt Wien, sondern das Tanzquartier wurde von Choreografen erstritten, die dort heute teilweise nicht einmal programmiert werden.“ Tatsächlich gab es in der Wiener Tanzszene während der 90er Jahre hartnäckige Bestrebungen, ein „Tanzhaus“ zu errichten. Ein Teil der Szene wollte einfach endlich Räumlichkeiten, um zu trainieren, zu proben und ihre Arbeiten zu präsentieren. Mit einer Institution, die weitsichtiger angelegt war, hatte man nicht so sehr gerechnet.

Enges Konzept

Durch das Tanzquartier Wien wurden die ursprünglichen Erwartungen einerseits übetroffen, in der Struktur allerdings in mancher Augen enttäuscht. Denn einer damals gegründeten Lobbygruppe mit der Bezeichnung „ChoreografInnenplattform“ zufolge sollte das Haus auf die damals unter lokaler Perspektive etabliertesten Choreografen aufgeteilt werden. Einen Teil des Kuchens etwa beanspruchte Sebastian Prantl, einen anderen Liz King (die heute im Burgenland erfolgreich Tanz-Aufbauarbeit für den Osten Österreichs leistet und sich in die aktuellen Diskussionen nicht einmischt). Selimov von „homunculus“ fungierte als Sprecher der Plattform. Das Konzept der „Tanzräume Wien“ von 1998 wurde damals von der Kulturpolitik zugunsten einer, wie sich danach herausstellte, für die österreichische Szene wesentlich nützlicheren Lösung verworfen.

Heute ist die Situation durchaus vergleichbar. Es sind im wesentlichen dieselben Protagonisten, die nun dem Vernehmen nach eine „basisdemokratische“ Lösung anstreben. Die Künstlervertretung der Wiener Tänzerschaft hat durch ihre Parteilichkeit gegen das Erfolgsrezept eines progressiven Tanzquartiers einen Gutteil ihrer Mitglieder irritiert. Stadtrat Mailath-Pokorny kann die Gespaltenheit der Szene und die zu erwartenden Querelen nach der Entscheidung des Kuratoriums, wie auch immer diese ausfallen wird, nicht freuen. Er will sich vorab nicht festlegen, wird sich aber im einen Fall mit der Enttäuschung von IG und „tanzunit[ed]" auseinandersetzen müssen, und im anderen Fall mit dem Vorwurf, er habe sich auf deren Betreiben hin für eine Provinzlösung entschieden. Denn mit Both und Huber im Boot kann auch nicht garantiert werden, daß dieses Kuratorium trotz prominenter Mitbesetzung durch die Leiterin des Institus für Tanzwissenschaften an der Uni Salzburg Claudia Jeschke derzeit konstruktiv über eine adäquate Nachfolge entscheiden kann.

Eine Panikreaktion

Es ist zu erwarten, daß beide Interessensgruppen, die Befürworter einer sofortigen Neuausschreibung und jene, die für eine Verlängerung von Gareis' Intendanz eintreten, ihr Engagement verstärken werden - was die Performance des Politischen in der Wiener Kunstlandschaft deutlich verschärfen wird. Denn für das Tanzquartier als progressiven Ort setzen sich nicht ausschließlich Tänzer ein, sondern auch Kunstschaffende aus anderen Bereichen, die über die transdisziplinäre Ausrichtung des Hauses Gareis' kuratorischen Stil schätzen gelernt haben, zeigen Solidarität.

Kurz vor Publikation dieses Texts erreicht corpus ein Schreiben, das die Leitung der IG Freie Theaterarbeit am 21. Jänner an den Kulturstadtrat gerichtet hat. Darin werden die VertreterInnen der IG im TQW-Kuratorium von 2001 bis 2005 - Daniel Aschwanden und Rose Breuss - heftig kritisiert und die umstrittene Wahl vom Juli 2007 ausführlich verteidigt. Den Unterzeichnenden des Vorschlags, die Intendanz erst in zwei Jahren auszuschreiben, wird vorgeworfen, sie wären vom TQW instrumentalisiert. Mailath-Pokorny wird an die von der IG im Jahr 2005 auch in einem eigenen Positionspapier massiv kritisierte Theaterreform erinnert: „Sehr geehrter Herr Stadtrat, wir fordern sie auf, dass Sie sich zu der von Ihnen initiierten Theaterreform bekennen und diese auch vollinhaltlich umsetzen!!“ Und mit einem überraschenden Satz schreibt sich die IG auch auf eine Position fest: „Strukturell jedoch scheint der Konflikt Anlass zu geben, das bisherige Intendanzmodell im TQW generell zugunsten eines pluralen künstlerischen Leitungsmodells zu überdenken!“ Eine Panikreaktion? Jedenfalls plädiert IG-Geschäftsführerin Sabine Kock implizit dafür, das Tanzquartier auf den Stand der Auseinandersetzungen von 1998 zurückzubomben. Die Berechtigung einer Mitsprache der IG in Belangen des Tanzquartiers scheint damit in Frage gestellt.

Wie wohl die so von ihrer eigenen Vertretung gescholtenen Künstler und der harsch angesprochene Kulturpolitiker nun reagieren werden?


(22.1.2008)